Keine Rose ohne Dorn

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Steff
Hüter der Geheimnisse
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Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Fr 27. Mär 2015, 23:08

Kurzbeschreibung:

Durch die Geschehnisse des Tjuredkriegs und der langen Epoche des Friedens kommen sich zwei Elfen aus verschiedenen Häusern näher, als sie es zulassen wollen. Der sprunghafte Weltenwanderer muss herausfinden, dass die geheimnisvolle Tochter Alathaias ihn erst in Faszination versetzt und dann nicht mehr loslässt. Kann er ihr die kühle Maske vom Gesicht nehmen oder ist ihre Seele bereits zu verschlossen, als dass sie seine Nähe zulassen kann? Jornowell/Morwenna

7 Kapitel, die ich nach und nach posten werde. Ich hoffe, es gefällt euch und ich freue mich über Rückmeldung!

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Die Bucht vor Valloncour

Die Sonne stand hoch am Himmel, beinahe hatte sie ihr Zenit erreicht. Es war ein warmer Morgen gewesen, der Mittag würde eine schwüle Hitze und Regen bringen. Die sehnsüchtigen Schreie von Seevögeln erklangen und webten gemeinsam mit dem wehmütigen Krächzen der Schiffswanten eine andächtige Melodie in die Totenstille, das von den wenigen Albenkindern an Bord ausging.

Auch sie stand still an der Reling, den Blick und die Gedanken waren in die Ferne gerichtet. Dort wo sich im seichten Nebel, hinter den gischtsprühenden Wellen die Küstenlinie Valloncours abzeichnete.

Morwenna war angespannt. Längst hätten sich am Firmament die riesigen Schwingen der Schwarzrückenadler zeigen müssen. Vor vielen Stunden hatte sich die Schar der Elfenritter unter den Befehlen von Ollowain und ihres Bruders Tiranu auf den Rücken der Riesenadler über das Meer zur nah gelegenen Insel begeben. Mit Gewalt wollte ihnen gelingen, was den Ausgang dieses Krieges entscheiden könnte. Die vor vielen Jahren verschollene Menschentochter Gishild, die Erbin der Krone des Fjordlandes, sollte im Hort der Feinde auf dieser Insel gefangen gehalten werden. Heute sollte der Tag ihrer Befreiung sein und gleichzeitig ein herber Schlag gegen die Ritter des Aschebaums ausgeteilt werden. Nur die besten Krieger Albenmarks waren ausgesandt worden, diese Aufgabe zu bestehen und die Burg der Ordensritter anzugreifen. Es würde ein entscheidender Kriegsakt werden, mit vielen Verlusten. Auf beiden Seiten.

Die Heilerin fuhr mit ihren Fingerspitzen über die Maserung des Holzes der Reling. Sie verspürte eine tiefe Abneigung gegen dieses Gefühl der Ohnmacht, die sie und sicherlich auch die anderen Heiler in ihrer Gefolgschaft verspürten. Während jeder Schlacht war es schlimm – nicht zu wissen, wie hoch die Zahl der Verwundeten, der Gefallenen und jener, die ins Mondlicht übertraten war. Jedes Mal wurde es besser, sobald sie den ersten Verwundeten vor sich liegen sah. Wenn die Schlacht der Waffen geschlagen war, und die der Heiler begann. Dann wusste sie, was zu tun war. Konnte sich ein Bild des Ausmaßes machen, welches sie in Schranken zu halten hatte. Nicht zu wissen, was auf sie zukam, behagte ihr nicht.

Dieses Mal war es schlimmer. Ihr Bruder hatte Andeutungen gemacht. Vor wenigen Tagen erst war er zu den Elfenrittern berufen worden, doch war er unter ihnen nicht willkommen. Es gab viele unter den Streitern Ollowains, die sich ein plötzliches Ende für den Fürsten wünschten. Seit Stunden kämpfte sie gegen die Gedanken an die Konsequenzen des Todes ihres Bruders an. Sie zerrten an den Kräften, die sie heute noch zu genüge in Anspruch nehmen musste. Sie brauchte einen klaren Verstand!

Die Worte, die sie Tiranu zum Abschied zugeraunt hatte, hallten in ihren Ohren immer und immer wieder: „ Wage nicht, mich allein zurück zu lassen!“ Tiranu hatte nichts geantwortet, sie nur mit diesem tadelnden Blick bedacht, den große Brüder dann aufsetzten, wenn ihre kleinen Schwestern zu sentimental wurden.

***


Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Die Segel standen straff in der Brise und der Wind brachte sie nach Albenmark. Die Mission der Albenkinder war geglückt; die Erbin des Fjordlandes war aus den Händen der Ordensritter befreit worden. Noch war nicht klar, wie hoch der Preis für ihren Erfolg war. Doch Morwenna war, als stünde sie bis zum Hals in Blut. Die Zahl der Verwundeten nahm kein Ende.

Die Heilerin stand an einer Schale Wasser und wusch sich die Hände. Sie war erschöpft. Beiläufig wischte sie ihre Finger an einem Tuch trocken und ließ ihre Schultern dabei kreisen. Die Nacht war lange nicht für sie vorbei.

Ihr nächster Patient lag in einer kleinen Kabine unter Deck. Ollowain selbst hatte sie zu ihm geschickt. Gemeinsam mit dem Schwertmeister, einem Maurawani und Tiranu war er unter den letzten Kämpfern auf der Ordensburg gewesen.

Die Elfe hielt sich nicht lange mit Klopfen auf, sondern trat unaufgefordert in die Kammer ein. Hinter sich schloss sie die Tür und musterte die Gestalt auf der schmalen Pritsche, die fast die gesamte Kammer einnahm.

Jornowell, der Sohn des einstigen Hofmeisters der Königin, lag lässig mit einem angewinkelten Bein auf den Seidenlaken und hielt die Augen geschlossen. Morwenna war sich nicht sicher, ob der blonde Elf sie nicht bemerkt hatte oder wirklich schlief. Leise umrundete sie das Bett. Schon während sie sich neben den schlanken Körper auf den Bettrand setzte und ihr Wundbesteck auf dem kleinen Schränkchen neben sich ausbreitete, suchte sie den Elfen nach äußerlichen Verletzungen ab.

Jornowell lag auf dem Rücken, ein Arm hatte er angewinkelt hinter seinen aschblonden Schopf geklemmt. Auf seinen feinen Gesichtszügen zeigte sich ein friedlicher Ausdruck. Er war ein schöner Mann, dem ein gewisser Ruf nacheilte. Morwenna hatte in der Zeit, in der sie an Emerelles Hof gelebt hatte, die Geschichten gehört, die man sich über Alvias‘ Sohn erzählte. Der unschuldige Zug auf dem schlafenden Gesicht mochte nicht so recht zu diesen passen. Einzig die Platzwunde über seiner Braue trübte das Bild der Harmonie und erzählte die Geschichte des Draufgängers, für den er sich gerne ausgab.

Morwenna legte dem Elfen die Hand auf die Brust, um mit ihren magischen Sinnen nach weiteren Wunden zu suchen. In diesem Moment erwachte der Elf. Für einen Moment war sie irritiert von den verschiedenfarbigen, eindringlichen Augen, die sie plötzlich erstaunlich wach anstarrten. Mit seinen aschblonden Haaren und der sonnengezeichneten Haut hatte Jornowell ein ohnehin ungewöhnliches Erscheinungsbild, doch seine Augen in den Farben von Bernstein und Beryll adelten dieses. In ihren Tiefen begann der Schalk zu tanzen …

„Ist dies das Mondlicht?“, raunte er mit rauer, gebrochener Stimme. Seine Stirn hatte sich in fragende Falten gelegt, seine Mundwinkel formten ein müdes Lächeln. Er legte den Kopf schief, das Lächeln wandelte sich in einen staunenden Ausdruck. „Du bist unvergleichlich … dies muss das Mondlicht sein!“

Morwenna schnaubte: „Die Kopfverletzung scheint ernster zu sein als sie vermuten lässt … Halt still. “ Die Heilerin in ihr sammelte sich und fuhr mit ihrer Untersuchung fort. Ohne Widerstand ließ Jornowell sie gewähren. Wieder legte sie die Hand auf die Brust des Blonden und begann, ihre Sinne nach inneren Verletzungen suchen zu lassen. „Die Schulter ist ausgekugelt und ein paar oberflächliche Schnittwunden, ansonsten hattest du mehr Glück als die meisten deiner Gefährten.“

„Es scheint so …“ Unverhohlen bedachte er sie mit einem durchdringenden Blick, der Morwenna unruhig werden ließ. „Habe ich auch das Glück deinen Namen erfahren zu dürfen?“

„Morwenna“, erwiderte sie kühl.

„Ich wusste, diese dunklen Augen kommen mir bekannt vor. An dir gefallen sie mir allerdings besser.“

Er musterte sie mit verschleierten Augen und die Blicke verrieten seine Gedanken.

„Tu tatest recht daran, Heilerin zu werden. Bei deinem Anblick werden nicht nur krumme Rücken und lahme Gliedmaßen wieder aufgerichtet…“ Er lächelte vielsagend. „…Er heilt gewiss auch die Seelen …“

Der Nachsatz war zu spät gekommen und zu lapidar ausgesprochen gewesen. Das und sein anzüglich-freches Lächeln verrieten, dass er nicht einmal ernsthaft versuchte, die unverschämte Anspielung seiner Worte zu verbergen.

Morwenna hob eine Augenbraue – sie war sich nicht sicher, ob sie ihn abstoßend oder unbeholfen finden sollte. Jedenfalls verlor sie langsam die Geduld.

Es kam nicht selten vor, dass einer ihrer Patienten die unvermeidliche Nähe am Krankenlager mit dem Nichtvorhandensein von Moral und Sitte verwechselten. Diesen plumpen Annäherungsversuchen begegnete sie stets mit kalter Schulter. Meistens reichte es, wenn die Patienten erfuhren, mit wem sie es zu tun hatten, um sie abzuschrecken. Anscheinend war Jornowell da anders …

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass diese linkischen Sprüche bei den Damen bei Hofe tatsächlich zu Erfolg führen.“ Die Fürstentochter griff nach einer Flasche Branntwein, die sie mit sich gebracht hatte und träufelte etwas davon auf ein Stück Leinen. Unlieblich aber gewissenhaft säuberte sie damit die Wunde auf Jornowells Stirn.

Der selbsternannte Weltenwanderer zuckte unter den brennenden Berührungen zusammen und zischte zwischen zusammengepressten Zähnen hindurch: „Kommt ganz auf die Definition von Erfolg an. Außerdem würde ich die Wahrheit auszusprechen nicht linkisch, sondern aufrichtig und ehrbar nennen.“

Jetzt war es an der Heilerin, die Zähne zusammenzupressen. Diese Aussage hatte etwas unbestreitbar Widersprüchliches. „Sind deine Absichten denn aufrichtig und ehrenhaft?“ Anschließend murmelte sie leise ein Wort der Heilung und verschloss die Wunde über der Braue.

