Keine Rose ohne Dorn

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Steff
Hüter der Geheimnisse
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Fr 11. Sep 2015, 09:39

@chrisantiss: Vielen Dank für dein Kommentar. Da dieses politsche Geschehen der Alltag von Morwenna ist, dachte ich mir, es passt gut in die Geschichte und die Entwicklung hinein. Ich hoffe, das folgende Kapitel überzeugt dich ebenso :)

@Xijoria: Jippi, eine neue Leserin! Willkommen in der Geschichte. Vielen, vielen Dank für dein ausführliches und schönes Lob. Es freut mich sehr, dass dir mein Geschreibsel gefällt. Wobei ich persönlich immer noch nicht sicher bin, ob Herr Hennen Fanfiktion positiv oder negativ sieht :?

Schon geht es weiter mit dem nächsten Kapitel, das dieses Mal noch tiefer in das Polit-Geschehen in Langollion eingreift. Es hat mich sehr gefreut, einige neue Charaktere vorzustellen - und einen sehr gut bekannten.

Viel Spaß beim Lesen!






Auf den Pfaden der Politik

Die Stickerei in ihrer Hand nahm langsam aber stetig die Form einer ältlichen Trauerweide an, deren Blüten blass wie das Mondlicht aus dem dunklen Untergrund herausstachen. Der Stoff, in den sie in gleichmäßigen Abständen ein Muster der andächtigen Wehmut arbeitete, war aus feinster dunkelblauer Feenseide, die lang über ihren Schoß fiel und sich nach einer düsteren Kaskade aus feinen Stoffwellen am Boden sammelte.

Die Arbeit ging ihr leicht von der Hand. Das aufwendige Konstrukt des Baumes war ihr seit Kindesbeinen vertraut, schon hundert Male hatte sie es gesehen. Dennoch wirkte das Abbild der Weide anders als jeder Baum, den sie je gesehen hatte. Noch wusste sie nicht, was am Nachthimmel der Bilds prangen sollte. War ein leuchtender Mond zu sehen, einige Sterne oder doch nur seichte Nebelschwaden?

Morwenna saß auf dem mit grünem Samtstoff überzogenen Ottomanen im Schlafgemacht ihrer privaten Räumlichkeiten. Er stand zu den gläsernen Flügeltüren hin ausgerichtet, von denen aus sich ein atemberaubender Blick über die verschneiten Gartenanlagen vor dem Rosenturm bot. Doch sie hatte dieser Szenerie den Rücken zugewandt. Um diese Zeit – so wusste die junge Fürstin – klauten jeden Nachmittag einige Elstern ein paar Körner vom verschneiten Balkon. Ihr aufgeregtes Picken und melodisches Fiepen wurde vom dumpfen Knacken der Feuerkohle begleitet. Ihre Wärme verteilte sich von insgesamt vier verschiedenen Becken, die sich jeweils um das untere Drittel einer der fein stilisierten Marmorsäulen wanden. Das filigrane Muster von Efeuranken war in die Schalen eingearbeitet, es lockte, zu berühren, doch wer so töricht war, die Finger danach zu recken, wurde mit Schmerz betrübt. Vier weitere Säulen – eisern und mit aufwendigen Bronzeintarsien versehen – fassten das große freistehende Bett ein. Feinste Seidenbahnen im dunklen Grünton waren über dicke Eisenringe an den Säulen gespannt, die einen durchscheinenden Blick auf die vielzähligen gemütlichen Kissen – liebevoll bestickt mit Perlmutt und Türkis – auf der Liegestatt gewährte. Ein dunkler, schmaler Pelz war über die schneeweißen Laken gelegt. Der Wolf auf dem Schafsgarn.

Morwenna hatte jegliche Blumen, Ziervasen und alles, was sie daran erinnern mochte, aus ihren Gemächern verbannt. Ihre Zofe Abelle hatte diese Anweisung geschockt – eine der wenigen Emotionen, die Morwenna ihr jemals abgewinnen konnte –, war ihr aber schweigend nachgegangen. Die anderen Elfen in ihrem Dienst sprachen sie nicht darauf an.

In ihren Räumlichkeiten wurde es dunkler. Die Abende kamen stetig früher und der Schneefall wollte kein Ende nehmen …

Wie in jedem Winter hielt die eisene Kälte das Land im unerbittlichen Griff und ließ Langollion in einen tiefen Schlaf versinken. Einzig in den wenigen größeren Verbünden aus Albenkindern wurde der dunklen Jahreszeit getrotzt. So öffneten Großbauern ihre Scheunen und schenkten unter den Heuböden warmes Met aus, auf den Feldern wurden Hütten zweckentfremdet, um einen sicheren Futterplatz für Wild einzurichten. In den Städten stellten die Schmiede aus ihrem letzten Eisenbestand Kufen für Schlittschuhe her. Auf dem Eis der zahlreichen flachen Zierbrunnen tanzten dann junge Kobolde, Elfen und Feen miteinander im stetigen Fall der Schneeflocken.

Es war eine ruhige Zeit, in der das Volk sich von der oftmals harten Arbeit der hellen Jahreszeiten erholen konnte – scheinbar. Was gegen diese andächtige Zeit der Stille stand, war die größer werdende Hungersnot der unteren Schicht der Bevölkerung. Für Langollion war es ungleich schwer gewesen, die Verluste durch den langen Krieg auszugleichen. Wie so oft hatte der Teil des Volks, der ohnehin am wenigsten hatte, das größte Nachsehen. Schon bald hatten sich Baronien und Grafschaften an die Fürsten gewandt, sobald sie der Not nicht mehr mit eigenen Mitteln Herr werden konnten. Was leider niemand nachweisen konnte, war die Tatsache, dass zumindest die Grafschaften über das nötige Vermögen verfügten, mit dem sie einer solchen Krise zumindest entgegenwirken konnten.

Das Volk war allzu schnell versucht, die Schuld an der mangelnden Hilfe –, die sowohl aus der schlechten Kommunikation zwischen den einzelnen Verantwortlichen, sowie aus der Zurückhaltung wichtiger Informationen resultierte –, der obersten Instanz, der Fürsten, des Landes zuzuschreiben. Zu einem lag das bestimmt an dem vertrauteren Verhältnis zwischen dem Volk und dem niederen Adel, zum anderen an nicht nachweisbarer Verleumdung des Fürstenhauses.

Seit zwei Wochen war die Stimmung der einzelnen Parteien so angespannt, die Meinung voneinander so festgefahren, dass eine Lösung allein durch die fortwährenden Streitigkeiten in weite Ferne rückte. Der Druck stieg für alle, doch noch weigerte sich ihr Bruder, um Hilfsmittel von Seiten der Krone zu bitten. Dies, obgleich jeder in Albenmark, der sich ein wenig mit Politik befasste, wusste, Langollion brauchte diese Unterstützung mehr als jedes andere Fürstentum, welches offen danach verlangte. Tiranu hatte seine eigenen Methoden, mit der Situation umzugehen, und sie hatte ihre.

Seit Stunden war sie mit ihrer Stickarbeit beschäftigt. Die Arbeit half ihr, sich zu konzentrieren, aber auch, sich abzulenken, gleichzeitig war es Training für ihre Fingerfertigkeit und maßgeblich dabei beteiligt, ihre innere Aufwühlung zu verarbeiten …

In ihrem Vorzimmer waren Schritte zu hören.

Jemand griff energisch nach dem Türknauf zu den inneren Flügeltüren und riss sie auf.

Mit einem lauten Donnern schlugen die Schlösser wieder ineinander. Der Windstoß war bis zu ihr herüber wahrnehmbar.

Erschrocken sah Morwenna die hochgewachsene Gestalt ihres Bruders in ihre Gemächer stürmen. Sein Gesicht war in zornige Falten gelegt. Augenblicklich krampfte sich ihre Hand um die Sticknadel – so fest, dass sie verbog.

„Was hast du in deinem Leichtsinn nur getan!?“, schrie der Fürst Langollions ungehalten und warf ihr augenblicklich eine dicke Pergamentrolle vor die Füße.

Morwenna schluckte. Niemals würde sie so etwas wie Angst vor ihrem Bruder empfinden – aber in diesem Moment war ihr Respekt wie Eiswasser in ihren Adern. Tiranu war schon immer schwierig gewesen. Selbst bei seiner Geburt. Sie war einige Tage älter als ihr Zwilling, dessen Entbindung sich schmerzlich lange hingezogen hatte. Ihre Mutter hatte sich bis zuletzt geweigert, Magie bei der Geburt ihres Sohnes einzusetzen. Und obwohl Morwenna die Erstgeborene war, war es stets an ihr gewesen, sich nach den Umständen ihres Bruders zu richten. Dies war nicht nur so, weil Morwenna die Vernünftigere der beiden war, sondern lag vordergründig daran, wie gut Tiranu es verstand, eine Argumentation in seinem Sinne zu gestalten und zum Ziel zu führen. Zumindest dann, wenn es ihm gelang, seinen Zorn unter Kontrolle zu halten.

Die Heilerin bückte sich nach dem Pergament und studierte dessen Inhalt. Das Erste, was ihr auffiel, war, dass die letzte Seite der Schrift zuoberst lag und ihre geschwungene Unterschrift am Ende des Bogens prangte. Und schon begann das Eiswasser in ihren Adern zu pochen. Eilig blätterte sie nach der ersten Seite – und erschrak.

„Du hast dich verschrieben!“, schrie Tiranu, als er zu merken schien, dass sie ihren Fehler längst selbst entdeckt hatte. „Statt Versorgung an dreißig Bedürftige in Vascar anzuordnen, hast du veranlasst, dass lächerliche drei Hilfspakete an die Baronie gewährt wurden … Weißt du eigentlich, was du damit angerichtet hast?“ Der Krieger baute sich vor ihr auf, während sie immer noch die Lettern auf dem Papierbogen studierte. „Sie werden denken, wir wollen sie verhöhnen … Es könnte zu Aufständen kommen, wenn die anderen Grafschaften davon Wind bekommen!“

Morwenna ließ den Bogen sinken: „Ich … Drei Dutzend. Ich wollte noch ‚Dutzend‘ dahinter schreiben … es war ein Fehler, keine Absicht.“

Tiranu zog sie mit festem Griff um ihr Handgelenk auf die Füße, ihre Nadel noch immer in der Hand. Die Strickarbeit auf ihrem Schoß fiel zu Boden. „Glaubst du das interessiert jemanden?! Glaubst du allen Ernstes, jemand würde sich mit dieser Erklärung zufrieden geben?!“

Sie gab keine Antwort.

„Sieh‘ mir gefälligst in die Augen, wenn ich mit dir rede!“

Unumwunden kam sie seiner Aufforderung nach. Schwarz traf auf Schwarz. Härte auf Kälte. Keiner der beiden war gewillt, nachzugeben. Keiner wollte der erste sein, der sprach. Dennoch wussten die Geschwister, dass die nächsten Worte die der Einlenkung, die der Vernunft sein würden.

Nie war Tiranus Wut von langer Dauer.

Morwenna wusste dies und war nicht gewillt, ihre Erklärung zu wiederholen. Wenn er ehrlich war, so hatte er leichtfertig zu viele Aufgaben auf sie abgewälzt, dazu in einer Zeit, in der sie dringend in den Heilhäusern der Stadt gebraucht wurde, um dem Ansturm der Kranken Herr zu werden. Es war lange gut gegangen, doch …

„Erst die Schikane in Arkadien und nun das“, fuhr Tiranu mit milderer Stimme, aber nicht weniger anklagend fort und ließ ihren Arm los. „Was ist nur los mit dir?“

Wieder war keine Antwort von ihr zu vernehmen. Der Fürst schüttelte augenrollend den Kopf, sodass ihm eine Strähne aus dem halblangen Haar ins Gesicht fiel. Laut ausatmend fuhr er mit seiner Hand so durch die schwarzen Strähnen, dass er es gänzlich aus dem Gesicht hinter seinen Kopf strich.