Das Lächeln des Blonden wurde breiter: „Das kann ich nicht behaupten.“

„Zieh dein Hemd aus“, sagte sie unvermittelt und versetzte ihr Gegenüber erst in Erstaunen und dann in Glückseligkeit.

„Du weißt, was du willst“, erwiderte Jornowell leichthin und zwinkerte ihr zu. Mit einem weiteren anzüglichen Feixen nestelte er mit einer Hand an den Knöpfen seines Hemdes herum. Als er die andere hinzuziehen wollte, zuckte er übertrieben zusammen und stieß einen Schmerzenslaut aus. „Ah, meine Schulter … ich fürchte, du musst mir zur Hand gehen.“

Morwenna hob eine Braue. Sie beäugte skeptisch ihren Patienten, der sich verzweifelt an den Verschlüssen des Hemdes zu schaffen machte und wenig bis gar keinen Erfolg hatte. Dabei setzte er einen fast entschuldigenden Blick auf. Nur mit Mühe konnte sie sich ein Augenrollen verkneifen, als sie sich vorbeugte und ihm zur Hilfe ging. Dies war genau diese Art von Bauerncharme – welchem jedes Niveau und jedem Reiz fehlte –, dem Morwenna nichts außer einem müden Lächeln abgewinnen konnte. Jedenfalls war ihr daran gelegen, schnellstmöglich diese Kabine verlassen zu können.

Natürlich streiften seine Finger ganz beiläufig die ihren, als er seine Hände zurückzog, um sie gewähren zu lassen. Geschickt öffnete sie die Verschlüsse und versuchte dabei penibel, nicht in seine Augen zu sehen.

„Man könnte dies als Erfolg werten …“

„Oder als Mitleid!“

Jornowells Gesicht formte sich zu einer Grimmasse des Schmerzes. „Autsch.“

Sie erhob sich vom Bett, um Jornowell aus dem Hemd zu helfen. Vorsichtig begann sie damit, es über die ausgekugelte Schulter zu ziehen und positionierte sich so, dass sie mit dem Fuß guten Halt an der Bettkante fand. Ohne dass Jornowell ihre Intention erkannte, umschloss sie mit festem Griff seinen Arm und zog mit einem kräftigen Ruck das Gelenk zurück in seine Pfanne. Laut keuchend und sichtlich erschrocken wandte sich der Elf abrupt zu ihr und zuckte dann vor Schmerz zusammen.

„Ah, du elendes M-mhmmm …“, presste er zwischen schmerzerfülltem Atemstößen hervor und warf sich zurück in die Kissen.

„Ja?“, forderte sie ihn zum Weitersprechen auf. Endlich zeigte sich das wahre Gesicht hinter dem affektierten Verhalten des Hin-und-wieder-Höflings. Sie warf beiläufig das Hemd beiseite und bedachte die lange Schnittwunde am Schlüsselbein, die zum Vorschein gekommen war. Lang zwar, aber nicht besonders tief. Es war wirklich pures Glück gewesen, das den Sohn Alvias‘ überhaupt noch hier liegen konnte. Nur leider zeigte er sich wenig dankbar …

„Verdammt“, murmelte er sichtlich um Fassung bemüht und rieb sich mit einem anklagenden Blick die Schulter. „Du bist stärker als du aussiehst.“

Morwenna überging diesen Kommentar und fuhr damit fort, auch diese Wunde mit Branntwein zu reinigen. Die Haut seines Oberkörpers wies ebenso wie die seines Gesichtes nicht die edle Blässe auf, mit der sich die anderen edlen Elfen Albenmarks schmückten. Er musste sich oft nackt in der prallen Sonne bewegt haben. Völlig nackt? Dieses Zeugnis von Schamlosigkeit ließ sie einen Moment stocken, was Jornowell nicht zu entgehen schien.

Die Elfe räusperte sich und strich sich eine Strähne des schwarzen Haars aus dem Gesicht, die sich aus dem Knoten hinter ihrem Kopf gelöst hatte. Sie wich dem eindringlichen Blick und dem unverschämten Lächeln von Jornowell aus und fokussierte ihren Blick wieder auf die Wunde. Sie beschwor sich zur Contenance – sie war eine erfahrene Heilerin und dies war nicht der erste nackte Oberkörper, den sie sah. Sich davon aus der Ruhe bringen zu lassen war nicht ihre Art. Dennoch fühlte sie sich ertappt.

„Das war knapp“, sagte sie, nur um irgendetwas zu sagen, während sie auch diese Wunde heilte. Innerlich ärgerte sie sich über ihren Moment der Schwäche – nie würde sie auf die Idee kommen, sich mit einem Elfen, der so unwirsch und tagträumerisch wie Jornowell es war, einzulassen. Dennoch konnte sie nicht behaupten, dass dieser Moment sie völlig kalt ließ.

„Allerdings“, schnaubte Jornowell und verzog das Gesicht, „Es war dein Bruder, der ihn niedergestreckte, ehe er sein Vorhaben beenden konnte. Ist er auch zurück gekehrt?“

„Ja“, entgegnete die Heilerin und dachte daran, wie deutlich Tiranu ihr gemacht hatte, dass man unter den Elfenrittern heimlich den Wunsch hegte, er würde in der Schlacht umkommen. „Enttäuscht dich das?“

Jornowell sah sie lange an, jeglicher Schalk war aus seinen Augen gewichen. „Nein, denn ich glaube nicht, dass ich noch mehr Schmerz und Kummer in deinem Blick ertragen könnte.“

Ihr war als würde ihr Herz einen Schlag lang aussetzten. Innerlich krampfte sie zusammen, verschloss sich, als würde sie eine Tür zuschlagen. „Nun, niemand zwingt dich, mich anzusehen!“

Morwenna erhob sich ebenso plötzlich wie entschieden und wandte sich zum Gehen. Sie fühlte, wie er ihre Hand festhielt: „Verzeih mir, ich wollte dich nicht kränken!“

Nur mühsam konnte sie den aufkeimenden Ärger unterdrücken und sich von Jornowells Griff lösen. Sie packte schweigend ihre Sachen zusammen und verließ die kleine Kajüte. Wie sie die Tür hinter sich schloss, atmete sie tief durch, ehe sie sich zu ihrem nächsten Patienten begab.
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Sa 28. Mär 2015, 23:10

Sehr gut. Klasse geschrieben, teilweise erinnert der Stil sogar an den von B. Hennen. Mach nur weiter, ich bin dabei.

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » So 29. Mär 2015, 01:06

@chrisantiss: Vielen Dank für deine lieben Worte. Freue mich, mehr von dir zu hören!

Viel Spaß beim nächsten Kapitel!
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Auf den Straßen Vahan Calyds


Der Tag begann trüb. Morgendlicher Nebel vermischte sich mit dem Schwefelgeruch der Feuerwaffen. Das Krächzen einiger Aras und anderen Mangroven-Vögel webte eine unheimliche Tiefe in die bleierne Stille. Überall am Hafen herrschte stumme Betriebsamkeit, dabei schien die Zeit langsam und unnatürlich zäh zu verstreichen.

Die Ordensritter hatten einen grausamen Rachefeldzug gegen die Herrschafft der Albenmark vollführt. In der Nacht waren sie in die ewige Stadt Vahan Calyd eingedrungen und hatten diese auf grausamste Weise gebrandschatzt. Unzählige Opfer hatten sie gefordert und die altehrwürdigen Straßen mit dem Blut von Albenkindern getränkt. Ebenso überraschend wie effektiv hatten die Ritter aus der Anderswelt die Stadt eingenommen und plünderten die Paläste der Edlen Albenmarks, während in den Straßen Verwundete, die man achtlos zurück gelassen hatte, um ihr Überleben kämpften. Der magische Puls der Stadt war vergangen und hinterließ einen wundübersäten, klaffenden Kadaver aus Palastruinen und zerschlagenem Prunk. Der Widerstand war gebrochen.
Zumindest war Jornowell davon ausgegangen.

Als er letzte Nacht am Hafen stand, umringt von hundert Albenkindern, um der Krönung der Königin beizuwohnen, war er angetrunken gewesen. Gemeinsam mit den stämmigen Kentauren aus Uttika hatte er voller Verblüffung erlebt, dass Emerelle zum ersten Mal in ihrer jahrhundertlangen Herrschafft nicht in der Nacht des Festes der Lichter zur Königin gekrönt worden war. Die Elfe war nicht erschienen. Stattdessen riefen die Fürsten Albenmarks Ganavee aus Arkadien zur neuen Herrscherin aus.

Die Kobolde und Kentauren hatten dies als böses Omen gesehen. Da näherten sich zwei Galeeren dem Prunkschiff der neuen Königin – und der Untergang Vahan Calyds nahm seinen grausamen Anfang. An Bord der Galeeren war Schießpulver geladen, dessen gewaltige Explosionskraft die Barkasse der Königin zerschlagen hatte, wie ein gewaltiges Feuerwerk der Zerstörung. Dann waren die Ordensritter zu Tausenden über die verstören und panischen Albenkinder gekommen, die sich in Scharen am Hafen gesammelt hatten. Die eiskalten Mörder hatten unter ihnen ein Fest des Blutes und des Grauens begangen.

Jornowell war außer sich gewesen. Unfähig, auch nur ansatzweise klar einen Gedanken fassen zu können, sah er sich dem Schutz der Kentauren ausgeliefert. Obgleich schlagartig nüchtern kam er sich betäubt wie nie vor. Nie hätte er geglaubt, dass die Stadt, die wie kein anderer Ort die Macht Albenmarks bekundete von den Menschen angegriffen werden könnte. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er – ein ausgesuchter Lebemann und Kämpfer für seine Freiheit – so kurz davor stand, die Schwelle zwischen dem Lebenshunger und dem Todeswillen zu überschreiten, um sich dem Schrecken dieser Nacht entziehen zu können.
Die Kentauren hatten sich erst dem fliehenden Pulk der Albenkinder angeschlossen, der vom Hafen wegströmte. Anschließend entschieden sie sich, den Menschen entgegenzureiten. Jornowell war in der Massenhysterie von seinen Freunden getrennt worden. Statt sich ihnen anzuschließen, wählte er den Weg des Schwertes. Er war ein Elfenritter!

Bald wurden verzweifelte Kämpfe auf den Straßen, Gassen und Höfen der alten Stadt ausgefochten. Es war hoffnungslos. Die Menschen waren überlegen. Es vergingen nur wenige Stunden, ehe die Ordensritter die Stadt eingenommen und ihre Geschosse ihren Glanz in Ruinen gelegt hatten.
Doch das Schicksal wollte nicht, dass er fiel.