„Heute Morgen kam ein Bote aus Ishemon. Die Fürsten der Berge teilen wohl nicht unsere Ansicht, dass eine Weiterführung des Handelsabkommens nach dem Krieg notwendig sei.“

„Wie bitte?“ Morwenna ließ die Schultern sinken. In Ishemon waren die größten und begabtesten Schmiede sesshaft, die Albenmark in Bezug auf Waffen- und Rüstungsfertigung zu bieten hatten. Zwar verfügte das Fürstentum dort selbst über ergiebige Erzquellen, doch für die gesteigerte Produktion zu Zeiten des Ordenskriegs hatten diese lange nicht gereicht, um die Nachfrage zu sättigen. So war Ishemon lange Zeit der lukrativste Handelspartner Langollions gewesen. Doch nun schien es sich zu rächen, dass die beiden Inselstaaten über ähnliche Ressourcen verfügten.

„Was tun wir nun? Emerelle sollte um unsere Situation wissen …“

„Emerelle weiß sehr genau, was sie tun muss, um diese Situation für uns erst entstehen zu lassen“, fuhr Tiranu sie an. „Wer glaubst du, hat Ishemon als Handelspartner abgeworben oder gibt Valaria Gründe, immer wieder abzulehnen?“

Morwenna wollte noch etwas sagen. Sie glaubte nicht, dass es schon so weit gekommen war. Wenn die Königin ihnen noch immer misstraute, würde sie andere Wege gehen …

„Du kannst das getrost mir überlassen, fürs Erste du hast schon genug angerichtet! Um deinen Fehler wieder gut zu machen, wirst umgehend einen Boten schicken, der den … lächerlich winzigen Tross mit den Gütern aufhält, den du nach Vascar gesandt hast, und die Gesandten auffordert, die Gaben an Bedürftige oder Halb-Bedürftige aufzuteilen, die sie ihm nächstliegenden Dorf finden können“, begann er im kargen Befehlston. Morwenna biss sich vor Wut auf die Lippe. Das sah ihm ähnlich! Das Problem war noch nicht aufgetreten und er bauschte es zur Katastrophe auf!

„Anschließend“, fuhr er mit eindringlichem Blick fort. „Wirst du persönlich einen zweiten Tross mit den versprochenen drei Dutzend Hilfspaketen zusammenstellen und ihn in nach Vascar begleiten. Du wirst das Missverständnis aufklären, bevor es durch Dritte an die Öffentlichkeit gerät. Du wirst die zugehörige Grafschaft nicht eher verlassen, bis der Hunger keinem dort mehr anzusehen ist. Du wirst ihnen die stetige Hilfe durch das Fürstenhaus versichern. Und du wirst von dort aus den anderen Grafschaften schreiben, dass sie dieselbe Hilfe erwarten können.“ Er zerriss das Pergament, das er aus ihrer Hand nahm. „Entweder werden sich die Grafschaften mit Händen und Füßen gegen den Besuch der Fürstin wehren, weil sie Dreck am Stecken haben, oder“, er grinste süffisant und Morwenna biss die Zähne zusammen, „es wird ein sehr langer Winter für dich werden.“

***


Morwenna hörte in ihrem Rücken das Zähneklappern des Kapitäns. Der Kobold war dem Greisenalter näher als der Jugend und wirkte nach der längeren Seeetappe ausgelaugt. Dennoch ließ er es sich nicht nehmen, seine Passagierin über den Landungssteg hinunter zum Hafendock zu geleiten. Wie stets hielt er den wahllos gemessenen Abstand zu ihr, den er auch dann auf Biegen und Brechen wahrte, wenn sie eines der wenig notwendigen Gespräche miteinander führten.

Seine Furcht vor ihr schien mit festem Boden unter seinen Füßen nur noch zu wachsen. Er nahm den Krempenhut von seinem kahlrasierten Kopf und verbeugte sich ungelenk. „Meine hohe Fürstin, es war mir eine Ehre, dich zurück in deine Heimat zu bringen…“

„Ganz Langollion ist meine Heimat“, fuhr sie ihm mit kühlen Worten dazwischen. Tatsächlich aber führte sie ihre Schritte auf dem Boden der Hauptstadt, in der Nähe des Refugiums ihrer Familie, am sichersten. Die Monate in der eisigen Baronie hoch im Norden vermochten nichts daran zu ändern, auch wenn die Arbeit dort leichter von ihrer Hand gegangen war, als sie zunächst erwartet hatte.

Sie legte ihren mit schwarzem Bärenpelzen umschlagenen Mantel auf der Schulter zurecht und sah für einen Moment auf die Arbeiter, die ihr Reisegepäck aus dem Schiffsbauch hoben, um es an Land zu bringen. Dann allerdings wanderte ihr Blick höher, wie die Taue der Rah hinauf gen Himmel. Der obere Mast, das Krähennest und die Seile wogen verhalten im Wind. Als wäre das tragische Schreien der Möwen eine Melodie, zu der sie sich zu regten. Im Schein der aufgehenden Sonne war es leicht, so etwas wie Wehmut zu empfinden. Das Reisen war durchaus mit Leidenschaft verbunden …

Sie schnaubte kaum vernehmlich, sodass ihr der Atem in einer größeren weißen Wolke vor dem Mund stand. Zumindest war der zweite Teil ihrer Reise wesentlich angenehmer verlaufen, als der erste. Fast eine Woche war sie mit dem Tross bestehend aus Hilfsgütern und Heilern in die ferne Baronie gereist, um dort für ihren Fehler gerade zu stehen. Ihre Erlebnisse dort waren für sie ein Anstoß gewesen, künftig mehr Bedacht auf die Macht der Vielen und die Bedürftigkeit der Einzelnen zu legen. Es war erschütternd zu sehen, wie sehr die Bevölkerung um ein normales Auskommen zu kämpfen hatte und wie wenig davon an den Fürstenhof bekannt gegeben wurde. Dementsprechend viele Briefe waren gewechselt und Aufgaben verteilt worden. Eine ihrer fähigeren Heilerinnen war bereitwillig in der fernen Grafschaft an der nördlichen Spitze des Reichs verblieben, um die Einhaltung der neuen Regelungen zu kontrollieren – und ihre Herrin umgehend in Kenntnis zu setzten, wenn gegen sie verstoßen wurde.

Fast zehn Wochen lang hatte ihre Reise gedauert. Keinen freien Moment hatte sie gehabt, um an ihr Zuhause im Rosenturm, nicht weitab der Hauptstadt des Fürstentums, zu denken. In diesem Moment sehnte sie sich allerdings nach dieser vertrauten Umgebung und stellte fest, dass ihr jedes Mal so zumute war, wenn sie längere Zeit nicht im Fürstensitz weilte. Zuerst war ihre Heimat den anderen, fremden Dingen in ihrem Interesse untergeordnet, bis sie kurz davor war, wieder in die Hauptstadt zu kommen. Dann war die Sehnsucht nach ihrem Refugium fast greifbar.

Reisen war eine merkwürdige und faszinierende Weise, seine Wurzeln zu festigen und sich doch in der Fremde zu verlieren …

„Ich hoffe, dass die Fahrt zu deiner Zufriedenheit war“, presste der Kobold zwischen seinen Zähnen zusammen und war schon fast dabei, sich wieder auf seinen Kahn zu begeben.

„Danke“, nickte Morwenna und wandte sich von der Szenerie der Schiffsseite ab, die im Wind ihre eigenen Bewegungen zu besitzen schien. Vor ihr lag der Hafen der langollischen Hauptstadt im kühlen Tau eines winterlichen Januarmorgens. Die ersten Boote kamen von ihrer Fahrt auf See zurück und Fischer luden ihren Fang auf die Holzstege an den äußeren Docks. Der Kahn, auf dem sie gereist war, landete näher an der granitenen Hafenmauer, wo der Steg aus massivem Stein gefertigt war.

Wie sie den Dock hinauflief, hinter ihr ihre Zofe Abelle und ihr restliches Reisegefolge, bemerkte sie den ein oder anderen Blick auf sich ruhen. Einige schienen sie durchaus zu erkennen, hielten sich aber mit Worten zurück. Ihre Blicke sagten mehr, als die Fürstin wissen wollte. Noch immer schien das Volk davon überzeugt, dass die mangelnde Armenhilfe allein dem Fürstenhaus anzulasten war. Die Herrschaft der Kinder Alathaias bekam zum ersten Mal auch innerhalb der Bevölkerung Langollions Risse.

Morwenna hatte ein, zwei Mal mit dem Gedanken gespielt, dass die wenig loyalen Grafen, die im Namen ihres Bruders regierten, mittlerweile zur Krone übergelaufen waren. Emerelle könnte versuchen, den Adel zu bestechen, um die Bevölkerung zu manipulieren. Von den wenigen Mitteln, die Langollions Fürstenkrone bereit hatte, war ein angemessener Teil in die Hilfe für die Armut geflossen. Nur schien dieser Fluss unaufgeklärt versiegt zu sein. Das Leck zu finden, könnte Jahre dauern. Bis dahin war ein Aufstand des Volks eine stetig zu erwartende Bedrohung. Morwenna war zu dem Schluss gekommen, dass Emerelle weit gehen könnte, um eine unliebsame Adelsinstanz los zu werden. Aber ihr eigenes Volk hungern zu lassen, traute die Heilerin der Königin nicht zu. Zumindest wollte sie ihr das nicht zutrauen.

Am Anfang der breiten, gepflasterten Hafenstraße stand ihre vierspännige Kutsche bereit, die sie gemeinsam mit ihrer Zofe betrat. Kaum hatte sich die Heilerin auf das weiche Polster niedergelassen, schloss ihre Vertraute den Verschlag und verbannte damit die regsame Geschäftigkeit des Hafens. Im Innern der Kutsche, die mit dunklem Brokat betucht war, war es nicht minder kühl als im Freien. Doch Morwenna genoss die dumpfe Ruhe, die schon bald vom Hufschlag der Pferde unterbrochen wurde.

Schnee begann zu fallen. Die Schwester des Fürsten fiel in einen unruhigen Schlaf.

***






Der Schneefall wurde stärker, als Morwenna in ihren ledernen Stiefeln die dunklen Granitplatten im Hof des Rosenturms betrat. Ihr Blick ging die riesige Fassade des Turms hinauf. Scheinbar hunderte kleinere Türmchen, Ausläufe und umkreisende Ausbauten hatten sich bis in schwindelerregende Höhe an die Außenwand geklammert und ließen den Fürstensitz stetig wachsen. Fast der gesamte Stein war von wucherndem Efeu beschlagen. Morwenna wusste, dass einige Kobolde, die in den Parkanlagen der Residenz beschäftigt waren, die Schlingpflanzen mit einem Zauber vor dem sicheren Erfrieren schützten. Sie schienen in dem Grün eine Art Symbolik zu sehen, welche die einfache Stetigkeit der Koboldvölker mit dem Prunk der Elfen verglich.

Zwei geschwungene, großzügig bemessene Treppen aus hellem Sandstein führten parallel zum gewaltigen Tor hinauf. Die freie, emporliegende Terrasse, auf der die spektakulärsten Empfänge bereitet werden konnten, wurde von einem steinernen Vordach überragt, welches von zwanzig weißmarmornen Säulen gestützten wurde. Wie sie eine der Treppen hinauf ging, führte sie ihre Hand die kalte Balustrade entlang, von der die dicke Schneeschicht gestrichen war. Vom Dach des Säulengangs flatterten die Banner ihres Hauses im Winde des Vormittags. Einzig die Blutrose aus den Zeiten der Schattenkriege war aus dieser Anreihung ihrer Landeschronik entfernt worden. Zuvorderst prangte die nunmehr weiße Rose auf grünem Untergrund, die sie und ihren Bruder repräsentieren sollte. Bei der Wahl dieser Farbgebung waren sie von ihrem Haushofmeister beraten worden, er war ein bekannter Getreuer der Königin, der zum Aufbau Langollions nach den Aufständen geschickt worden war. Er hatte ihnen das Weiß nahegelegt – die Farbe der Kapitulation – als Zeichen ihres Friedenwillens und den grünen Untergrund als Zeichen ihrer Kron-Loyalität – denn auch die Königin trug in ihrem Wappen diesen Farbton. Morwenna und Tiranu sollten die Entscheidung, auf den politischen Ratgeber zu hören, für immer bereuen.