Seite an Seite mit seinem Neffen Anarion war der Elfenritter nun auf verborgenen Wegen zum Fürstenturm Alvemers unterwegs, an dem sich ein kleinerer Hort des Aufstandes gegen Tod und Verderben befinden sollte. Anarion hatte ihm unlängst von diesem Ort berichtet, zu dem verwundete Albenkinder aus der gesamten Stadt gebracht wurden. Jornowell hatte nicht gezögert, Anarion zu begleiten, um das Seinige zu tun, diesen Widerstand zu unterstützen.

Wie auch Jornowell war Anarion ein Elfenritter, der persönlich von Ollowain in die vordersten Reihen der weißen Streitmacht Albenmarks berufen wurde. Er war der junggebliebene und hitzköpfige Sohn seiner älteren Schwester, einem Kampf stets geneigt und sowohl furcht- wie auch kopflos. Jornowell hatte Mühe damit, seinen Begleiter hinter den schattigen Winkeln der engen Gassen zu halten, die er als ihren Weg zum Turm von Alvemer auserwählt hatte. Wohl kein Albenkind – außer vielleicht die Holden – kannten Vahan Calyd besser, als Jornowell es tat. Schon als Kind begleitete er seinen Vater schon Wochen vor dem eigentlichen Beginn des Festes der Lichter, um die nötigen Vorbereitungen für den Einzug der Königin zu treffen. Statt sich aber brav und stumm bei seiner Amme aufzuhalten, erkundete Jornowell die Stadt auf seine eigene Faust und wäre dabei beinahe in den Nahen Mangroven ertrunken. Auch an jedem darauffolgenden Fest zog er es vor, die feiernden Elfen zu meiden und sich stattdessen den Minotauren, Kobolden und Apsaras als passendere Gesellschafft auszusuchen und stieß so in die entlegensten Teile der Stadt und sowie die der Sitte und Moral vor.

All diese Erinnerungen an durchzechte Nächte und feiernde Albenkinder lagen nun in Ruinen vor seinen Füßen. Es war nicht das erste Mal, dass Vahan Calyd derart verwüstet wurde. Doch damals hatte er sich nicht in der Stadt aufgehalten, sondern den Schrecken nur aus Berichten anderer mitbekommen. Diese ihm so geliebte Stadt so sehen zu müssen, brach ihm beinahe das Herz.

„Es ist nicht mehr weit, warum gehen wir nicht schneller voran?“ Anarion klang ungeduldig hinter ihm und Jornowell verdrehte die Augen.

„Ein schnelles Vorankommen bedeutet möglicherweise auch einen schnellen Tod“, entgegnete er gereizt. Noch immer waren die Ordensritter in der Stadt und plünderten Festen und Paläste. Es war dumm, ein unnötiges Risiko einzugehen.

„Die Elfe im Orchideengarten hat sich von ihnen nicht so einschüchtern lassen.“
‚War ich jemals so jung?‘, fragte sich Jornowell, als sie sich weiter die Gasse hinauf pirschten und schließlich dem Tor des für seine Schönheit berühmten Orchideengarten von Alvemer gegenüberstanden.
Der große Vorplatz, der sie noch vom Turm trennte, lag verlassen vor ihnen. Jornowell und Anarion gelangen ungesehen durch einen langen Tunnelgang in den Garten, dessen Blütenduft die Luft tränkte. Eine kristallene Kuppel verlieh dem Ort eine entrückte Atmosphäre und wirkte abschirmend vor dem Schrecken der hinter ihnen lag.

Was ihnen aber vor Füßen lag, schockte den Elfenritter. An den Rändern der Blumenbeete lag Verwunderter an Verstümmeltem, Elfen, Kobolde, zwei Kentauren und selbst Blütenfeen hatten sich in den Grünflächen niedergelegt. Wenige Helfer und Heiler gaben ihr bestes, um die Albenkinder zu versorgen. In einer Ecke waren unter einem Laken mehrere reglose Körper übereinandergestapelt. Zwischen dem Schweigen der Heiler und Verwundeten war das Murmeln einiger Brunnen und das Zirpen von Singvögeln zu vernehmen. Hunderte Blüten vermochten nicht zu überdecken, was er hier sah.

Dies war kein Hort des Widerstandes, sondern eher ein letzter, verzweifelter Versuch, sich gegen Tod und Zerstörung aufzubäumen. Es gab keine Wachen, keine Krieger, die diesen Garten gegen den sehr wahrscheinlichen Fall, dass sich die Ordensritter auch hier nicht auf Gnade berufen würden, verteidigen konnten.

Jornowell durchschritt die Reihen der Verwundeten und versuchte, sich zu sammeln. Am Rande des Gartens bemerkte er viele Gesichter, die sich trotz des Elends der Schönheit dieses Ortes nicht verschließen konnten. Gemeinsam schöpften sie Wasser aus den Brunnen, sich kümmerten um Kinder oder schnitten Stoffbahnen für die Verletzungen der anderen Albenkinder.

„Bringt ihn hierher, die Blumen scheinen ihm zu gefallen. Achtet darauf, dass er den Kopf nicht dreht.“ Die Stimme, die dies ausgesprochen hatte, klang zwischen Bestimmtheit und Zuversicht. „Naylin, sorg dafür, dass dieser Holde die doppelte Ration Wasser bekommt. Er hat zu viel Blut verloren … Dann hilf deiner Schwester dabei, die zerschmetterten Vorderläufe des Kentauren zu richten. Wendet euch an mich, wenn es euch nicht gelingen sollte.“

„Jawohl, Herrin“, kam die zweifellose Antwort. Die junge rothaarige Elfe eilte an Jornowell vorbei, um die Anweisungen auszuführen. Ebenso wie die anderen Helfer, welche sich bestimmt ihren Aufgaben widmeten.
Die zierliche Elfe, die inmitten der Geschehnisse stand, koordinierte noch einige weitere Heiler, ehe sie sich in dem großzügig angelegten Garten umsah. Dabei strich sie sich die dunklen Locken aus dem Gesicht, die aus ihrer aufwendigen Hochsteckfrisur gefallen waren. Ebenso wie die anderen Elfen trug auch sie noch ihre festlichen Roben. Ein schulterfreies Kleid in der Farbe des Nachhimmels betonte ihre schlanke Figur und ließ sie gleichzeitig erhaben erscheinen.

Jornowell wusste, dass in der letzten Nacht die Fürstin Ganavee aufgrund der Abwesenheit Emerelles zur nächsten Königin Albenmarks gewählt worden war. Wie so viele andere war auch sie dem Feuer der Ordensritter zum Opfer gefallen. Morwenna war von diesem Schicksal verschont geblieben und ebenso wie dem Tod schien sie der Wahl der Elfenfürsten die Stirn zu bieten. Inmitten des alten Gemäuers umrankt von Blüten und Efeu wirkte sie wie eine Königin, zu der das Volk aufblickte.
Sie war unvergleichbar schön.

Anarion räusperte sich neben ihm, sodass Morwenna zu ihnen blickte. „Meine Herrin, wir sind gekommen, um unsere Hilfe anzubieten. Mein Name ist Anarion und dies ist mein Onkel Jornowell. Wie können wir dich unterstützen?“

Die dunkelhaarige Heilerin wirkte überrascht, sie zu sehen. Jornowell fragte sich, ob sie ihn überhaupt erkannte. Er selbst hatte noch immer einen Anflug von schlechtem Gewissen, wenn er an sie dachte. Er hatte sie bei ihrem letzten Zusammentreffen weder ihrem Stand angemessen behandelt, noch sich für ihre Hilfe bedankt.

Einen Moment lang schwieg sie, dann bedachte sie beide mit einem strengen Blick: „Ist euch jemand hierher gefolgt?“

„Nein, niemand“, entgegnete Anarion selbstsicher und ohne zu zögern. Einige Herzschläge lang bedachte Morwenna ihn kritisch: „Die anderen Heiler und ich sind am Ende unserer Kräfte. Wir haben kein Wundbesteck, mit dem wir operieren könnten. All unsere Macht wird dazu benötigt, die Verwundeten am Leben zu erhalten. Dabei ist dies nur ein Wettlauf gegen die Zeit – uns fehlen die Mittel, um sie zu versorgen zu können. Wir brauchen Nahrung und das fehlende Wundbesteck.“

„Die Fürsten haben sich alle auf große Feste vorbereitet. Die Türme müssen überquellen vor Lebensmittel für Festbankette. Sicherlich wird sich auch Wundbesteck finden lassen …“
Anarions Einwand wurde von Morwenna mit einer gehobenen Braue bedacht. „Natürlich habe ich bereits Männer in die Stadt ausgeschickt, doch sie sind alle nicht zurückgekehrt. Der Turm von Alvemer ist vollständig geplündert worden.“

„Der Turm unserer Familie ist nicht – zumindest noch nicht – geplündert worden. Er liegt nicht weit von hier, dort werden wir ausreichend Lebensmittel finden.“
Morwenna wechselte einen Blick mit Jornowell und er nickte: „Wir werden den Weg durch die Kanalisation wählen. Dort wird uns kein Ordensritter sehen.“

Als er das Wort Kanalisation gesagt hatte, bedachte Morwenna ihn mit einem Blick, der deutlich machte, wie passend sie diesen Ort für ihn hielt. Jornowell ärgerte sich ein wenig über ihre Überheblichkeit. Wie sie sich gab zeugte weder von Dankbarkeit noch von Wertschätzung. Dennoch wollte er sich ihr gegenüber erkenntlich zeigen. Sie hatte ihn ihrem Vorhaben die Unterstützung verdient, die sie ihr anboten, ganz gleich wer sie war und wie sie die Hilfe entgegennahm.

Er würde sie nicht enttäuschen – und ihr beweisen, dass er nicht der sprunghafte Elf ohne Anstand war, für den sie ihn hielt. Wenn er letztlich ehrlich zu sich selbst war, konnte er ihr nicht einmal übel nehmen, dass sie eine niedrige Meinung von ihm hatte.

***

Die Nacht war längst über die hohen Türme der Hafenstadt gezogen, als sie sich auf dem Rückweg zum Orchideengarten befanden. Die steinernen Decken der Kanalisation warfen eine angenehme Kühle zurück und hallten ihre Schritte wider. Der Gestank allerdings …

Jornowell blickte hinter sich, wo Anarion sich an seine Fersen geheftet hatte. Sein Neffe war ungeduldig, der Drang sich zu beweisen, sprach in dieser Nacht aus all seinen Taten. Wie auch Jornowell hatte er sich mehrere Taschen voll mit Essen, Verbandsmaterial und Wundbesteck umgehangen. Immer wieder drängte er zur Eile.
„Kann es sein, dass dir an mehr gelegen ist als an der Genesung der Verwundeten? An der Aufmerksamkeit einer bestimmten Elfe vielleicht?“, fragte Jornowell mit einem erheiterten Lächeln auf den Lippen.
Anarion sah zu ihm auf, auch er lächelte: „Sie ist beeindruckend, nicht wahr?“

Jornowell schüttelte den Kopf. „Eher kalt und herablassend. Vergiss nicht, wer sie ist und aus welcher Sippe sie stammt.“ Dies waren die Worte, die er als Onkel seinem Neffen schenkte, doch Jornowell, der Mann hinter diesen Worten, konnte Anarion verstehen.