Als sie das Tor erreichte, empfing sie das vertraute Gesicht, dem sie diesen Fehler zu verdanken hatte. Der Hofmeister Cirinth hieß sie in seiner gewohnt distanzierten Manier willkommen, gemischt mit einem unbekannten unruhigen Zug. Für Abelle, ihre Zofe, und ihr restliches Reisegefolge hatte er nur ein schwaches Nicken bereit. Morwenna wusste aber, dass der Hofmeister seinerseits unter dem Haushalt nicht beliebt war. Schon oft hatte es Reibereien wegen Vorwürfe falscher Loyalität oder ähnlichem gegeben.

„Wo ist mein Bruder?“, richtete Morwenna unterkühlt an ihn. „Ich möchte ihn sprechen!“

Cirinth sah sie einen Moment lang irritiert an und schüttelte sein blondes Haupt: „Der Fürst weilt nicht im Rosenturm. Er ist vor zwei Wochen nach Ishemon gereist, um dort Verhandlungen zu führen.“

„Weiß man, wann er gedenkt, zurückzukehren?“ Der Hofmeister schüttelte erneut übertrieben sein Haupt. Morwenna verbiss sich ein Schnauben. Das war ein Grund mehr, weshalb es ihr manchmal schwer fiel, mit Tiranu zusammenzuarbeiten. Er war viel zu sehr daran gewöhnt, Einzelkämpfer zu sein, als dass er an solch banale Dinge dachte, wie ihr zu schreiben, wann er verreiste, oder einen Überblick der neuen Geschehnisse im Land zu hinterlassen …

„Es gibt allerdings jemand anderen, der dich zu sehen wünscht, meine Fürstin“, erneut konnte Morwenna etwas wie Nervosität in den Augen Cirinths erkennen. Was mochte seine kühle Fassade derart ins Bröckeln gebracht haben? „Eine Delegation aus Abgesandten kam vor etwa vier Tagen unangemeldet über den Seeweg hier an. In Begleitung eines … gewissen Elfen.“

Morwenna hob eine Braue. „Abgesandte woher?“ Die Heilerin verfluchte die Art, wie Cirinth sich immer alles aus der Nase ziehen ließ.

Doch der Hofmeister hob nur die Hände – eine Geste der Ratlosigkeit: „Herrin, du würdest mir nicht glauben, wenn du es nicht mit eigenen Augen siehst. Wenn du mir folgen möchtest, sie sind im Studierzimmer der Kaminhallen und trinken Schna- Tee!“ Er schüttelte das Haupt und kräuselte die Lippen. „Tee mit Schnaps vermengt, eine Unart, wenn du mich fragst, aber sie nennen es fast liebevoll ‚Grog‘“

Abelle warf ihr einen irritierten Blick zu. Auch sie schien das eigenartige Betragen des Hofmeisters zu verwundern. „Kann es sein, dass du einige Tassen dieses Getränks bereits zu dir genommen hast?“

Ihre Zofe fing nur einen bösen Blick auf, der Funken zu sprühen vermochte. Morwenna bedeutete ihrer Vertrauten mit einem Fingerzeig zu schweigen: „Abelle! Bring mein Gepäck in meine Gemächer. Den Rest des Abends kannst du dir frei nehmen.“

„Herrin“, nickte die schlanke Elfe mit dem kurzgelockten braunen Haar und eilte den Gang hinunter, um die Anweisungen zu erfüllen.

Morwenna wandte sich an Cirinth: „Schlaf deinen Rausch aus.“

An ihm vorbei wählte sie die stets rund geschlungenen Gänge, die sie durch den großen Innenhof hindurch in die Hallen der Kamine führten. Diese Hallen bildeten das Herzstück des Fürstensitzes. Auf verschiedenen Ebenen waren zahlreiche offene Bibliotheksräume ausgeschmückt, die zu den verschiedensten Themen geordnet waren. Diese waren von der großen Haupthalle aus zu erreichen, die von zahlreichen Kaminen gewärmt wurde. Über den aufwendig gepflegten Holzdielenboden lagen in dezenten Farben gehaltene kostbare Teppiche, welche die Geräuschkulisse selbst bei vielen Anwesenden angenehm zu senken vermochten. Das Interieur war in verschiedenen Gruppen farblich abgestimmt. Sessel und Ottomanen luden zum Verweilen ein, während auf den niedrigen Beistelltischen aus Dunkelholz Köstlichkeiten für den diskutablen Austausch aller Art dargeboten wurden. Einige Sekretäre und lange Arbeitstische unterstützten die Schreiber des Hofstaats bei ihrer Arbeit. Insgesamt wirkte die Halle riesig, die Decken waren hoch und mit aufwendigem Stuck verziert. Die bodenlangen Fenster ließen das Licht in die Hallen und boten gleichzeitig den Blick über die Terrassen zum Park. Im Sommer wurden die Fenster wie Türen zu einer anderen Welt geöffnet und viele der Sekretäre verschob man nach draußen auf die auslandende Terrasse. Der Arbeit, aber auch dem gesellschaftlichen Austausch wurde dann unter freiem Himmel nachgegangen.

Morwenna war überrascht, aus den nahen Hallen das leise Klingen eines Harfenspiels zu vernehmen. Eine Flöte stieg in das Spiel mit ein, im Vergleich zur schwermütigen Melodie des Saiteninstruments klang die Flöte gelöst und fast freudig. Die Heilerin bekam ein ungutes Gefühl, diese Melodie schien ihr vertraut, obgleich sie diese nie zuvor vernommen hatte. Sie beschleunigte ihre Schritte, erst auf dem mit Marmorplatten überzogenen Boden, dann trat sie auf die Holzdielen der Halle.

Auf den ersten Blick war niemand zu sehen, doch je weiter sie ging, desto lauter wurde das Musikspiel – ehe es unvermittelt verstummte. Ganz am Rande der zentralen Halle, zu der Fensterfront hin, hatte sich eine kleinere Gruppe auf mehrere Polstermöbel niedergelassen. Einige Flaschen Wein, Wasserkaraffen, Teekannen und dazu passende Services, Tabletts mit süßen und salzigen Kuchen, dazu passend das feinste Silberbesteck. Das gesamte Bild wirkte für sie unnatürlich, es lag nicht nur an der Art, wie die Teller und Tassen angeordnet waren – ohne System oder für sie erkennbare Eleganz – sondern auch an der fremden und außerordentlichen Mimik und Gestik der Anwesenden.

Morwenna konnte nicht verhindern, dass ihr unvermittelt der Mund aufklappte. Diese Gäste … waren etwas kurz geraten. Die Beine reichten kaum über die Sitzpolster, die Hände wirkten kleiner als gewohnt. Plötzlich wurde ihr klar, wer oder besser gesagt, was sich dort unangemeldet in die Sessel ihres Palastes niedergelassen hatte. Als Kind hatte sie von ihnen in Märchen, die ihre Mutter ihr erzählte, oder Gruselgeschichten, mit denen ihre Brüder sie zu ängstigen versuchten, gehört. Die Dunkelalben, die einst aus Albenmark ausgezogen waren, weil sie sich der Schwanenkrone nicht unterwerfen wollten. Dann waren sie vor der Trennung der Welten wieder auf den Plan getreten, um ihre alte Heimat Aelburin erneut zu beziehen. Nun waren sie keine Märchengestalten mehr und ihre eigentlichen Namen über die weiten der Albenmark bekannt: Die Zwerge.

Die junge Fürstin zählte fünf ihrer Rasse, die aufsprangen, als sie vor sie trat. Ihrer aller Augen waren auf sie gerichtet. Auch ein Elf saß bei ihnen, die Flöte in der schlanken Hand, der Blick aus den verschiedenfarbigen Augen unsicher. Ihr war, als würde ihr der Boden unter den Füßen fortgezogen werden. Welch Dreistigkeit …

Einer der Zwerge trat vor. Er besaß strohblondes Haar, das an den Schläfen schütter wirkte. Ein gepflegter, kurzgeschorener Bart verbarg einen Großteil des Gesichts. Um seine wachen grünen Augen herum lagen Lachfalten, die auch nun heiter tanzten, als er sich abgehackt vor ihr verneigte: „Fürstin Morwenna, ich freue mich sehr, deine Bekanntschaft zu machen und möchte dir meinen Dank für die außerordentliche Gastfreundschaft deines Hofstaats bekunden. Selten haben wir so viel außerhalb unserer Höhlen gelacht oder wurden kulinarisch derart freigiebig verwöhnt.“ Der Zwerg verneigte sich nochmals vor ihr, aber Morwenna war wie starr. Tiranu mochte doch keine Delegation Zwerge in ihr Heim geladen haben, nur um dann kurz vor ihrer Ankunft nach Ishemon zu reisen? „Mein Name ist Walderion, ich wurde von König Wengalf auserwählt, um als Schirmherr über das Handelsabkommen zwischen Langollion und Aelburin zu wachen. Es wird mir eine Ehre sein, mit den deinen Geschäfte zu machen, scheinen wir doch viele Gemeinsamkeiten zu haben.“

Die letzten Worte schienen aus einem ihr unbegreiflichen Grund unterhaltsam zu sein, denn alle im Raum – ausgenommen ihr und der blonde Elf – stießen lautes Gelächter aus. Morwenna suchte Jornowells Blick. So sehr es sie schmerzte, wollte sie seine Erklärungen zu dieser Angelegenheit hören. Nebenbei bemerkte sie, dass sie noch kein einziges Wort an ihre Gäste gerichtet hatte.

„In Langollion ist jeder Reisende mit aufrechtem Herzen willkommen“, begann die Elfe also abwesend und fixierte Jornowell dabei. Der Weltenwanderer sah abgekämpft aus. Dunkle Ringe gruben sich unter seine Augen, welche ebenfalls ihren Blick suchten. „Auch mögliche Handelspartner finden in unseren Hallen stets ihren Platz und unser Gehör. Verzeiht, dass mein Bruder oder ich euch nicht persönlich empfangen konnten, wir befanden uns im Namen unseres Volkes auf dringlichen politischen Reisen. Ich hoffe mein Hofstaat hat euch gebührend umsorgt.“

Sie setzte nach einer kurzen Pause zu einigen weiteren Worten an, wurde aber von Walderion abgelenkt, der zwei Männer aus seinem Gefolge anwies, einen Sessel für sie heran zu holen. Morwenna beobachtete fassungslos, wie die beiden gedrungenen Gestalten – einer besaß einen schwarzen Bart, der bis zu seinen Stiefelspitzen reichte – das schwere Möbelstück heranschafften. Schließlich hatten sie es am Kopf ihres kleinen Banketts gezerrt und verneigten sich noch einmal kurz vor ihr. Der Zwerg mit dem schwarzen, geölten Bart machte Anstalten, ihr den Mantel abzunehmen. Eilig öffnete sie die Verschlüsse und übergab ihn an den strahlenden Zwerg.