„Ich kenne rein zufällig einen Elfen, der sich trotz der Schwüre, die sein Vater geleistet hatte, gegen jedwede Erwartungen und Pflichten seiner Sippe gestellt hat. Er hat mir einmal beigebracht, dass man Personen nur aufgrund ihrer Taten beurteilen sollte, niemals aufgrund ihrer Abstammung. Was ist aus diesem Elfen geworden?“

Jornowell legte nicht ohne Stolz seinem Neffen einen Arm um die Schulter: „Möglichweise will dieser Elf etwas nicht wahrhaben …“

***

Morwenna beugte sich über eine Elfe, deren Arme unter starken Verbrennungen leiden mussten. Sie waren in dicke Verbände gewickelt worden. Man hatte der totenblassen Elfe das Kleid bis zu den Hüften herabziehen müssen um sie behandeln zu können. Als der Elf in ihr Gesichtsfeld trat, versuchte sie, ihre Blöße zu bedecken. Sie zuckte allerdings nur heftig unter den Schmerzen zusammen, die sie im nächsten Moment zu überwältigen schienen.

Jornowell zog Anarion ein Stück zurück, Morwenna bedachte ihn dabei mit einem bitterbösen Blick. Innerlich schalt der Weltenwanderer seinen Neffen für seine Unbedachtheit, sich der Verwundeten derart zu nähern. Sein jungenhaftes Ungestüm war hier absolut fehl am Platze. Anderseits wusste er, dass der Sohn seiner Schwester nur helfen wollte. „Geh zum Tor und halte dort Wache!“

„Was?! Aber …?“

„Tu, was ich dir sage. Wenn du wirklich helfen willst, dann warne uns, falls sich die Ordensritter hier noch einmal blicken lassen sollten!“

Anarions Blick änderte sich und wurde ein wenig abschätzend. Der Trotz sprach aus ihm, als er mit einem kurzen Blick zu Morwenna hin sagte: „Ich verstehe. Wie mir scheint, sind dir meine Interessen ein Dorn im Auge …“ Er wandte sich dennoch zum Gehen und sein Onkel war froh, dass er keinen Streit vom Zaun brach.
Seufzend wandte Jornowell sich um und blickte in die obsidianschwarzen Augen von Morwenna. Die Elfe stand völlig unvermittelt direktvor ihm und hatte die Arme vor der Brust verschränkt, auf ihren vollen Lippen lag ein spöttisches Lächeln: „Anstand und Sitte scheinen in deiner Familie wohl ein großes Thema zu sein.“

„Ich entschuldige sein Ungestüm, er will nur helfen, wo er kann.“ Er deutete auf die vielen Beutel, die Anarion und er vor dem Brunnen im Zentrum des großzügig angelegten Gartens niedergelegt hatten. „Wir haben genug Lebensmittel für die nächsten Tage zusammengetragen. Hoffen wir, dass wir hier so lange nicht ausharren müssen.“

Morwenna wandte sich nicht zum Brunnen um, sondern hielt seinem Blick stand. Sie wirkte wenig beeindruckt. Erwartete sie, dass er noch etwas sagte?

„Wie kann ich helfen?“ Mit dieser Frage zeigte sich die Elfe anscheinend zufrieden. Sie kam einen Schritt auf ihn zu, noch immer durchbohrten ihre dunklen Augen seinen Blick. Er kam sich vor, als würde er einer Musterung unterzogen.

„Das Mädchen dort ist die Tochter von der Verwundeten mit den Verbrennungen.“ Die Heilerin sah zum Rande des Gartens, wo sich mehrere Kinder um einen kleineren Brunnen sammelten. Sie sprach leise: „Das Mädchen fürchtet sich vor dem Anblick ihrer Mutter und diese sieht sich momentan außer Stande, sich um sie zu kümmern. Geh zu ihr und lenk sie und die anderen Kinder von dem Elend hier ab.“

Eine steile Falte erschien auf der Stirn des Blonden. Jornowell kam sich herabgesetzt vor. Eine Amme zu spielen war nicht seine Vorstellung von Hilfeleisten. Dennoch widersprach er der Elfe nicht. Er wollte nicht, dass sie dachte, er sei sich zu schade für solch eine Aufgabe. In Wahrheit war er froh, eine Beschäftigung zu haben, die auch ihn von dem Gefühl der Machtlosigkeit ablenken würde. Außerdem war er immer gut mit Kindern gewesen und ihm würde es gewiss gelingen, sie ein wenig aufzuheitern.
„Worauf wartest du? Du hast doch auch sonst so viele Geschichten zu erzählen …“

***

Der Heilerin fiel es schwer, sich auf die Versorgung ihres Patienten zu konzentrieren. Den Armbruch zu richten war eine Aufgabe, die ihr normalerweise leicht von der Hand gehen würde. Doch zwischen dem Plätschern der Brunnen hallte eine warme Stimme über das naheliegende Blumenbeet. Seit geraumer Zeit opferte sich ein großer Teil ihrer Aufmerksamkeit dieser Stimme. Sie sprach von aufregenden Abenteuern in fremden Ländern und anderen Welten.

Morwenna sah auf und blickte herüber zu Jornowell, der sich auf dem steinernen Rand des Brunnens niedergelassen hatte und zu den Kindern sprach. Die kleinen Elfen und Kobolde saßen ihm zu Füßen und jedes der Kinder schenkte ihm mit großen Augen seine Aufmerksamkeit, stellten ihm aufgeregte Fragen und verlangten unermüdlich, dass er weitere Geschichten erzählte. Inzwischen war es tiefe Nacht, der Garten wurde von silbernen Lampions erhellt, die ihr Licht in die verborgenen Winkel des kleinen Wunderreiches sandten. Eigentlich sollten die kleinen Albenkinder längst erschöpft eingeschlafen sein, doch wann immer Jornowell feixend von etwas berichtete, lachten die Kinder, welche vor wenigen Stunden noch verängstigt an der Mauer gekauert hatten, laut und unbeherrscht auf. Sie waren wie gebannt von seinen Erzählungen. Und nicht nur die Kinder fanden Gefallen an seinen Abenteuern – Morwenna war sich sicher, dass sie zum Großteil aus den Fingern gesogen waren – zu finden. Etliche Verwundete zeigten ebenso ein Lächeln auf den Lippen, wenn er die Stimme hob, als hätten sie ein klein wenig Frieden für sich gefunden.

Jornowell sah unvermittelt auf, direkt zu ihr herüber. Er stockte in seinen Erzählungen. Einen Moment lang hielten sich ihre Blicke gefangen und Morwenna stellte verblüfft fest, dass sie selbst aus dieser Entfernung die verschiedenen Farben seiner Augen ausmachen konnte. Es war nur die Länge eines Herzschlags, den sie sich einfach nur ansahen – und genauso plötzlich wie dieser Moment gekommen war, war er wieder vorüber.

Sie senkte den Blick. Noch lange waren ihr seine Worte von ihrer letzten Begegnung, als er vor ihr im Krankbett gelegen hatte, in den Ohren widergehallt. Die Trauer in ihren Augen, von der er gesprochen hatte, sah sie am heutigen Tag in vielen Gesichtern. Und anders als sie, vermochte er diese Trauer wenigstens für einige Momente in ein Lachen zu verwandeln. Er lenkte die Kinder mit den Erzählungen über feuerspeiende Drachen, zauberwebende Dryaden und geheimnisvolle Dunkelalben ab und half dabei, ihre unschuldigen Seelen wenigstens ein klein wenig von dem Leid, das sie heute erfahren mussten, zu heilen. Leise wurde in ihr der Wunsch wach, dass es jemanden geben würde, der ihr ein Lachen schenken könnte.

In Gedanken versunken machte sie sich wieder daran, die Knochen ihres Patienten zu richten, als Jornowell erneut ansetzte.

„In einem fernen Sommer meiner Jugend wagte ich eine lange und gefährliche Reise auf die Insel Langollion. Viele meiner Freunde wollten mich abhalten, dieses Reiseziel zu wählen. Sie warnten mich vor den Ungeheuerlichkeiten, denen man auf Langollion begegnen konnte – Diese ebenso riesige wie schroffe Insel, mit steilen Felsküsten und tiefen, verwunschenen Wäldern.“

Jornowells Stimme klang gespielt finster und bedrohlich, er schaffte es, eine atmosphärische Stimmung bei den Kindern aufzubauen. Viele von ihnen machten große Augen oder hatten die kleinen Münder aufgeklappt.
„Doch sie konnten mich mit ihren Warnungen nicht abhalten, denn schon oft habe ich von der Schönheit des riesigen Rosenlabyrinths gehört, welches sich auf der fernen Insel befinden sollte. Man erzählt sich, dass sich inmitten dieses Labyrinths ein Quell mit kristallklarem, süßem Wasser, der die Schönheit der Rosen nährt und das Land zum Blühen bringt, befinden soll. Wer aus diesem trinkt, so heißt es weiter, sollte eine Erkenntnis über das Leben erhalten, die von den Alben persönlich geschickt wurde.

Also reiste ich nach Langollion und mein Sinn für Abenteuerlust wurde nicht enttäuscht: Selbst die Einheimischen warnten mich davor, das Labyrinth zu betreten, denn viele, die es wagten, dort hineinzugehen, kamen nicht mehr zurück.“ Er machte eine unwirsche Geste mit der Hand, als wolle er die Einwände in der Geschichte beiseite wischen. „Nun, da ich schon so weit gereist war und die Schönheit der wuchernden Rosen erblickte, ließ ich mich nicht mehr von meinem Vorhaben abbringen, und betrat das Labyrinth. Und tatsächlich – ich begegnete der ein oder anderen Kreatur der Finsternis, die mich aufhalten wollte, doch furchtlos trat ich ihnen entgegen und konnte am Ende den Quell erreichen.“

Er kniff die Augenbrauen zusammen, als würde er schwer über etwas nachdenken: „Ich denke, ich kann euch anvertrauen, welche Erkenntnis ich von dem Quellwasser erhielt: So bedrohlich die Rosen des Labyrinthes mit ihren zahlreichen Dornen auch gewirkt haben, am Ende hat es sich gelohnt, die Hindernisse, die sie umgaben, zu bewältigen und die Dornen an ihr hinzunehmen, denn die Schönheit von ihnen zu erblicken, war alle Mühen wert. Ihr werdet feststellen, so ist es mit vielen Dingen im Leben: Man muss um vieles kämpfen, um es zu erreichen und am Ende lohnt es sich deshalb umso mehr.“ Damit endete der Weltenwanderer seine Geschichte.