„Du musst von der Reise erschöpft sein, Fürstin“, mutmaßte Waldarion und klatschte in die Hände. „Ich kann dir versichern, dass alles zu unseren Vorstellungen ausgerichtet war. Aber nun genug der höfischen Lobhudelei. Wie trinkst du deinen Grog?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, schenkte ihr einer der Zwerge Tee in eine Tasse und Morwenna sank sprachlos in den Sessel hinab. Kaum hatte sie sich gesetzt und ihr helles Reisekleid glatt gestrichen, taten es ihr die Zwerge nach und ließen sich zurück auf die Polstermöbel fallen. Auch Jornowell setzte sich und Morwenna schenkte ihm einen bitterbösen Blick, der ihn töten mochte, wenn sie so etwas wie Glück besaß.

Walderion schien ihren Blick zu bemerken: „Der Junge hier hat uns ganz schön überrascht, als er vor ein paar Wochen vor unseren Toren stand. Er sieht gar nicht nach den typischen Höflingen aus, wie sie sonst in Elfenlicht anzutreffen sind. Aber Langollion tat Recht daran, ausgerechnet ihn als Gesandten nach Aelburin zu schicken. Der Junge verträgt viel zu viel Met für einen gewöhnlichen Elfen … und eine lockere Zunge hat er … man könnte meinen, er sei ein Zwerg!“ Er klopfte seinem Sitznachbarn auf die Schulter und alle fielen in sein Gelächter mit ein. Jornowell schien dagegen eher verlegen.

„Das glaube ich gern“, erwiderte Morwenna und trank aus ihrem – nicht nachgebesserten – Tee. Sie war von der Mischung überrascht, einen solchen Geschmack kannte sie nicht. Die Zwerge mussten diese Teeblätter nach nach Langollion mitgeführt haben.

„Schmeckt er dir?“, fragte Walderion erheitert.

„Welche Mischung ist das? Er ist sehr stark.“

„Ein Kraut aus unserer alten Heimat“, ein Schatten tanzte über sein Gesicht. „Es verträgt sich gut mit dem Birnenschnaps, den ihr hier produziert. Sicher, dass du keinen möchtest?“

Die Fürstin verneinte: „Danke, aber wie du schon sagtest, ich bin erschöpft von der Reise …“

Waldarion wandte sich grinsend an Jornowell: „Siehst du, so verhält man sich gesittet, wenn man deinem Volk angehört und es noch früh am Morgen ist.“

Wieder grinste Jornowell verlegen und schien sich einen Kommentar zu verkneifen. Was immer hier vor sich ging, Morwenna wurde sich immer sicherer, dass der Weltenwanderer der Drahtzieher an allem war. Die Zwerge waren ebenso in seine Gespinste verstrickt wie sie auch. Aber wenn die Gesandten Aelburins wirklich hier waren, um Geschäfte mit Langollion zu schließen, dann durfte sie diese Chance nicht aus falschem Stolz verstreichen lassen. Die letzten Wochen hatten ihr gezeigt, wie dringend ihr Land neue Geldquellen benötigte. Und schließlich besagten schon die alten Märchen, wie reich die Dunkelalben waren …

Leider ging ihr auf, dass sie sonst kaum etwas über dieses fremde Volk wusste. Umso mehr galt es, keinen Fehler machen, wenn sie etwas erreichen wollte.

Jornowell stand noch immer lächelnd auf und räusperte sich: „Waldarion, vielen Dank, dass du mich in solch hohen Tönen vor meiner Herrin lobst. Aber ehe diese Sache noch unangenehmer für mich wird, würde ich ihr gern Bericht über das Vorankommen unserer Verhandlungen erstatten. Wenn sie heute noch ihre Ruhe finden möchte, sollten wir uns nun verabschieden, denn es gibt viel zu besprechen.“

Waldarion bedachte ihn und anschließend Morwenna mit einem vieldeutigen Lächeln. Morwenna hob eine Braue – immer noch irritiert von dem Wort ‚Herrin‘ aus Jornowells Mund. Welches Spiel wurde hier vollführt? Sie stand ebenfalls auf, kurzzeitig gewillt, diese Scharade mitzuspielen, um sich von den Zwergen zu verabschieden: „Es war mir eine Freude, euch kennen zu lernen und ich hoffe, wir führen das Gespräch beim Abendessen fort. Aber nun möchte ich hören, was mein ‚Abgesandter‘ zu sagen hat.“ Waldarion sprang bei ihren Worten erneut auf und verneigte sich noch tiefer als zuvor. „Die Freude lag auf unserer Seite, Fürstin“, wieder klatschte er in die schwieligen Hände. „Jornowell hat uns viel von dir berichtet, aber die Wirklichkeit überstrahlt selbst seine talentierten Worte. Ich freue mich, dich beim Abendessen wieder zu sehen.“

Für Jornowell hatte er ein Zwinkern zum Abschied. Das Gesicht des Weltenwanderers nahm langsam die Farbe eines reifen Apfels an, wenn Morwenna das richtig sah. Schweigend griff er nach ihrem Mantel und ging an ihr vorbei zum Ausgang der Halle. Im Vorübereilen hörte sie ihn etwas wie „verdammter Grog“ nuscheln.

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So, ich hoffe, ich konnte euch mit dem Kapitel erfreuen :)
Ich freue mich sehr, von euch zu hören!

Liebe Grüße
Riniell
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Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Di 15. Sep 2015, 23:46

Und schon folgt das nächste Kapitel. Dieses Mal wird es nicht weniger politisch, allerdings haben sich Jornowell und Morwenna auch zwischen den Zeilen einiges zu sagen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.


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Im Angesicht der Pflicht



Sollte es mich überraschen, dass er den schnellsten Weg zu meinen Gemächern genauestens zu kennen scheint?‘ Morwenna kannte die Antwort, kaum hatte sie an die Frage gedacht.

Der Weltenwanderer ging vor ihr über die großen, freiliegenden Treppenhäuser, die zur Innenseite des Turms hin lagen. Wie Erzadern im Stein wandten sie sich die offenen, kreisrunden Wände hoch. Über die Geländer hinweg konnte man in den großzügigen Innenhof blicken, in dem das Wasser gefrorener Brunnen glänzte.

„Was geht hier vor sich?“, rief Morwenna in den Rücken ihres Begleiters. Ihre Worte prallten wie Wind an ihm ab. „Warum hast du diesen Zwergen vorgemacht, wir hätten dich als Gesandter zu ihnen geschickt?“

Jornowell blieb unvermittelt vor einem Tor ins Innere des Turms stehen und wandte sich zu ihr. „Wir sollten ungestört darüber reden.“ Er bedeutete ihr, durch das Tor zu gehen.

Sie folgte seinem Fingerzeig mit einem skeptischen Blick: „Das ist nicht der Gang zu meinen Gemächern.“

„Dahin möchte ich auch nicht“, erwiderte Jornowell kälter, als sie es nach seinem Verhalten in der Kaminhalle erwartet hätte. „Wir sollten in das private Studierzimmer gehen.“

Die Heilerin war überrascht. Normalerweise würde man weiter den offenen Treppengang wählen, bis das Stockwerk erreicht war. Außer natürlich … „Woher weißt du von der Wendeltreppe?“ Diese Abkürzung war allein ihr und Tiranu … und möglicherweise Cirinth bekannt.

Jornowell zuckte mit den Schultern: „Ich bin bereits seit einigen Tagen dein Gast, schon vergessen?“

Sie biss sich auf die Lippe, um sich einen bösen Kommentar zu verkneifen. Wie oft hatte sie in den einsamen Wochen in Vascar an ihn denken müssen und sich jedes einzelne Mal dafür gescholten. Gerade ihr letztes Aufeinandertreffen in Arkadien sollte ihr zeigen, dass sie mit ihren Vorbehalten ihm gegenüber richtig lag. Er war sprunghaft und impulsiv, niemals verweilte er lange an einem Ort … oder bei einer Elfe. Sie war ihm gefährlich nahe gekommen und noch immer schien sie ihn nicht vergessen zu können. Dabei wusste sie, dass er nicht gut für sie war. Doch wie die Motte das helle Licht liebte, so schien sie nach jedem Male, das sie an ihn dachte, ein wenig mehr für ihn zu brennen.

Für Jornowell schien dies nicht zu gelten. Trotz seines überraschenden Erscheinens, war er kühl und abweisend, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Allerdings brauchte sie das nach ihrem Verhalten nicht zu wundern.

***


Vor der Tür zum Arbeitszimmer standen wie immer die beiden bewehrten Elfen, welche die Dokumente der Fürsten schützten. Doch anders als sonst, trat die Wache bereitwillig zur Seite, als sie Morwenna sahen.

Jornowell fühlte etwas wie Erlösung in seinen Fingerspitzen prickeln. Endlich konnte seine eigentliche Arbeit beginnen.

Kaum hatten sie das Studierzimmer betreten, umfing sie der Duft alter Bücher, Ledereinbände, Federn und Tinte. Das Licht des Vormittags strahlte durch die breiten Fenster über den mächtigen Sekretär, der am anderen Ende des rundlichen Raumes stand. Allerlei Pergamentbögen, Bücher und eine Karte Langollions waren über die Tischplatte ausgebreitet.

Jornowell ließ den einen oder anderen neugierigen Blick über die Dokumente gleiten, ehe er zu Morwenna aufschaute. Die Fürstin stand auf dem schmalen roten Teppich, der von der Tür zum Sekretär reichte. Ein alter Kerzenständer überragte die zierliche Elfe etwa um eine Haupteslänge. Dennoch wirkte die Elfe mit diesem Ausdruck der gespielten Feindseligkeit und verschränkten Armen respekteinflößend. Nichts war von der irritierten jungen Fürstin zu sehen, die gerade von Zwergen in ihrem eigenen Heim aufs Herzlichste empfangen wurde. Jornowell ahnte, dass dieses Ereignis wohl wirklich nur für ihn ein längeres Nachspiel haben würde.

Morwenna trug ihr Haar in einem strengen Knoten, der vom Wind gepeinigt einige Haarsträhnen losgelassen hatte. Das weiße Kleid war von einigen Stickereien eingefasst – nach den Dingen, die er im Rosenturm über sie in Erfahrung bringen konnte, mochte es gut sein, dass sie diese Arbeit selbst angebracht hatte. Das Gesicht der Heilerin wirkte blasser als sonst, ihre vollen Lippen waren verkniffen.

„Ihr steckt in Schwierigkeiten“, begann Jornowell die lange Rede, die er einstudiert hatte und verwarf diese im selben Atemzug. Wenn er etwas erreichen wollte, sollte er überzeugend und nicht einstudiert wirken.

Als er die hochgezogene Braue von Morwenna bemerkte, räusperte er sich. Um Zeit für seine Überlegungen zu schinden, rückte er einen der Stühle von dem Sekretär zurecht und breitete ihren weichen Mantel darüber aus. Wortlos nahm sie darauf Platz. Der dunkle Bärenpelz schmiegte sich an ihre Schultern und rahmte ihr Gesicht ein.

Jornowell zwang sich zu etwas Abstand zu der Elfe und stellte sich neben den Sekretär. „Tiranu wird in Ishemon nichts erreichen, da kann er seinen Sturkopf noch so sehr anstrengen.“

Morwenna griff nach den Stuhllehnen: „Woher …?“

Der blonde Elf hob eine Hand. Sie schien es wirklich zu überraschen, dass ihre Lage so offen vor aller Augen lag. Wenigstens verbarg sie ihre Emotionen nicht vor ihm, das würde seine Arbeit um einiges erleichtern.

„Du scheinst zu vergessen, dass Beziehungen immer noch der Schlüssel zu allerlei Macht und Wissen sein können.“ Er lehnte sich an den Sekretär. „Als du mir berichtet hast, wie dringend Langollion Arkadien als Handelspartnerin benötigt, da haben Anarion und ich die Ohren offen gehalten. Mein Neffe hat als Angestellter der Fürstin einen guten Zugang zu allerlei Informationen. Ich habe derweil mit alten Korrespondenten meines Vaters, die hier in Langollion leben, geschrieben, die mich über die ernste Lage ihres Landes aufklärten.“ Er deutete vielsagend auf die Landkarte, die zu seiner Linken lag. „Nach Vascar werden andere Baronien und schließlich auch Grafschaften in die Armut folgen. Wenn ihre Korruption nicht vorher aufgedeckt werden kann … aber ich fürchte, selbst dazu fehlen euch die Mittel. Wenn ihr nicht bald einen Handelspartner findet, der Gold in die Kassen bringt, wird euer Land nicht nur Bankrott gehen, sondern sich auch in Frust und Armut erheben … es wird nicht lange dauern, bis eure Herrschaft angezweifelt wird.“

„Eine gute Erörterung der Problematik“, raunte Morwenna nicht wenig angriffslustig. „Allerdings wirfst du mit Lösungsvorschlägen nicht gerade um dich …“

„Ein erster Ansatz sitzt unten bei Tee und Kuchen.“ Jornowell legte ob ihrer sturen Haltung die Stirn in Falten. „Die Zwerge benötigen für den Wiederaufbau dringend die Rohstoffe, die Langollion zu bieten hat. Die Erzmienen in ihren Bergen sind fast aufgebraucht und das Holz des Walds um ihre Hallen ist Eigentum der Königin und damit wesentlich teurer als sich eurer Angebot darstellen wird. Ihr größtes Interesse gilt dem Edelholzvorkommen, welches den Witterungen unter Tage stand halten kann … über ihre Zahlungsfähigkeit brauchst du dir im Übrigen keine Sorgen zu machen.“

Noch immer lag im Blick der schwarzhaarigen Elfe Skepsis. „Keine Sorgen machen … Ich kenne so gut wie nichts über die Mentalität der Zwerge. Sie könnten ebenso gut morgen ihre Meinung ändern.“

Jornowell mochte sich die Haare raufen. „Deine Lage erlaubt keinen falschen Stolz.“

„Was weißt du schon von Politik?“ Morwenna war angriffslustig. Allein seine Anwesenheit schien sie unmäßig zu provozieren. Der Elf ließ sich davon nicht abschrecken, eher stachelte es seinen Willen an.

„Mein Vater war jahrhundertelang einer der mächtigsten Elfen im Schmelztiegel aller wesentlichen politischen Entscheidungen und Handlungen. Seine Arbeit war maßgeblich …“

Morwenna schüttelte den Kopf, die Mimik abschätzig verzogen: „Alvias war nicht mehr als der Schoßhund einer besseren Tyrannin und Mörderin …“ Jornowell wollte erbost etwas erwidern, doch die Elfe fuhr ungerührt fort: „Wenn du das Politik nennen möchtest …“

„Rede nie wieder so von ihm!“ Jornowell musste sich mäßigen, nicht aus der Haut zu fahren. Das Verhältnis zu seinem Vater war nie das Beste gewesen, doch stets war eine gewisse Bewunderung für das Werk des Haushofmeisters der Königin in Jornowell geklungen.

„Er war blind für das wahre Gesicht der Königin, ebenso wie all die anderen …“

„Du wirfst ihm Blindheit vor!?“ Der Weltenwanderer stellte sich hinter den Sekretär und stemmte die Hände auf die Platte. „All das …“ Er deutete auf jene Landstriche Langollions, welche so sehr unter den dunklen Zaubern Alathaias gelitten hatten, dass sie völlig aus dem magischen Netz gerissen waren. „Wenn diese Orte noch für die Landwirtschaft tauglich wären, müsste niemand aus deinem Volke hungern. Doch statt aus den Fehlern euer Mutter zu lernen, vergesst ihr in eurem Stolz die Chancen in der Fremde! Kam den niemand von euch auf die Idee, dass die neue Menschensiedlung im Windland einen riesigen Bedarf an neuen Rohstoffen benötigt? Dass die Zwerge sich eine komplett neue Wirtschaft aus dem Boden stampfen müssen? Ich habe mir seit ich denken konnte immer geschworen, niemals zu werden wie mein Vater … Seine Fehler sollten nicht die meine sein.“ Er hob seine Brauen und registrierte zufrieden, dass er endlich die Aufmerksamkeit der Fürstin genoss. „Du und Tiranu jedoch begrabt euch in eurem Schmerz und erstickt in Selbstmittleid, statt zu beweisen, dass ihr nicht wie Alathaia seid.“

„Wie kannst du es wagen?!“ Jede Sekunde mochte die Fürstin aufspringen, ihre Augen glühten wie die eines Raubtiers. Ihre Muskeln waren angespannt. Jornowell wusste, dass er ein gefährliches Spiel spielte. Wenn er Morwenna richtig einschätzte, so hatte sie von Tiranu nicht nur gelernt, sich wehrhaft zu verteidigen, sondern auch einen folgenschweren Angriff zu tätigen.

„Wagen, dir die bittere Wahrheit zu offenbaren?“ Der blonde Elf schnaubte und ließ sich in den großen gepolsterten Stuhl sinken. Er saß nun am Platz, der normalerweise den Fürsten vorbehalten war, und Morwenna wirkte wie eine Bittstellerin. „Dir muss doch klar sein, dass dir niemand in ganz Albenmark etwas gönnen oder schenken wird … umso mehr liegt es an dir, etwas für deinen Erfolg zu tun. Spring über deinen Schatten und lass mich helfen!“

„Was glaubst du, kannst du schon ausrichten? Führst du ein Handelskontor oder hast du Beziehungen in anderen Fürstentümer … mal abgesehen von etlichen Affären mit Hofdamen?“ Morwenna lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und überschlug die Beine. Ihre Haltung strahlte Ablehnung aus. Der Weltenwanderer konnte nicht verhindern, dass ihre Worte ihn trafen. Natürlich hatte sie nicht ganz unrecht mit ihrer Vermutung … Woher hatte sie nur all dieses Gerede über ihn aufgeschnappt? Er konnte sich diese Erscheinung, welche selbstsicher und kühl wie eine Dryade des Alten Walds vor ihm saß, einfach nicht unter schnatternden Hofschranzen vorstellen, die sich über ihn das Maul zerrissen … oder ihn hinter vorgehaltener Hand anbeteten. Aber wie sonst hatte sie von seinem Lebensstil Wind bekommen? Jornowell strich sich über die Schläfe. Dass sie ihn so ausspielte kam ihn schmähend vor. Er dachte an Anarions Vermutung, dass Morwenna mit ihren eigenen Gefühlen überfordert war … konnte es sein, dass er gerade Zeuge eines sonderbaren Eifersuchtsausbruchs wurde?

„Wenn du es zulassen kannst, öffne ich dir Augen und Ohren für die Dinge, die in deinem Land geschehen, ich zeige dir Möglichkeiten und Wege auf, aus dieser Situation herauszukommen.“

Endlich schien die Kampfeslust in Morwenna zu versiegen. Ihr Blick ging ins Leere, die Überwindung, mit der sie rang, war ihr förmlich anzusehen. „Warum … Warum solltest du mir helfen wollen? Was willst du damit beweisen? Und nun versprich mir nichts, was du nicht halten wirst.“ Ihre Stimme war ungewohnt brüchig. Jornowell schluckte.

„In Arkadien hast du mir von der Not deines Landes erzählt. Du brauchst Hilfe und ich habe Hilfe zu bieten. Das hat nichts mit einer Zurschaustellung oder meinen Gefühlen für dich zu tun.“

Der dunkle Blick Morwennas traf ihn. In diesem Moment schien etwas in ihr bis zum Zerreißen gespannt. Ihre Lippen bebten: „Gefühle …?“ Dem leisen Hauchen folgte ein schwaches Kopfschütteln: „Was schlägst du vor, sollen wir tun?“

„Bemühe dich um ein Handelsabkommen mit den Zwergen. Mit ihrem Geld kannst du die Ressourcenstärke in den einzelnen Grafschaften ausbauen und neue Führungen für die Handelskontore ausbilden.“ Jornowell lehnte sich zurück. „Ich habe mich viel umgehört in den letzten Tagen. Cirinth ist geschwätziger als man zuerst vermuten könnte. Sind alle Würdenträger in deinem Land so vertrauenswürdig wie er?“

Sein Gegenüber hob eine Braue: „Du schnüffelst hier also herum!?“

„Lenk nicht vom Thema ab … Vertraust du deinem Adel oder nicht?“

Morwenna wandte den Blick ab und kniff ihre Lippen zusammen. „Ich wäre dumm, es zu tun. Sehe ich davon ab, dass einige Baronien keine Führung haben…“

„Wer verwaltet sie dann?“ Jornowell wurde hellhörig. Dass Langollion große Kriegsverluste zu beklagen hatte, wusste der Elf zwar, aber dass es so weit in die Strukturen des Landes reichte, war ihm neu.

„Die zugehörigen Grafen …“ Morwenna schüttelte ihr dunkles Haupt. „Sie sind korrupt, veruntreuen Steuergelder und verleumden Tiranu und mich.“

„Wem kannst du trauen? Gibt es niemanden, der geeignet ist, diese Posten auszufüllen?“

„Niemanden, der mir bekannt wäre.“

„Dann wird die Findung der würdigen Nachfolge nach der Schließung neuer Handelsabkommen die oberste Priorität haben …“ Jornowell würde sich von Cirinth eine Liste mit den führungslosen Abschnitten Langollions aushändigen lassen. Möglichweise kannte Anarion einige geeignete Kandidaten, oder Ausbilder, welche mögliche Nachfolger formten könnten.

„Glaubst du, das ist uns nicht bewusst? Cirinth sucht schon wochenlang …“ Jornowell verdrehte die Augen und platzierte in lässiger Manier seine Füße auf dem Sekretär, was Morwenna irritiert innehalten ließ. „Was!?“

„Cirinth ist ausgebildeter Rechnungsmeister … er ist wohl kaum für seine Aufgaben hier im Reich befähigt.“

„Wie willst du die Arbeit von ihm bemessen können?“ Morwenna stand auf und umrundete die Tischplatte. Angeekelt wischte sie seine Stiefel vom Tisch.

„Wenn es jemanden gibt, der das kann, dann bin ich das …“ Jornowell räusperte sich und brachte seine Gliedmaßen wieder in annehmbare Position. „Mein Vater hat ihn in Elfenlicht ausgebildet. Du ahnst nicht, wie oft er über ihn geflucht hat und wie glücklich er war, als Emerelle entschied, ihn zu deinem Bruder zu schicken. Er sollte Langollion in politischen Dingen nach den Schattenkriegen unterstützen … und Tiranus Entscheidungen in die richtigen Bahnen lenken.“

„Er ist nichts weiter als ein Wachhund“, knurrte Morwenna. Ihrem Ärger war anzusehen, dass er nicht plötzlich aufkam. Diese Erkenntnis ruhte schon lange in ihr. Die Tochter der Alathaia war nach dem Verrat ihrer Mutter nach Elfenlicht gerufen worden und zum Mündel der Königin geworden, während ihr Bruder Tiranu die Fürstenkrone aufgesetzt wurde. Im Herzland war die Magierin zur Heilerin geworden … und zur Geisel. Tiranu war mit ihrer Anwesenheit im Palast der Königin hörig gemacht worden.

Auch Jornowell erhob sich. Irritiert bemerkte der Elf, dass die schwarzhaarige Fürstin so eilig Abstand zwischen sie brachte, als hätte sie sich verbrannt. Es war nur ein schmerzlich kurzer Augenblick, in dem ihr etwas anzumerken war. Er musste einen Impuls unterdrücken, sie an sich zu ziehen. Was ging in ihr nur vor?