Erneut blickte er zu ihr herüber und diesmal schenkte er ihr ein warmes Lächeln, das sie nicht richtig einzuordnen vermochte. Dieser Vergleich mit der dornigen, schönen Rose … wollte er damit etwa andeuten …?
Elender Aufschneider, dachte Morwenna und schüttelte den Kopf. Sie hatte noch nie von einem Quell oder dergleichen innerhalb des Labyrinths gehört! Romantische Vergleiche wie diese schien er jedenfalls zu Genüge geübt zu haben, dessen war sie sich sicher.

Sie sah zu ihrer Patientin. Die Koboldfrau hatte ein vielsagendes Lächeln aufgesetzt: „Ich wusste gar nicht, dass Elfen wie du rot werden können … Ist er dein Stech… ähm Geliebter?“

„Nein“, entgegnete die Elfe gereizt. Sie war sich sicher, dass die Frau log. Sie wurde nicht rot wie eine frischverliebte Jungfer! Sie wollte sie gewiss nur reizen … Jornowells Vergleich – und auf wen er damit abzielte – war allzu eindeutig gewesen.

Die Alte lachte und zwinkerte ihr verschwörerisch zu: „Nun, ich bin mir sicher, er wäre es gerne.“
Morwenna schwieg und brachte ihre Aufgabe gewissenhaft zu Ende, ehe sie sich dem nächsten Patienten widmete. Dies war nun schon das dritte Mal, dass sie sich über den Sohn des einstigen Haushofmeisters der Königin ärgerte. Er sollte es besser nicht auf die Spitze treiben …
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Mo 30. Mär 2015, 11:20

Genau so stelle ich mir Morwenna vor, ein wenig spröde, ein bißchen kühl, aber irgendwas ist an ihr, daß man sie mag. Ebenso Jornowell, von dem ich bei Hennen gerne mehr gelesen hätte. Aber auch so ist es schön, bei dir von ihm zu lesen.

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Di 31. Mär 2015, 17:27

@chrisantiss: Genauso sehe ich sie auch, gerade wenn sie nicht von ihrer Sippe umgeben ist ... Jornowell dagegen ist ein Lebemann, ein Rebell, der sich nichts vorschreiben lässt. Selbst wenn es auch ihm unvernünftig erscheint, wird er trotzdem seinen Träumen hinterherjagen.
Danke, dass du nach wie vor dabei bist, dir und allen anderen auch viel Spaß beim nächsten Teil!

___________________________________



Im Palastturm Alvemers

Die Mitternacht legte einen Mantel aus Stille und Finsternis über die Trümmer von Vahan Calyd. Die Vögel hatten ihre Lieder beendet, nur hier und da hörte man das Kreischen eines Totenkopfaffen.
Jornowell tippte dem schlafenden Anarion auf die Schulter. Die nächste Wachschicht war erneut die des jüngeren Elfenritters.

„Irgendwelche Vorkommnisse?“, fragte sein Neffe während er sich verschlafen reckte.
„Nein, die Ordensritter haben sich nicht mehr hier sehen gelassen. Unglaublich, welch ein Glück wir haben.“
Anarion begab sich – immer noch die Gliedmaßen streckend – zum Tor des Gartens. Jornowell wusste, dass er seine Aufgabe trotz der Müdigkeit gut machen würde. Er glaubte ohnehin nicht, dass sein Neffe wirklich fest geschlafen hatte.

Stumm blickte er über die größtenteils vor Erschöpfung eingeschlafenen Albenkinder, die sich am Rande der Blumenbeete niedergelassen hatten. Ihre Verwundungen waren versorgt worden, nun begann die Zeit des Heilens. Die Heiler und Helfer hatten sich in Schichten eingeteilt, um nach den Verwundeten zu sehen. Nur eine hatte sich keine Ruhe gegönnt, wie er von Naylin, der rothaarigen Heilerin, erfahren hatte.

Er atmete tief durch und schlenderte leise zu Morwenna, die einem Patienten Wasser einflößte. Als sie ihn bemerkte, blickte sie kurz auf – und widmete sich erneut ihrer Arbeit.

Geduldig wartete er, bis sie sich erhoben hatte und ihn erwartend anblickte. Sie sah abgekämpft aus. Mittlerweile fielen etliche schwarze Locken über die Schultern der Elfe, dunkle Ringe hatten sich unter ihre Augen gelegt und ihre vollen Lippen waren blass. Noch immer trug sie die Maske der unnabaren Schönheit, die Jornowell verwundert die Brauen zusammen kneifen ließ. Wie sehr diese Maskerade Teil ihrer selbst geworden war, blieb nur zu schätzen, wenn sie selbst in solch einer Nacht nichts von sich offenbaren konnte. Besaß sie denn kein Mitgefühl? Nach allem, was sie heute vollbracht hatte, konnte er das nicht glauben.
Lag es an ihm, dass sie sich so kühl gab? Er hatte gehofft, die Geschichte, die er den Kindern erzählt hatte, hätte auch ihr gefallen. Wahrscheinlich hielt sie ihn einfach nur für dreist …

„Morwenna“, ihren Namen auszusprechen gab ihm ein Gefühl von Wärme, es klang vertraut und richtig, ihn zu sagen, als hätte er es schon tausend Mal gemacht. „Du solltest dir Ruhe gönnen. Du hast bereits mehr getan, als deine Kräfte es zulassen.“

Sie schenkte ihm einen herausfordernden Blick: „Was weißt du schon über meine Verfassung?“

Er schüttelte den Kopf. Stur war sie also auch noch! „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber du siehst mitleiderregend aus!“ Er hoffe, mit diesen klaren Worten etwas bei ihr erreichen zu können.

Die Fürstenschwester öffnete den Mund zum Protest, aber er kam ihr zuvor: „Hör zu, du hast heute mehr deiner Macht einsetzten müssen, als jeder andere – du bist so erschöpft, dass du dich kaum noch auf den Beinen halten kannst. Der Zustand der meisten hier ist um einiges besser als der deine – du kannst heute Nacht nichts mehr tun für sie, was ein anderer nicht auch machen könnte. Was, wenn morgen neue Verwundete den Weg hierher finden? Willst du so erschöpft sein, dass du ihnen entweder gar nicht erst helfen kannst oder dir ein Fehler unterläuft? Sei den anderen Heilern ein Vorbild und kenne deine Grenzen!“
Morwenna verschränkte die Arme – nein, sie hielt sich die Arme, als wäre ihr kalt. Sie sagte nichts und blickte eine Weile ins Leere. „Du hast Recht.“

Er war so überrascht von dieser Aussage, dass er auch einen Augenblick lang sprachlos war. Schließlich ließ er die Schultern sinken und war erstaunt, wie sehr sich das Bild der kühlen Heilerin mit adliger Herkunft in das einer in ihrem Stolz verletzten Elfe, der ihre Einsamkeit und Machtlosigkeit anzusehen war, gewandelt hatte.
Jornowell fühlte ein Ziehen in der Magengrube. Bittersüß brodelte das Verlangen in ihm auf, sie an sich zu ziehen; sie vergessen zu lassen, egal wie viel Zeit und Anstrengung es kostete. Sie war wie ein fremdes, faszinierendes Land, das er um jeden Preis kennenlernen wollte. Ihm war klar, dass er sich hier leicht in etwas verrennen konnte – doch es lag in seiner Natur, beharrlich an seinen gesetzten Zielen festzuhalten, bis er sie erreichte. Und in diesem Moment schwor er sich, Morwenna ihre Maske zu nehmen.
„Komm mit.“

Die Heilerin folgte ihm stumm durch die Reihen der Verwundeten, bis sie den offenen Säulengang erreichten, der von Efeu und Jasmin bewuchert war. Am Ende des Gangs mit seinen hübschen gezwirbelten Säulen traten sie durch ein schmales Tor ins Innere des Turms.

„Wohin bringst du mich?“, fragte Morwenna, als sie den großen runden Empfangssaal erreichten, an dessen Wände sich zahlreiche Treppen den Weg in die oberen Festsäle und Gemächer schlängelten. Wenn man den Turm durch das Haupttor betrat, konnte man hinter der riesigen Halle mit seinem aufwendigen Blumenmosaik den Orchideengarten erahnen. Der Wohlgeruch der Blüten wehte bis hier herein.

Jornowell war vorhin kurz in dem Turm gewesen, um sich ein Bild der Zerstörung zu machen. Es stimmte, dass die meisten Gemächer verwüstet waren, allerdings war das ein oder andere noch in einem passablen Zustand. Während die Verwundeten draußen die Schönheit des Gartens in sich aufsogen, um zu genesen, suchte er für sie die Abgeschiedenheit und Ruhe des Turms.

Er antwortete nicht, als er eine der Treppen wählte, die sie hinauf brachte.

Das Gemach, das er ausgesucht hatte, war recht klein und so gelegen, dass der Blick nicht zum Garten sondern zu den Mangrovenwäldern reichte. Ein kleiner Balkon lag hinter hohen gläsernen Flügeltüren, die Jornowell aufriss, um die Luft des Dschungels in den Raum zu lassen. Anschließend brachte er mit ein paar Handgriffen das Durcheinander, das die Menschen hier hinterlassen hatten, zurecht – er hob einen Stuhl auf, las die Scherben einer zerschepperten Vase auf, schloss die Türen der gemaserten Holzvitrine und stellte die zerstreuten Bücher zurück auf ihren angestammten Platz im Regal.

Morwenna stand die ganze Zeit über schweigend auf dem steinernen Balkon und starrte in die Ferne. Jornowell sah zu ihr herüber, als er einige Kerzen auf dem kleinen Tisch mit Magie zum Leuchten brachte. Die schmale Silhouette der Fürstentochter zeichnete sich im Mondschein ab. Ihre Locken fielen ihr mittlerweile offen über den Rücken. Selbst jetzt strahlte sie diese dunkle Anziehungskraft aus, die ihn gefangen hielt.
Er blickte auf das mit Seidenlaken überzogene Bett, über dessen schmale hölzerne Pfosten Tücher in der Farbe von Jade angebracht waren. Wie gerne würde er sie …

Durch diese Gedanken beschämt biss er sich auf die Lippe. Er sollte sie in diesem Moment nicht ausnutzen … Wahrscheinlich würde sie ihn ohnehin von sich stoßen – und das zu erleben, war das letzte, was er wollte.
Jornowell trat zu ihr auf den Balkon. Die Nacht war mild und klar. Die Sterne glänzten kühl im Licht des Mondes.

„Brauchst du noch etwas?“

Sie wandte sich weder um, noch hielt sie es für nötig, ihm eine Antwort – sah man von dem knappen Kopfschüttel ab – zu geben.

Tief durchatmend fasste er den Entschluss, dass es möglicherweise doch schlauer war, zu gehen. Ganz offensichtlich wollte sie seine Gesellschaft nicht haben.

So wandte er sich wieder um und ging zur Tür. Ehe er jedoch den Gang erreichte, vernahm er ein leises Flüstern, das ihm einen Schauder über den Rücken sandte.

„Jornowell?“

Es war so leise gewesen, dass er erst glaubte, sich verhört zu haben. Doch als er zum Balkon sah, hatte sie den Kopf zu ihm gewandt. Eine Träne schimmerte im Schein der Kerzen.
„Bitte bleib!“

Kurzerhand stieß er die Tür zu und schloss erneut die Distanz zu ihr. Bestimmt trat er vor sie, doch sie wich seinem Blick aus.

Ermüdet von diesem Katz-und-Maus-Spiel hob er ihr Kinn mit seiner Hand und hielt ihren Blick zwischen Zeigefinger und Daumen aufrecht. Tatsächlich hatte sie stumme Tränen geweint, die nun seine Hand benetzten. Wie hatte ihm das nicht vorhin schon auffallen können?

In diesem Moment musste er gegen seinen eigenen Willen, sie zu küssen, ankämpfen. Er wollte es nicht – jedenfalls nicht so.

Was er sich zuvor gewünscht hatte – sie möge ihre Maske fallen lassen – war eingetroffen. Doch sie dahinter so hilflos zu sehen, war nicht, was er wollte.

So kämpfte er gegen sein Verlangen an und zog sie stattdessen sanft an sich, eine Hand fuhr unruhig ihren Körper ertastend ihre Taille entlang, die andere vergrub sich in ihrem dunklen seidenen Haar, auf dessen Scheitel er seine Wange legte. Ihr Duft war betörend …

Morwenna erwiderte seine Umarmung nicht, lediglich ihre Finger krallten sich in sein Hemd. Doch merkte er, wie sie sich langsam entspannte und ihren Kopf gegen seine Schulter sinken ließ.
„Bleib heute Nacht bei mir“, flüsterte sie nach einiger Zeit gebrochen. Die sonst so stolze Elfe so zu sehen, schmerzte ihn.

„Ich gehe nirgendwohin, wenn du es nicht verlangst“, sagte er leise aber bestimmt. Noch immer konnte er nicht glauben, wie sie sich gerade gab. Er erwartete fast, dass sie ihn jeden Moment von sich stieß. Stattdessen war eine stumme Einigkeit zwischen sie getreten – Niemand von ihnen wollte die Nacht in Einsamkeit verbringen.

Morwenna blickte zu ihm auf. Ihre Tränen waren getrocknet, doch der traurige Ausdruck in ihren Augen blieb, neben ihm schien etwas Erwartendes in ihnen. Beiläufig streifte ihr Blick seine Lippen.
Hegte sie dasselbe Verlangen wie er? Gewiss würde es ihrem aufgewühlten Geist und ihrer Seele etwas ihrer Stärke zurück geben, wenn er sie heute Nacht in dieser Art ablenken könnte.
Doch er fürchtete, sie könnte diese Entscheidung bereuen und er würde endgültig ihre Missgunst auf sich ziehen.

Jornowell strich ihr über die Wange: „Du brauchst Schlaf.“
Der verdutzte Ausdruck in ihrem Gesicht brachte ihn zum Lächeln. Sie wirkte irritiert, dass er nicht versuchte, ihr näher zu kommen. Ob sie sich vor den Kopf gestoßen fühlte?

Bestimmt führte er sie zu dem großen Bett herüber und bedeutete ihr, sich hinzulegen.
Eine steile Falte erschien zwischen ihren Brauen, als er sich ein Stuhl an das Bett heranzog und darauf Platz nahm, statt sich in das Bett zu legen. Deutlich verwundert legte sie den Kopf schief, ein herausfordernder Ausdruck erschien in ihren dunklen Tiefen. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl …

Jornowell stieß einen Laut undefinierbar zwischen Seufzen und Aufstöhnen aus, als sie begann, sich ihres Kleides zu entledigen.

Bei allen Alben, er hatte schon etliche Frauen nackt gesehen! Warum vermochte ausgerechnet sie es, sein Blut derart zum Kochen zu bringen und gleichzeitig fertig zu bringen, dass er sich so unwohl fühlte, sie zu beobachten?

Er wandte den Blick ab. In einer anderen Situation, mit einer anderen Elfe hätte er nicht gezögert, sie aufs Bett zu werfen und ihren Provokationen nachzugeben. Es war nur allzu offensichtlich, was sie mit diesem Verhalten bei ihm zu erreichen versuchte – und was er für sie sein sollte: eine Ablenkung.

Doch Jornowell stand nicht der Sinn danach, diese außergewöhnliche Elfe für eine Nacht zu haben und sie damit darin zu bestätigen, dass er lediglich ein sprunghafter Mann war, der Abenteuer suchte, wo er sie fand.
Er würde sein Verhalten, das er bei ihrer letzten Begegnung an den Tag gelegt hatte, wieder gut machen. Er würde ihren Respekt und ihr Vertrauen gewinnen und nicht nur der Mann für eine Nacht sein.

Betont langsam ließ sie ihr Kleid sinken und Jornowell konnte nicht widerstehen, das ein oder andere Mal – hoffentlich unauffällig – zu ihr herüber zu sehen. Was er sah, verbesserte seine Situation nicht unbedingt …
Dieses Spiel begann einen unangenehmen Nebeneffekt auf ihn auszuüben. Langsam aber sicher stand er am Rande seiner Selbstbeherrschung.

Als sie sich endlich unter das Seidenlaken gelegt hatte, fühlte er sich eingeklemmt zwischen Erleichterung und Enttäuschung.

Mit offenem Mund beobachtete er sie dabei, wie sie sich wie eine Katze unter dem Laken räkelte, welches mehr betonte als verdeckte. Jornowell schluckte und stellte einen Fuß auf die Bettkante, als müsse er sich notfalls mit Gewalt von ihr fernhalten.

Morwenna legte sich auf die Seite und strich sich die Locken aus dem Gesicht. Ihr Kopf ruhte entspannt auf ihrem angewinkelten Arm. Die schwarzen Augen spielten mit ihm. Er war gefangen von ihrem Wesen.
„Willst du dich nicht zu mir legen?“, reizte sie ihn leise.

Jornowell schloss für einen Augenblick die Augen. Niemals hätte er gedacht, dass es für ihn so ein Albtraum sein könnte, dass eine Frau ihn wollte. Andererseits hätte er auch nie geglaubt, dass er ein solches Angebot ablehnen würde.

„Ich will – aber nicht so“, sagte er mit rauer Stimme. Sein ganzer Körper schien sich gegen ihn gewandt zu haben.
Sie blickte ihn enttäuscht an. Vielleicht war es ein Fehler, sie abzuweisen.
„Du willst mich nicht“, schlussfolgerte sie ohne jede Wertung in der Stimme.

„Du hast ja keine Vorstellung davon, wie sehr ich dich will, meine schöne, tapfere Fürstin … Ich würde durch die Eiswüste des Carandamons wandern und anschließend mit bloßen Händen das Albenhaupt besteigen, nur um dich einmal küssen zu dürfen. Nur will ich mir diesen Kuss auch verdienen …“
Sie lächelte spöttisch. Wahrscheinlich hielt sie ihn für einen romantischen Trottel. Doch das war ihm gleich, solange sie lächelte.

„Du kennst mich nicht, Weltenwanderer … Ich bin anders als die Maiden an Emerelles Hof, denen du sonst nachsteigst.“
„Ich würde dich gern kennenlernen.“
„Glaub mir, das willst du nicht.“

„Man hat mir schon oft gesagt, was ich zu wollen habe und was ich lieber lassen sollte. Bisher konnte ich ganz gut selbst entscheiden, welches von beiden mir besser gefiel. Meistens war es das, von dem mir abgeraten wurde.“

Morwenna sah wieder ins Leere: „Solange, bis du es kennengelernt und das Interesse verloren hast …“
Zur Antwort legte er den Kopf schief. „Wie kommst du darauf?“

„Man nennt dich den Weltenwanderer … Du ziehst von einem Ort zum anderen, seit vielen Jahrhunderten. Nie verweilst du lange an einem Ort, den du einmal für interessant gehalten hast.“

Daraufhin schwieg er. Er war getroffen von ihren Worten, dabei hatte sie nichts Unwahres gesagt.
„Würdest du mir einen Gefallen tun?“, fragte sie leise, als er dachte, sie sei schon längst eingeschlafen.

„Jeden.“

„Verfasse einen Brief an meinen Bruder für mich.“

Jornowell erhob sich, verwundert über diese Frage. Als er mit einigen Bogen Papier, Tinte und Feder an ihr Bett zurückkehrte, schaute sie ihn aus wachen, aufmerksamen Augen an.

Dann begann sie, ihm den Brief zu diktieren. Ausführlich berichtete sie ihrem Bruder, dem Fürsten Langollions, was am heutigen Tag in Vahan Calyd geschehen war. Erzählte davon, wie die Stadt, die sie so sehr berührte wie nur wenige andere Dinge in ihrem Leben, fast vollkommen zerstört worden war. Wie sie sich gefürchtet hatte und diese Furcht überwand.

Jornowell war berührt von ihren Worten und davon, dass sie ihn an diesen Gedanken teilhaben ließ.
„Es gefällt mir, wie du schreibst …“, sagte sie leise. Fast hätte er auch diese Worte niedergeschrieben. Doch dann lächelte er und schüttelte den Kopf: „Wird dein Bruder sich nicht über die fremde Handschrift wundern?“
Nun war es an ihr zu lächeln: „Er zieht mich immer für meine grausige Handschrift auf. Er wird froh sein, dass er einmal einen Brief von mir entziffern kann.“

„Nun, es freut mich, dass ich eines meiner Talente dafür einsetzen konnte, dich vor Häme zu bewahren!“
„Du hast einen schrecklichen Humor …“

Jornowell lachte herzlich auf. Diese Worte ausgerechnet aus ihrem Mund zu hören, den er nur so selten hatte lächeln sehen – und das stets nur dank ihm –, kam ihm eindeutig wie ein Kompliment vor.

Er legte den Brief beiseite und schloss das Tintenfässchen. „Ich werde gleich morgen früh dafür sorgen, dass er zu deinem Bruder gelangt.“

„Danke“, murmelte die Fürstenschwester leise. Immer wieder fielen ihr für einige Herzschläge die Augen zu.
Langsam beugte er sich zu ihr und gab ebenso leise zurück: „Schlaf nun, ich werde über dich wachen.“ Ein flüchtiger Kuss auf die Wange kämpfte ihre letzten Proteste nieder.

Bald hörte er sie gleichmäßig atmen und auch er fühlte eine bleierne Müdigkeit in sich aufsteigen. Doch die Gedanken an den heutigen Tag hielten ihn wach. Immer wieder streifte ihn der Gedanke, dass sie ihn mit ihren Provokationen lediglich getestet haben könnte. Hätte sie sich wirklich auf ihn eingelassen, wenn er nachgegeben hätte? Wahrscheinlich nicht, dachte er bitter. Je länger er jedoch darüber nachdachte und ihr schlafendes Gesicht betrachtete, tat er diese Vermutungen mehr und mehr ab. Ihr so etwas zu unterstellen, kam ihm weit hergeholt vor.