Der Sohn des Alvias rief sich zur Räson – er musste weiter sprechen, sonst würde er ihre Aufmerksamkeit verlieren. „Nichtsdestotrotz kannst du seine Fähigkeiten für dich nutzen. Warst du nicht die letzten Wochen im verschneitesten Hinterland, um eine lächerlich winzige Grafschaft zu unterstützen? Wer könnte nach dir die Arbeit besser fortführen und die Grafschaften unterstützen als Cirinth? Kaum ein Graf weiß von seiner Vergangenheit mehr, als dass er ein Höfling Emerelles war. Niemand wird sich wundern, wenn er in ihren Hallen erscheint und die Aufbauarbeiten unterstützt. Im Gegenteil wird man die Position des Hofmeisters als Respektsbekundung des Fürstenhauses sehen.“

Morwenna runzelte die Stirn: „Ich kann mir Cirinth kaum als Wohltäter vorstellen …“

Jornowell lachte: „Ich mir dich auch nicht, meine Fürstin.“ Bei ihrem folgenden bösen Blick, fügte er hastig hinzu: „Dennoch bin ich mir sicher, dass du hervorragende Arbeit geleistet hast … Außerdem scheinst du nicht zu verstehen, worauf ich hinaus möchte: Wenn Cirinth in den Grafschaften weilt, wird sich niemand wundern, wenn er die Rechnungsbücher verlangt, um zu überprüfen, ob der Adel finanzielle Unterstützung benötigt. Wenn er Auffälligkeiten findet, dann haben wir unseren Grund, die Vertrauenswürdigkeit der jeweiligen Grafen und Barone anzuzweifeln und durch geeignetere Elfen zu ersetzen.“

Zuerst bemerkte Jornowell, dass es hinter den nachtschwarzen Augen der Heilerin arbeitete. Sie biss sich auf die Lippe und knetete mit Zeigefinger und Daumen an ihrer anderen Hand. Dann mischte sich so etwas wie Zustimmung oder Erkenntnis in ihren Blick. Doch der Elf mahnte sich vorschnell Triumpf zu empfinden. Morwenna traute er durchaus zu, ihm Recht zu geben und gleichzeitig anderer Meinung zu sein…

„Ich gebe zu, dass dies ein raffinierter Plan ist. Allerdings hat er auch einige Lücken“, raunte die Fürstin dann aber nach kurzer Zeit. Sie ging hinüber ans Fenster. Jornowell schluckte bei ihrem verschlagenen Ton. Er sollte vorsichtig sein, sie zu unterschätzen. „Wir können keine Würdenträger mit Luft ersetzten … Wenn wir nicht rechtzeitig geeignete Nachfolger finden, wird das unsere Lage nur verschlimmern.“

„Vorrübergehend könnt auch du und Tiranu die Verwaltung übernehmen“, er legte die Arme zusammen. „Außerdem habe ich den einen oder anderen Kontakt, den ich um Hilfe bitten könnte.“

Der Widerwillen spiegelte sich wie das Licht in ihren schwarzen Augen wieder. Doch schien sie der Vernunft endlich den Einzug zu gewähren. „Ich kann nicht ablehnen … Nicht bei diesen Argumenten.“

„Danke“, strahlte Jornowell unverblümt stolz auf seine Taktik. Anarion hatte es ihm nicht ganz zugetraut, diesen Schachzug umzusetzen.

„Freu dich nicht zu früh, Weltenwanderer“, erwiderte Morwenna dann kühl. „Noch hast du meinen Bruder nicht überzeugt und Cirinth ist nicht in die Grafschaften gezogen. Wenn Emerelle davon erfährt, könnte es ebenso gut sein, dass sie ihn zurück in den Rosenturm beordert. Sie möchte hier einen Loyalisten wissen, der die Staatangelegenheiten verwaltet. Jemanden, den sie kennt und einschätzen kann. Deshalb wirst du Cirinths Aufhaben ab sofort übernehmen, um ihn in seiner Abwesenheit angemessen vertreten zu können.“

Jornowell biss sich auf die Zunge. Dieser Vorschlag kam überraschend, selbst in solch einer verzwickten Situation. „Was!?“

Die Fürstin verschränkte die Arme: „Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass ich dich einfach in den Angelegenheiten meines Fürstentums herumpfuschen lasse, ohne dir Verantwortung und Rechenschaftspflicht aufzuerlegen? Du wirst deine Vertrauenswürdigkeit erst unter Beweis stellen müssen. Cirinth wird dich einlernen, solange er noch hier ist. Und mir schwebt auch schon die Feuerprobe für dich vor: In Anbetracht dessen, dass wir neue Würdenträger für die Baronien suchen, werden wir den Landadel und alles, was daran auch nur im entferntesten erinnern könnte, in den Palast laden, um geeignete Kandidaten zu finden. Im gleichen Zug können wir die Probleme Langollions in Beratungen erörtern und Konzepte ausarbeiten …“ Sie malte mit der Hand eigentümliche Muster in die Luft, die bei jeder anderen Elfe visionärisch gewirkt hätten – bei ihr allerdings eher wie Hohn. „Ich dachte auch einen großen Empfang, Bankette, Feste ... und alles möglichst zeitnah. Die Zwerge möchten sicherlich ihre Handelspartner besser kennenlernen und mein Bruder kehrt bald aus Ishemon zurück – frag mich aber nicht, wann. Du siehst, es gibt viel zu planen und berücksichtigen … Am besten fängst du gleich damit an, dem Namen deines Vaters Ehre zu erweisen, Hofmeister.“

Mit den letzten Worten musterte sie ihn eindringlich von oben bis unten. Die Herausforderung stand in ihren Augen, ebenso die Abschätzung. Wie sie den Raum verließ und einige Anweisungen an die Wachen richtete, bekam Jornowell nur in Trance mit. Wie oft hatte er sich geschworen, nie auch nur ansatzweise so zu werden, wie sein Vater! All die Verluste, die Alvias durch seinen Posten erleiden musste – Zeit, Herzblut, Aufopferung, Kraft und Nerven. All das war für ihn stets die reine Abschreckung gewesen. Und nun war er so leichtsinnig gewesen, sich bei diesem Gespräch ausgerechnet auf ihn zu berufen.

Hofmeister …

Es würde in einer Katastrophe enden. Die Planungen, die Umstände… Jornowell ertrank in Gedankensprüngen. Die Adelsfamilien würden versuchen, sich mit allen Mitteln auszustechen … Wie sie auf die Zwerge reagieren mochten … oder auf ihn! Jeder kannte seinen Ruf, jeder wusste, wie sehr er sich gegen Pflichten sträubte. Niemand würde ihn ernst nehmen.

Und doch … in seinem Kopf formte sich bereits Ideen zur Unterbringung der Adelsfamilien, der Möglichkeiten zur richtigen Einbindung der Gesandten aus Aelburin, der Diskussionsführungen, der Örtlichkeiten für beeindruckende Feste… und über all dem lag das Bild einer zaghaft lächelnden Elfe.

Die Herausforderung brannte wie Feuer unter seinen Fingern, das es zu löschen galt. Wenn Morwenna glaubte, ihn damit abschrecken zu können, hatte sie sich einmal mehr in ihm getäuscht.

Das einzige, was ihm wirklich Sorgen bereitete, war der unberechenbare Faktor mit dem Namen Tiranu …
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Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Sa 26. Sep 2015, 00:30

Im neuen Wind



„Kein Fleisch? Das kann unmöglich …“

„Es ist mein Ernst und es wird so umgesetzt!“

Cirinths Protest ging im Lachen zweier musizierender Zwerge unter, die sich vom Gespräch abgelenkt, gehörig im Ton vergriffen hatten. Der Klang ihrer Flöten wehte wenig später schon wieder durch die hinteren Nischen der Kaminhalle. Ihr neugieriger Blick jedoch hing an den beiden hochgewachsenen Elfen, welche angeregt in ihre morgendliche Besprechung vertieft waren.

Jornowell klemmte sich einen Bogen Pergament unter die Arme und bedachte Cirinth mit einem abschätzenden Blick: „Ich werde den Menüplan der Küche selbst unterbreiten …“

„Die Köche werden lachen über diesen Vorschlag, ebenso die gesamte Gesellschaft …“ Cirinth schien fassungslos. Er war wenig begeistert von den Vorschlägen seines Nachfolgers, mehr noch missfiel ihm allerdings der Umstand, dass man all seine Plänen für die anstehenden Festlichkeiten stattgab. „Ich habe noch nie gehört, dass ein Festbankett unter den Edlen Albenmarks ohne Fleisch oder Fisch serviert wurde.“

Jornowell wollte, augenscheinlich des Themas überdrüssig geworden, etwas erwidern. Kaum jedoch trat Morwenna in das Sichtfeld ihrer beiden Höflinge sich Cirinth mit Empörung in seinem Gesicht an sie: „Herrin, ich insistiere! So sehr ich seinen Vater für sein Werk respektierte … aber was seine Planungen für das Bankett angeht … Ich fasse es nicht, dass du dein Vertrauen in ihn setzt! Seine Motive scheinen offensichtlich nicht …“

Morwenna hob eine Hand, ermüdet von den sich ständig wiederholenden Anschuldigungen, die ihr ehemaliger Hofmeister gegen Jornowell vorbrachte. Etliche Male war er in den letzten Tagen auf sie zugegangen, um sie anzuflehen, ihre Entscheidung über seine Absetzung zu überdenken. Dabei fiel Morwenna auf, dass Cirinth tatsächlich etwas an seinen Aufgaben zu liegen schien – oder hatte er gar Angst vor Emerelles Unmut, wenn sie erfuhr, dass er seinen von ihr anvertrauten Posten einfach verloren hatte?

Die Fürstin antwortete nicht gleich, doch spürte sie ihre Vertraute Abelle in ihrem Rücken lächeln. Sie wusste, dass ihr Haushalt von Cirinths bisheriger Führung nicht sonderlich angetan war. Oftmals hatte es Anschuldigungen falscher Loyalität und nicht nachgewiesener Bespitzelung gegeben. Der Hof war nach dem Regimentswechsel ebenso überrascht wie hoffnungsvoll. Dass mit diesem Wechsel bald auch die Reise des ehemaligen Hofmeisters an die Vasallenhöfe des Lands begann, schien nicht nur Abelle zu gefallen.

Cirinth versuchte zwar, mit allen Mitteln seinen Unmut Luft zu machen. Doch auch er musste eingestehen, dass seine angedachte Tätigkeit an den Landhöfen Langollions ein großer Schritt gegen die Korruption und für den Wiederaufbau sei. Er traute sich diese Aufgabe als ausgebildeter Rechnungsmeister durchaus zu und war angetan von dem Gedanken, nachhaltig etwas bewirken zu können. Begeistert zeigte er sich allerdings dennoch nicht. Vor allem nicht von der Wahl für seine Nachfolge.

Jornowells Ruf verleitete zu Cirinths Erleichterung viele Höflinge neben ihm dazu, skeptisch zu sein. Die Spannung zwischen dem neuen und dem ehemaligen Hofmeister trug nicht eben zu großer Effektivität des Hofstaats bei. So war es an Morwenna, die Angelegenheiten zu überwachen. Der größte Streitpunkt war die Planung der nahenden Festlichkeiten am Hof, bei denen sich der gesamte Landadel unter anderem für längere Verhandlungen am Hof des Rosenturms versammeln würde.

Morwenna streckte die Hand nach dem Pergament aus, welches Jornowell ihr bereitwillig übergab. Sein Blick war so reserviert, wie jeden Tag, seit er in ihren Diensten stand. Sein Enthusiasmus litt aber keinesfalls unter ihrem starren Umgang. Mehr noch war seine Arbeit inspirierend für die festgefahrenen Strukturen des Hofstaats. Seine Ideen waren ebenso außergewöhnlich, wie sein Auftreten.

Morwenna stöhnte innerlich auf, als sie ihn kurz genauer betrachtete. Das aschblonde Haar war wirr in einem losen Knoten auf seinem Kopf zusammengehalten, während er statt eines edlen Wamses eine einfache Tunika und abgetragene Stiefel trug. So stellte sie sich nicht eben das Auftreten ihres Haushofmeisters vor!

Mehr noch schien sein Umgang mit dem Personal – so hatte die angetane Abelle ihr berichtet – auf einer sehr gleichgestellten, zwanglosen Ebene stattzufinden. Was ihre Dienerschaft anging, so hatte Jornowell sie schon auf seine Seite gezogen. Die Höflinge und Cirinth jedoch würden noch lange zweifeln. Und auch Morwenna selbst blieb vorsichtig.

Flüchtig studierte sie den Speiseplan des großen Banketts, welches zu Beginn der Besuche des Adels stattfinden sollte. Tatsächlich waren keine Fleischspeisen zu finden.

„Es ist ein Armutszeugnis“, schlussfolgerte Cirinth.

Jornowell räusperte sich: „Wohl kaum.“ Er suchte ihren Blick und schloss Cirinth mit seiner Körperhaltung aus. „Dein Volk leidet Hunger, was glaubst du, wie sie reagieren werden, wenn sich hier der Adel versammelt und sich auf ihre Kosten den Bauch vollschlägt? Es wird zu neuem Unmut führen …“ Er hob die Braue. „Wenn wir dagegen auf überflüssige Verköstigung verzichten und stattdessen die Bauern unterstützten, indem wir ihre Erträge beziehen, dann wird das der Stein des Anstoßes zum Umdenken sein. Der Adel wird sich von solch einem gewagten Verzicht zum Nachdenken anregen lassen. Zumindest aber werden wir ihren Respekt für die mutige Entscheidung gewinnen.“

„Es wird im Fiasko enden“ Cirinths Meinung stand fest.

Morwennas ebenso – „Wir werden es nach Jornowells Plänen umsetzten. Außerdem soll die Menge Fleisch und Fisch, die wir für die Gesellschaft benötigt hätten, an die Bedürftigen der Hauptstadt gespendet werden.“

„Eine gute Entscheidung“, befand Jornowell und schenkte ihr nun doch ein Lächeln. Er schien sich allzu bewusst, dass er es gewesen war, der sie zu dieser Entscheidung geführt hatte. Sein Geschick, derartige Verhandlungen zu führen, rang Morwenna Respekt ab. Die Tatsache, dass er sich stets gegen den Einfluss von Alvias gesträubt hatte, machte diese ganze Angelegenheit umso kurioser.

„Du wirst sehen, auch aus Wintergemüse und anderen Bodenschätzen dieses Landes lassen sich köstliche Speisen zubereiten!“ Jornowells unverhohlenes Lächeln wuchs in die Breite.

Erneut lachte einer der Zwerge auf, der sich von seinem Sessel erhoben hatte, um Feuerholz nachzulegen. Morwenna hatte nicht bemerkt, dass ihr Flötenspiel unterbrochen worden war. Der

Zwerg wandte sich zu ihnen hinüber: „Jornowell weiß wovon er spricht, das können wir und unsere Bäuche bezeugen. Während unseres Aufenthaltes hat er manch nahrhaftes Mahl in euren Küchen für uns zubereitet. Man mag es uns zwar nicht ansehen, aber Zwerge sind äußerst anspruchsvolle Esser!“

Morwenna war von dieser Offenbarung überrascht. Nur schwer konnte sie sich Jornowell in den Küchen ihres Hauses vorstellen, mit hochgebundenen Haaren und einem Kochlöffel in der Hand.

Mit einem Zwinkern neigte der Zwerg leicht den Kopf in ihre Richtung, was die Fürstin als Entschuldigung für sein Einmischen auffassen wollte. Ihr war aufgefallen, dass diese Gesandten einen außerordentlichen Narren an Jornowell gefressen hatten – und seit sie von seiner Ernennung als Hofmeister Wind bekommen hatten, ließen sie keine Möglichkeit verstreichen, ihre Hilfe anzubieten. So war es nicht verwunderlich, dass sie ihren Aufenthalt für die anstehenden Beratungen verlängerten. Sie hatten sich sogar angeboten, für die musikalische Untermalung während des Eröffnungsbanketts zu sorgen.

„Allerdings ist uns aufgefallen, dass die ein oder andere Prise Salz allzu leicht durch seine Finger den Weg in den Topf findet…“, lachte der Zwerg weiter. „Was sagt man noch gleich, beutet das? Thorwald, hilf einem alten Mann auf die Sprünge …“ Sein angesprochener Kamerad zeigte nur ein zahnluckiges Lächeln. Diese Andeutung schien ihm ein zu heißes Pflaster zu sein, um noch nachtreten zu wollen.

Was die Zwerge in ihrer unbedachten Unverschämtheit andeuteten, ließ in ihr allerdings eine unangenehme Berührtheit zurück. Für einen Moment blieb ihr die Luft zum Atmen im Halse stecken. Ihre Wangen wurden unangenehm warm. Was wussten diese Zwerge? Jornowell sollte doch nicht indiskret gewesen sein?

Morwenna schaute Jornowell durchdringend an. Er wirkte vor allem von durchgearbeiteten Nächten ausgezehrt und betont sachlich. Die Andeutung der Zwerge schien ihn nicht zu rühren. Bei allem Unmut, diese Reaktion hätte sie nicht von ihm erwartet – oder erhofft? Die Leichtigkeit seines Wesens, so unpassend es manches Mal auch war, ließ sich vermissen. Morwenna schluckte.

Cirinth wirkte über ihre Entscheidung und die Einmischung der Zwerge erbost. Der zukünftige Abgesandte, der zur Unterstützung der innenpolitischen Situation an die Höfe des Landadels reisen würde, zeigte einmal mehr offen, was er von seiner Degradierung hielt. Er würde nicht müde werden, Jornowell Steine in den Weg zu legen.

„Habt ihr euch auf eine Ordnung für die Unterbringung der Gäste geeinigt?“, lenkte Morwenna daher das Thema um.

Jornowell nickte sofort. Es war allzu offensichtlich, dass er das Heft in die Hand genommen hatte und sich nicht mehr nach Cirinths Erfahrung richtete. „Die Grafen und Barone werden während der Festlichkeiten nicht im Rosenturm, sondern in der Hauptstadt untergebracht.“

Während Cirinth in seiner Empörung die Sprache vergessen haben zu schien und nur einen undefinierbaren Laut des Schocks von sich stieß, legte Morwenna ihren Kopf schief: „Wie bitte?“

Jornowell breitete die Hände aus, als fasse er eine Offensichtlichkeit ein: „Warst du in den letzten Tagen einmal in der Hauptstadt? Ich muss zugeben, dass ich bei der Menge meiner Arbeit nur ein einziges Mal die Möglichkeit hatte, einen Ausritt dorthin zu machen. Was soll ich sagen? Es ist, als sei der Hafen von einem Zauber umgeben, der die Zeit still stehen lässt. Die Arbeiter an den Docks haben Feuerstellen errichtet, an denen sie Stockbrot in ihren Pausen backen, während sie mit ihren Kindern Knallfrösche springen lassen, um sie vom Frost abzulenken. Die Kälte setzt ihnen zu, doch sie bilden sich ihre eigene Welt, in der sie die Wintermonate zu ihren Gunsten auslegen. Wenn der Schneefall im kalten Ozean untergeht und die vertäuten, von Schnee bedeckten Kähne auf den Wellen der Bucht tanzen, dann denkt niemand von ihnen an ihre Notlage. In der ganzen Stadt helfen sich die Albenkinder, kochen Eintopf und Tee für die Eistänzer auf den unzähligen gefrorenen Brunnen. Der Geruch der heißen Blutbirnen und gebrannten Mandeln weht bis über die Dachgiebel, noch weit über die Stadtgrenzen hinaus. In den Werkstätten werden verzauberte Kristalle hergestellt, die nur zugunsten der nicht magiebegabten Bedürftigen verteilt werden. In ihnen glüht das Licht hunderter Flammen gegen Dunkelheit und Kälte.“

Cirinth schnaubte: „Was soll dieses sentimentale Geschwätz? Wir diskutieren über politische Entscheidungen, nicht über gebrannte Mandeln!“

Jornowell lächelte bei diesen Worten – nicht sein strahlendes, warmes Lächeln, welches ihr so vertraut war, sondern eher abschätzig und kühl. „Du solltest die Augen öffnen, wie der Adel auch! Da draußen lebt euer Volk in seiner Not und selbst dieses weiß sich besser zu helfen, als die Schuld ständig von sich zu schieben und andere verantwortlich zu machen. Wenn die feinen Grafen mit ihren Familien in der Hauptstadt leben, dann bekommen sie endlich vor die Augen geführt, wer ihre Anvertrauten sind und um wen es letztlich bei diesem Zusammenkommen geht: Die einfachen Albenkinder Langollions. Wenn die Stimmung in der Stadt die Edlen und ihre Angehörigen nicht ergreift, dann wird es uns erst recht nicht gelingen, sie hier im Rosenturm zum Umdenken zu überzeugen, wo Morwennas und Tiranus ständige Präsenz ihre Missgunst nur noch vergrößern wird. Ein wenig mehr Freiraum wird eine Wohltat für die angespannte Stimmung sein. Niemand wird sich durch eine ungleiche Raumordnung im Palast benachteiligt fühlen. Es wird eine Freude für die mitgereisten Familien werden, an dem Treiben der Stadt teilzunehmen, während der zugehörige Graf bei den Verhandlungen anwesend ist und genau weiß, wie gut die Familie umsorgt ist. Außerdem kann auf diese Weise eine Menge Gold gespart werden.“

„Wie das?“, Cirinth warf die Hände in die Luft. „Es wird eine planerische Herausforderung, all das abzuwickeln. Welche Häuser sollen den Grafen zur Verfügung gestellt werden? Welche Zahl an Dienerschaft wird für die vielen Haushalte sorgen? Du wirst doch nicht verlangen, dass sie ihren eigenen Haushalt führen?“

Morwenna überraschte dieser Vorschlag auch. Die eigenwillige musikalische Untermalung der Zwerge während des Banketts und der abgewandelte Menüplan waren eine Sache, aber das grenzte an einen politischen Affront! Der Ruf ihrer Gastfreundschaft könnte erheblichen Schaden nehmen!

„Ich habe bei meinem Ausflug in die Hauptstadt die Bäcker und Wirtshäuser mit der Verpflegung der Adligen während ihres Aufenthalts beauftragt. Durch ein kleines System an Botengänger – meistens die Kinder der Verantwortlichen – wird es bei keinem der Gäste an irgendetwas mangeln. Außerdem kenne ich keinen noch so unbedeutenden Baron, der ohne seinen Leibdiener verreist, welcher mehr als fähig sein sollte, den Haushalt zu leiten.“ Er sah mit einem verschwörerischen Lächeln zu Abelle. „Die großzügigen Stadthäuser, welche den Grafen und Baronen zur Verfügung gestellt werden sollen, sind bereits vorbereitet und entsprechend hergerichtet. Der Grund und Boden wurde von einigen Edlen deines Hofstaats bereitwillig zur Verfügung gestellt.“ Jornowell zwinkerte Abelle bei diesen Worten zu.

Morwenna wandte sich überrascht zu ihrer Vertrauten um. Sie wirkte angetan von Jornowell. Die Fürstin wusste, dass die Elfe aus einer wohlhabenden Familie stammte. Gewiss war ihre Sippe in Besitz von einigen Stadthäusern. Die Ahnung, dass Abelle mit Jornowell in die Hauptstadt geritten war, und ihm all die Dinge gezeigt hatte, welche er zuvor beschrieben hatte, war wie ein Stich für sie. Sie würde sie später zur Rede stellen, beschloss sie.

„Du hast bereits Vorkehrungen getroffen, ohne eine Erlaubnis abzuwarten? Das ist unfassbar!“ Cirinths erwartender Blick lag auf ihr. Er kochte offensichtlich vor Wut.