Vor ihm lag die Tochter der dunklen Fürstin Alathaia, die einst ganz Albenmark in einem Bürgerkrieg auseinander gerissen hatte –und alles was er tat, war dümmlich zu grinsen wie ein frisch verliebter Jüngling.
Es würde eine Menge Wein brauchen, um lernen zu können, mit dieser Erkenntnis umzugehen.
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Mi 1. Apr 2015, 12:44

Hat mir wieder sehr gefallen. Du schreibst wirklich gut vom Stil her. Hast du eigentlich noch andere Storys geschrieben?

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Mi 1. Apr 2015, 18:36

@chrisantiss: Einige sogar! ein paar dürftest du hier aus dem Forum kennen, alle habe ich allerdings auf Fanfiktion.de veröffentlicht. Der Link zu meinem Profil: http://www.fanfiktion.de/u/Riniell
Eine längere Story zu Yulivee/Tiranu lässt sich dort auch finden, wobei die schon etwas älter ist. Freue mich, wenn du dort vorbei schaust:)
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Do 2. Apr 2015, 10:39

Stimmt, einige davon hatte ich mal gelesen. Früher waren es welche von HdR, jetzt von B.Hennen. Naja, das HdR-Fieber ist nun vorbei.

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Sa 4. Apr 2015, 16:39

Viel Spaß bei nächsten Kapitel! Freue mich, von euch zu hören!

_____________


Burg Elfenlicht

Seit nunmehr zwei Wochen kam sie jeden Tag drei Mal zu Tiranu, um ihn in seinem Heilschlaf zu begleiten. Sie schenkte ihm kühlende Magie, teilte seine Schmerzen und linderte seine Fieberträume. Doch aufwachen wollte er nicht.

Seit er in der letzten entscheidenden Schlacht gegen die Ordensritter um das Herzland schwer verwundet worden war, lag er in den Turmgemächern Elfenlichts aufgebahrt und war nicht ansprechbar. Gerne hätte sie ihn nach Langollion gebracht, doch dort hätte sie ihn nicht versorgen können – denn sie wurde hier gebraucht.

Tiranu war bei weitem nicht der einzige Verwundete, der ihrer Fürsorge bedurfte. Sie hatte Stimmen gehört, die behaupteten, sie würde ihre Fähigkeiten allzu verschwenderisch am Krankenlager des unleidigen Fürsten zerreiben und deshalb andere Albenkinder vernachlässigen. Ihr war es gleich, was diese Stimmen sagten und was andere Heiler von ihr dachten. Tiranu war ihre Sippe, ihm gehörte der Löwenanteil ihrer heilenden Magie.

Erschöpft strich sie sich einige dunkle Locken aus dem Gesicht und erhob sich vom Krankenbett ihres Bruders. In den letzten Tagen hatte sie bei ihm keine Fortschritte erreichen können und sein Zustand schmolz ihre Zuversicht dahin. Sie musterte ihn ein letztes Mal für heute – seine edlen Gesichtszüge, die den ihren so ähnelten, waren eingefallen und fahl; das nur langsam nachwachsende, dunkle Haar, das ihm vor einigen Jahren in einem Brand versengt worden war fiel ihm strähnig ins Gesicht – und verabschiedete sich stumm bis zum nächsten Tag.

In manchen Nächten schlief sie in seinem Gemach, in einen Sessel gekauert am Kamin, doch heute vermochte sie dies nicht zu tun. Ihr Geist war unruhig.

Es war die letzte Nacht, in der Albenmark, wie sie es kannte, existieren würde.

Am nächsten Morgen würden die Albenkinder in einem letzten Feldzug gegen die Ordensritter aufbegehren und ihre Herrscherin Königin Emerelle gemeinsam mit den mächtigsten Zauberern dieser Welt die Gefilde der Menschen auf immer von Albenmark trennen. Niemand wusste, ob dies gelingen konnte. Niemand wusste, ob sie lange genug gegen die Menschen bestehen würden, dass der Zauber gelingen mochte.

Was würde geschehen, wenn Emerelle und die anderen Träger der Albensteine versagen würden? Wenn die Ordensritter Elfenlicht stürmten, so entschied sie, würde sie zu Tiranu zurückkehren und gemeinsam mit ihm gehen – es würde in ihren Händen liegen, ihrer beiden Leben zu beenden, nicht in denen der Menschen, schwor sie sich.

Schweren Herzens verließ sie die Stille der Kammer und betrat das Treppenhaus, das sie in die unteren Korridore Elfenlichts brachte. Man würde sie längst in den Hallen der Heilung erwarten, dennoch beschleunigte die Elfe ihre Schritte nicht, sondern verabschiedete sich stumm von der Ruhe, die sie wohl zum letzten Mal für lange Zeit genießen konnte.

Als sie den Treppenboden erreicht hatte, wollte sie sich schon nach links wenden, als ihr gegenüber von ihr eine Gestalt ins Auge fiel, die lässig vor einem Wandteppich lehnte. Der Elf hielt die Arme hinter dem Rücken verschränkt, ein Bein stemmte er angewinkelt gegen den Teppich und sein Kopf war so weit gesenkt, dass ihm das helle blonde Haar ins Gesicht fiel. Dennoch wusste Morwenna genau, wer dort stand.

Die Heilerin blickte über die Schulter und dachte darüber nach, noch einmal umzukehren, um ihm aus dem Weg zu gehen. Doch das Heil in der Flucht zu suchen würde bei diesem Exemplar der männlichen Schöpfung der Alben wenig nutzen. Sie wusste, Jornowell war beharrlich genug, dass er Tage damit verbringen könnte, dort an der Wand zu lehnen und auf sie zu warten.

Wenn er wirklich darauf hoffte, sie abzufangen, dann würde er das auch tun.

Seit sie in Vahan Calyd im Turm Alvemers mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht war und den Stuhl an ihrem Bett verwaist vorfand, hatte sie kein Wort mehr von ihm gehört. Sie wusste nur, dass er wie versprochen den Brief an Tiranu geschickt hatte. Damals war sie wütend gewesen – erst hatte er sie abgewiesen und dann war er ohne ein Wort verschwunden. Ihr Stolz ließ nicht zu, dass sie seinen Worten in dieser Nacht irgendeinen wahren Wert abringen konnte. Nach ihrem Ermessen waren all dies leere Phrasen gewesen, die sie als ebenso wankelmütig wie seinen Charakter einschätzte.

Und genau in diesem Augenblick sah er zu ihr auf – seine verschiedenfarbigen Augen trafen ihre schwarzen – und ihre Gedanken an Flucht waren verraucht. So wie Jornowell lächelte mochte sie nicht glauben, dass auch er bei Sonnenaufgang in seine letzte Schlacht reiten würde und diese über die Existenz Albenmarks entscheiden würde.

Lässig stieß er sich von der Wand und kam zu ihr herüber. Sein Blick hielt ihren gefangen, doch sein Lächeln geriet ins Wanken, als er zu merken schien, dass sie ihm keineswegs wohlgesonnen war.

„Stellst du mir nach?“

„Wie geht es deinem Bruder?“ Die Fragte klang wirklich besorgt, doch Morwenna war sich sicher, dass Jornowell keinerlei Bedauern bei einem frühzeitigen Ableben Tiranus empfinden würde. So hob sie nur skeptisch eine Augenbraue und wollte sich schon zum Gehen abwenden, als er sanft ihren Ellenbogen berührte.

Die Heilerin trug ein eng geschnittenes, dunkles Kleid in einer tiefen Beerenfarbe, das nur von einem schmalen Kragen am Hals gehalten wurde, ihre Brust bedeckte aber ihre Schultern und Arme frei ließ. Sie konnte das Verlangen in seinen Augen sehen, als er sie eingehend bedachte, seine Berührung verhieß Sehnsucht.

„Morwenna, bitte hör mich an“, flüsterte er, als galt es, das Gesagte vor anderen Anwesenden geheim zu halten. Auf dem Gang war zwar niemand zu sehen, doch man sagte, dass in Elfenlicht auch die Wände Ohren besaßen. „Ich wollte dich an jenen Morgen in Vahan Calyd nicht wecken, denn du hast so friedlich geschlafen.“ Er lächelte versonnen bei diesen Worten, doch Morwenna waren sie unangenehm. „Ich wollte mich nicht davon stehlen, aber mein Neffe kam mit der Kunde zu mir, Emerelle sei zurück gekehrt und habe die Menschenkinder an den Docks geschlagen. Ich musste dem nach gehen. Du bist doch nicht wütend wegen dem, was geschehen ist?“

Morwenna schnaubte. Davon träumte er!

„Warum ist es dir so wichtig, was ich von dir halte?“, entgegnete sie spitz. „Du hast in dieser Nacht deutlich gemacht, dass ich dich nicht interessiere … dein Verschwinden am nächsten Morgen unterstrich dies nur. Also nein, ich bin nicht wütend deswegen, sondern dankbar für deine offenen Worte und Gesten!“

Jornowell holte tief Luft und ließ sie wieder entweichen. Er wirkte ertappt, wie ein Kind, das etwas angestellt hatte und nun dafür gerügt wurde.

„Du bist wütend“, stellte er daraufhin trocken fest.

Morwenna wollte erneut auffahren, seinen unverschämten Äußerungen ein Ende bereiten, doch Jornowell lachte nur: „Sieh dich nur an! Mit diesem Blick würdest du jeden Ordensritter in die Flucht schlagen! Selbst die Nymphen aus Galvelun können einen Mann nicht derart in Schrecken versetzten. Ich sollte mir Ollowain sprechen … vielleicht wird er dich in der morgigen Schlacht in die erste Reihe stellen. Unsere Chancen würden sich vervielfachen!“

Die Heilerin fühlte, wie der Zorn in ihr aufwallte. Sie hatte sich geirrt in Vahan Calyd, als sie gedacht hatte, hinter der unverschämten Tölpelei des Elfenritters steckte ein Mann mit Anstand und Respekt.

Jornowell schüttelte noch immer lachend sein Haupt. „Doch es wird besser sein, wenn ich davon absehe – denn es würde bedeuten, dass ich mich aufgrund meines unermesslichen Sinn für Ehrbarkeit vor dich stellen müsste, um jeden Schlag, der dir gelte, abzufangen. Und ich glaube nicht, dass ich lange durchhalten würde, mit Gegnern zu Angesicht und in meinem Rücken, die mir nur allzu gerne ein Schwert durch den Leib bohren würden.“

Morwenna presste ihre Lippen zusammen. Vor ihr stand der stolze Sohn des berühmten Hofherrn Emerelles, der sich um Kopf und Kragen redete, um sie aufzuheitern. Dass er dabei wenig Geschick bewies, war durchaus eine gewisse Erheiterung. Sie konnte nicht länger so zornig sein, wie sie es gerne wollte.

„Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du schrecklichen Humor besitzt?“

„Deren Meinung“, winkte er ab. „Aber ich habe durchaus andere Talente, für die ich schon oft gerühmt wurde.“ Diese Worte troffen nur so vor Selbstgefälligkeit und Morwenna musste sich ein ungläubiges Schmunzeln verkneifen – nein, geändert hatte sich Jornowell definitiv nicht!

Er bot ihr einen Arm dar. „Bitte lass mich wieder gut machen, was ich an deinen Ohren verbrochen habe!“

Morwenna bedachte mit einem zweifelnden Blick seinen Arm. „Wie sollte diese Wiedergutmachung aussehen?“, fragte sie herausfordernd.

„Ich kann es nicht verraten, sonst verliert es seinen Zauber.“ Seine Stimme klang verschwörerisch. Doch die Elfe zögerte. Welches Spiel er auch immer an ihr übte, sie würde sich nicht auf ihn einlassen. In Vahan Calyd hatte sie einen schwachen Moment gehabt und er war zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen. Selbst wenn in dieser Nacht passiert wäre, wonach sie verlangte, hätte es nicht mehr als diese Stunden ihrer Zweisamkeit gegeben. Sie waren zu verschieden, als dass Morwenna erkennen könnte, was mehr hinter seinen Worten stecken konnte, als dass er gedachte, diese Nacht heute nachzuholen …

„Dein Zögern schmerzt, aber noch mehr dein Blick“, raunte Jornowell ihr zu und sah sie zerknirscht an. Ihr fiel auf, dass sein Gesicht jedes Mal anders aussah, wenn sie ihn bedachte. Seine Züge zeigten jedes Mal einen anderen Ausdruck. Sie vermochte ihn einfach nicht einzuschätzen.

‚Vielleicht liegt ja genau darin der Reiz‘, dachte sie bei sich und hakte sich bei ihm unter.

„Möglicherweise besitzt die Rose am Ende doch weniger Dornen als angenommen“, strahlte Jornowell, als er sie mit sicheren Schritten über die Gänge Elfenlichts führte.

Morwenna hatte selbst einige Jahre hier bei Hofe gelebt, doch der Sohn des einstigen Hofmeisters schlug Pfade ein, die selbst ihr unvertraut waren. Während ihres Wegs durch die Korridore schwiegen sie und Morwenna genoss diese Ruhe, die in Elfenlicht unvertraut war. Verstohlen bedachte sie den Elfen, der sie am Arm führte. Er sah abgekämpft aus; sein Gesicht war schmaler, als sie es gewohnt war. Statt der Kleidung eines Höflings trug er einen ledernen Brustschutz, dessen offene Verschlüsse ein weißes, faltiges Hemd zeigten. Dunkle, feste Hosen waren mehr schlecht als recht in ebenfalls lederne Stiefel mit niedrigem Absatz gestopft. Sein blondes Haar war wirr mit einem Lederband im Nacken zusammengefasst.

Morwenna wusste, dass er die letzten Tage und Wochen damit verbracht hatte, auf dem Rücken eines Schwarzrückenadlers in das Fjordland zu reisen, um dort die Königin Gishild und ihre Untertanen vor den vorrückenden Truppen der Ordensritter zu warnen. Er konnte noch nicht lange wieder im Herzland weilen.

Sie erreichten die weit auslaufenden Terrassen hinter der Burg. Die Nachtluft war angenehm mild und trug den schweren Duft von Blüten und überreifen Früchten in sich. Das Licht von Barinsteinen erhellte ihren Weg über die Marmorplatten zu den tiefer liegenden Kieselwegen, auf die Jornowell sie führte. Der Pfad verlief hell durch einen kleinen, angelegten Wald aus Tannen und Buchen.

Morwenna war so, als würde Jornowell sich, kaum dass sie die Hallen der Königin verließen, merklich entspannen. Selbst seine Gesichtszüge wurden weicher und sein Gang langsamer.

„Wie lange bist du schon zurück aus der Menschenwelt?“, fragte sie, als sie den leise knirschenden Kiesweg unterhalb der Terrasse erreichten.

Jornowell ließ sie lange auf eine Antwort warten. Er lächelte sie nur voller Wärme an und ergriff schließlich ihre Hand. „Du verstehst es, die richtigen Fragen zu stellen, um mich in unangenehme Situationen zu bringen.“ Er seufzte. „ Ich bin erst vor ein paar Stunden eingetroffen. Als ich hörte, dass du ebenfalls in Elfenlicht weiltest und jeden Tag Stunden bei deinem Bruder verbringst, habe ich mich dazu entschlossen, nach dir zu sehen. Ich habe mich nicht einmal umgezogen.“ Er blickte feixend zu ihr und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, warum ich dir das gesagt habe … Aber bitte sieh es mir nach, wenn ich ein wenig nach Vogel rieche.“

„Es fällt kaum auf, keine Sorge.“ Sie stutzte. „Wer sagte dir, dass ich jeden Tag Stunden bei meinem Bruder verbringe?“

„Das ist nicht wichtig.“, setzte er bestimmt aber im weichen Tonfall an. „Sei dir einfach versichert, dass ich nicht dein einziger Freund bei Hofe bin … du hast mindestens noch einen weiteren Bewunderer.“

„Freund …“ Morwenna sprach dieses Wort, als wöge sie die Bedeutung dahinter ab. Sie wäre niemals auf den Gedanken gekommen, Jornowell als ihren Freund zu bezeichnen. Aber als was dann?

Die Heilerin gab es ungern zu, aber Jornowells Anwesenheit ließ auch sie entspannen. All die finsteren Gedanken, die sie vor kurzem noch geplagt hatten, schienen ihr nun fern. In diesem Augenblick gab es nur die Stille der Nacht und die wohltuenden Worte des Elfen an ihrer Seite. In diesen Momenten wagte sie nicht zu fragen, warum er bei ihr war, weshalb sie sich in seiner Nähe fast geborgen fühlte oder was der morgige Tag für Albenmark bringen mochte. Sie stellte ernüchtert fest, dass wenn sie einen Freund bei Hofe hatte, es wahrscheinlich der exzentrische Elfenritter an ihrer Seite war.

Unvermittelt zog er sie zwischen die Bäume auf einen abgelegenen Pfad, der auf den ersten Blick nicht als solcher zu erkennen gewesen war. Tannennadeln und Farnblätter säumten ein weiches Moosbett, auf dem sie gingen. Morwenna war sich sicher, dass er diese Gärten besser kannte, als jeder andere Höfling, doch gefielt ihr nicht, dass er dieses Wissen gegen sie einsetzte. Gewiss war sie nicht die erste, der es so erging.

„Du musst einmal der Schrecken der Kobolde gewesen sein, wenn du dich auf all ihren geheimen Pfaden in Elfenlicht ebenso gut auskennst, wie in diesen Gärten“, stellte sie fest, als er sie durch das Dickicht von Farnen führte.

Jornowell lachte laut auf: „Unter den Kobolden bin ich eine wandelnde Legende! Du musst wissen, dass die Koboldkinder eine geheime, nicht niedergeschriebene Liste von Streichemeistern führen, deren Namen sie voller Ehrfurcht aussprechen. Ich bin bis heute ihr unangefochtener König der Streiche, auch wenn Yulivee das anders sieht. Der Schrecken war ich für meinen Vater!“

Morwenna stellte sich einen verzweifelten Alvias vor, wie er zuerst eine jubelnde Kinderhorde Kobolde von seinem Sohn trennen musste, bevor er ihm die Leviten nach einem gelungenen Streich lesen konnte. Bei dem Gedanken musste sie unweigerlich an den Unfug denken, zu dem Tiranu und sie sich als Kinder immer wieder gegenseitig angestachelt hatten. Auch sie hatten es als Schrecken der Kindermädchen und Lehrer immer wieder geschafft, kleine schelmische Feldzüge gegen die Höflinge des Rosenturms zu führen. Meistens litt einer der Verehrer ihrer Mutter unter ihnen, wenn dieser auf die Idee kam, sich bei den Fürstenkindern einzuschmeicheln, damit diese ein gutes Wort für ihn bei ihrer Mutter verloren.

„Vielleicht sehe ich das auch anders, großer Streichemeister?“, raunte sie ihm zu.

Erstaunt wandte er sich zu ihr um: „Das musst du mir erst beweisen!“

„Hältst du es wirklich für weise, mich herauszufordern?“

„Ganz und gar nicht … allerdings würde ich Weisheit nicht unbedingt als eine Stärke von mir bezeichnen.“

Jornowell hob einen tief liegenden Tannenzweig an und führte sie darunter hinweg. Morwenna vergaß, was sie antworten wollte, als ihr Blick auf die winzige Lichtung zwischen von Efeu beschlagenen Tannen und wild wuchernden Farnen fiel. Der kleine, idyllische Ort wurde eingenommen von einem flachen Steinbecken, in dem sich kristallenes Wasser sammelte. Sie schraken einige Elstern auf, die an der Wasserstellte tranken, als sie zwischen die Tannen traten.

„Wolltest du mich hierher bringen?“

Jornowell trat an das Becken am Boden und deutete hinein: „Sieh!“

Die Heilerin stellte sich neben ihn und sah ebenfalls auf die Wasseroberfläche. Es zeigte das Abbild von ihnen, wie sie nebeneinanderstanden und auf das Becken herabblickten. Jornowell mit seinem aschblonden Haar, der gebräunten Haut und dem schelmischen Lächeln, sie mit ihren schwarzen Locken, der blassen Haut und dem nachdenklichen Ausdruck.

„Man sagt, die Königin schöpfe hier das Wasser ihrer Silberschale“ erklärte er gedämpft und fast ehrfürchtig. „Die Schale hat das Becken schon so oft berührt, dass sich manchmal auch anderen Albenkindern ein Blick in die Zukunft eröffnet, wenn sie genau hinsehen.“ Er bedachte sie mit einem auffordernden Blick „Was siehst du?“

‚Uns‘, wollte Morwenna sagen – und da ging es ihr auf. Sie musste sich zusammen reißen, um nicht laut aufzustöhnen. Sie schob es auf ihren Schlafmangel, dass sie seine Worten einen Moment lang für wahr gehalten hatte. „Wie vielen Damen bei Hofe hast du das schon Glauben gemacht?“

Er rang ohne viel Erfolg ein Lächeln nieder und bedachte weiterhin versonnen ihr Spiegelbild. „Mir gefällt, was ich sehe.“

Auch Morwenna warf noch einmal einen flüchtigen Blick in die Wasserschale zwischen den großblättrigen Farnen und dem matten Efeu. Die Zukunft! Von wegen … Alles was ihr auffiel war, wie unterschiedlich ihre Spiegelbilder waren.
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Di 7. Apr 2015, 19:46

Du verstehst es wirklich gut, die Gefühle der Beiden darzustellen.

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