„Du hast das an die ausreichende Zahl an Kutschen und Pferde gedacht?“, fragte sie schließlich ohne jede Wertung in der Stimme. „Die Beteiligten werden oft die Reise zum Turm auf sich nehmen müssen.“

„Ja“, erwiderte Jornowell ohne großes Zögern. „Ich konnte einen Kutschenbauer zu einem sehr niedrigen Leihkurs überreden.“

Noch einen kurzen Moment ließ sie die Auswirkungen eines Scheiterns seiner Pläne auf sich wirken. Doch seine Argumente waren eine Hausmarke für sich. Sein unkonventionelles Denken würde in jedem Sinne für Gesprächsstoff sorgen – ob nun gut oder schlecht. Die Chance auf einen entsprechenden Erfolg war verlockend groß.

„Du hast meine Zustimmung.“ Morwenna war sich nach dem Gesagten noch sicherer, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

„Herrin, du entschuldigst mich.“ Cirinth machte bei ihrem Nicken auf dem Absatz kehrt und verließ mit großen Schritten die Halle. Morwenna sah es ihm nach, war sie mehr davon erleichtert, sich seiner Anwesenheit entledigt zu wissen, als von seinem Fehltritt pikiert.

„So oft wie in den letzten Tagen hat er mich noch nie zuvor ‚Herrin‘ genannt“, stellte Morwenna fest und erreichte damit ein flaches Lächeln bei Jornowell.

„Ich sollte mich auch zurück an die Arbeit begeben.“ Jornowell senkte leicht den Kopf vor ihr – sie wusste allerdings, dass diese Geste nur der Anwesenheit der Zwerge und Abelles geschuldet war. Dann folgte er Cirinth aus der Halle hinaus.

Irritiert von dieser erneuten Abweisung wandte sie sich nach Abelle um. Sie hatte einige Fragen! In einer fast freundschaftlichen Geste griff sie den Arm ihrer Vertrauten, welche damit aber kein positives Zeichen der Zuneigung verband, wie unschwer an ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen war. „Lass uns spazieren gehen“, forderte Morwenna süß wie ein fauliger Apfel.

***


Jornowell entging nicht der skeptische Blick, welcher ihm von den beiden Wachen entgegenschlug. Nicht nur diesem war das kurze Zögern geschuldet, welches ihn von einem Klopfen abhielt. Doch schließlich hob er die Hand gegen die massive Tür zu den Gemächern der Fürstin.

Einige Momente vergingen, ehe Morwenna die Tür öffnete. Ihr überraschter Blick hielt ihn nicht davon ab, unaufgefordert durch den Rahmen zu treten. Ihrem Schnauben folgte das Klacken des zufallenden Schlosses.

Das Blumenbouquet, welches er ihr aus so vielen Teilen Albenmarks zusammengetragen hatte, war aus ihrem Vorzimmer verschwunden. Es überraschte ihn nicht. Dennoch wirkte ihre Abwesenheit wie ein Loch in der Perfektion dieses Raumes.

Jornowell lenkte seinen Blick unwillkürlich zur großen, die Rundung des Raums einnehmende Fensterfront. Hinter dem Frost der gefrorenen Scheiben glitzerten die Sterne am dunklen Firmament. Das Mondlicht strahlte durch die Musterung der Fensterrahmen in eigentümlichen Formen über den steinernen Boden. Zwei Barinsteine schienen sonst als einzige Lichtquelle von niedrigen Sockeln herauf, ihr Licht war sehr warm.

Jornowell roch Morwenna in ihren Räumlichkeiten, die Heilkräuter, die leise Note von Rosenöl und dem eigenen Charakter des Holzinterieurs.

Die zierliche Heilerin schritt hinter ihn und bedachte ihn abwartend: „Es ist reichlich spät für eine Aufwartung, Hofmeister!“

Wie zur Unterstreichung ihrer Worte zog sie die Kordel, welche ihren seidengrünen Mantel um ihre Hüfen hielt, enger. Das lange dunkle Haar hatte sie in einem Zopf über ihre Schulter geflochten. Einen kleinen Moment zu lange konnte Jornowell den Blick nicht von ihren nackten Waden lösen. Er räusperte sich, legte seine Arme hinter seinem Rücken zusammen und war plötzlich sehr dankbar dafür, sie selbst während ihrer Liebesnacht nicht völlig entkleidet gesehen zu haben. Zu wissen, was sich unter ihrem Abendmantel verbarg, mochte quälender sein als seine Neugier.

„Ich komme nicht wegen einer Aufwartung, sondern wegen dem Klärungsbedarf gewisser Gerüchte…“

Morwenna hob eine Braue: „Neben den ganzen Vorbereitungen und Auseinandersetzungen mit Cirinth hast du also noch ein Ohr für den Klatsch bei Hofe!?“

„Ein guter Hofmeister weiß um die Geschehnisse seines Haushalts.“ Jornowell straffte sich. Unsicherheit glomm in ihm bei den Gedanken an das auf, was er durch den Mund eines Zimmermädchens vernommen hatte. Ganz genau wusste er mit dem sensiblen Thema nicht vor die Fürstin zu treten. „Hat dein Bruder schon sein Kommen angekündigt?“

Morwenna verschränkte ihre Arme. „Es geht also um ihn?“ Nach ausbleibender Antwort fügte sie hinzu: „Nein, er hat noch nicht auf meinen Brief reagiert. Allerdings wird es kaum verwunderlich sein, wenn seine Botschaft auf sich warten lässt. Er ist gewiss sehr beschäftigt in Ishemon.“

Nun war es an Jornowell, seine Brauen zu heben: „Davon bin ich überzeugt.“ Er ging hinüber zu dem niedrigen Sofa und ließ sich darauf nieder. Nach kurzem Zögern setzte sich Morwenna ihm gegenüber und forderte ihn auf, weiterzusprechen.

„Mir ist durch zweifelhafte Quelle zu Ohren gekommen, dass Tiranu in Ishemon eine Geliebte zu haben scheint. Ich wäre nicht eben angetan von dem Gedanken, mir hier den Arm für sein Reich auszureißen, während er sich mit irgendeiner Elfendame zwischen Seidenlaken wälzt.“

Morwennas Blick hätte er gern in einer Zeichnung festgehalten. Sie schien zu verstummen von seiner indiskreten Offenbarung. Seine Wortwahl sollte ihren Effekt nicht verfehlen. „Weißt du etwas davon?“

„Das … Das ist Unsinn, eine ruchbare Verleumdung“, erwiderte sie mit dunklem Blick. „Er selbst erzählte mir von seinem Vorhaben, Ishemons Fürsten zum Einlenken bewegen zu wollen.“

„Bist du dir sicher?“ Jornowell hatte keine andere Reaktion von ihr erwartet. Dennoch blieb er skeptisch. „Es gibt noch weiteres Gerede über ihn … Er scheint wohl einen gewissen Schlag bei Frauen zu haben … nicht, dass es mich sonderlich wundern würde.“

Morwenna lächelte mit kaum verhohlenem Spott: „Stellst du jetzt meinem Bruder nach?“

„Er scheint mir fast umgänglich … in seiner Abwesenheit.“

Jornowell lehnte sich, die oberflächliche Erheiterung aus seinen Zügen verbannend, nach vorn. „Da ist noch mehr … Anscheinend geht das Gerücht bei Hofe um, wir … beide … hätten eine Affäre und meine Ernennung begründet auf falscher Bevorzugung.“

Der Blick der Fürstin suchte die Leere. Ihr schien sehr deutlich bewusst zu sein, dass diese Gerüchte – teilweise bestimmt mit haltbaren Fakten hinterlegt – ihrem Ansehen sehr schaden würden. Wenn erst das Volk von diesem Gerede Wind bekam, dann würde alles so auslegt werden, dass die beiden Geschwister ihren Hof in ein Freudenhaus verwandelten, während ihre Untertanen hungerten. Dies würde bestimmt nicht zur Entspannung der Situation beitragen. Gerade die Absetzung eines Loyalisten der Königin – Cirinth – könnte ihnen als massive Fehlentscheidung ausgelegt werden, wenn bekannt wurde, dass Jornowell und sie das Bett teilten.

Morwenna musste sich auf entsprechende Anschuldigungen vorbereiten, auch im Hinblick auf die nahenden Verhandlungen. Der Adel würde keine Chance auslassen, die Herrschaft der Geschwister anzuzweifeln, um sich selbst Vorteile zu erschleichen.

„Ich wollte dich nicht in noch größere Schwierigkeiten bringen…“, raunte er ihr zu, doch erhielt keine Reaktion, die ihm die nächsten Worte irgendwie erleichtern könnten. „Du solltest diese Sache leugnen und dich von den Gerüchten distanzieren, ehe sie zu Anschuldigungen werden.“

Nun kam Leben in ihr Gesicht, doch nicht so, wie er es sich ausgemalt hätte. Eine steile Zornesfalte grub sich zwischen ihren Brauen, während ihr Blick dunkel wie eine mondlose Nacht wurde. Sie erhob sich und ließ sich dabei alle Zeit, ihren Mantel glatt zu streichen und ihre Mimik unter Kontrolle zu bringen: „Hofmeister, es ist spät. Du solltest gehen, um dich auszuruhen. Deine Aufgaben dürfen nicht vernachlässigt werden.“

Jornowell fuhr sich enttäuscht durch das Haar. Wie konnte man nur so sein? Glaubte sie denn, es bereitete ihm Spaß, sie so zu quälen? Dass sie seine Worte verurteilte, war ihr offensichtlich anzusehen. Wohl nahm sie seinen Rat als Schmähung auf.

‚Ihr gefällt es ganz und gar nicht, dass ausgerechnet ich ihr diesen Vorschlag unterbreite. Ihrem Ego zufolge sollte ich mich eigentlich mit dem Fakt, dass man sie mit mir verbindet, brüsten. Sie will, dass es mir gefällt, wenn man mutmaßt, sie gehöre zu mir. Sie will, dass ich sie will. Selbst wenn sie unerreichbar für mich bleibt. Ausgerechnet in dieser Hinsicht ist sie wohl nicht anders, als andere Frauen auch …‘

Dabei war sie es, die ihn vor den Kopf gestoßen hatte und dieses Thema seitdem mied, wie die Maus das offene Feld.

Und nun konnte sie nicht zwischen dem Elfen unterscheiden, der als ihr Verehrer vor sie trat, und dem, der ihr politischer Berater sein sollte. Es machte umso deutlicher, dass Anarion mit seinen Vermutungen recht behielt.

Auch Jornowell erhob sich. Kurz zögerte er, doch wollte er sich von seinem Stolz nicht so zerfressen lassen, wie sie. Also überwand er sich, endlich das so lange umschiffte Thema beim Kragen zu packen: „Du musst mit jemandem darüber reden. Wenn schon nicht mit mir, dann …“

„Raus!“ Morwenna gab sich als die bleiche, emotionslose Puppe, welche sie von der Pike auf zu sein gelernt hatte. Wenn sie wenigstens wieder zornig sein würde...

„Bitte verschließe dich nicht“, versuchte er weiter, doch erreichte damit nur das Schließen aller Tore zu ihrer Vernunft. „Irgendwann wirst du an einem solchen Verhalten zerbrechen! Es liegt kein Stolz darin, seine Gefühle zu verdrängen, nur Leere! Ebenso ist es keine Schande, unsicher zu sein. Bitte, lass dir helfen, rede mit irgendjemanden!“

„Geh!“ Ihr Ton machte deutlich, dass sie keinen Widerstand duldete. „Wenn du mir wirklich helfen willst, dann hilf meinem Land, aber halte dich fern von mir!“

Sie blickte ihn nicht an, aber es war deutlich, dass sie kurz davor war, ihre Beherrschung zu verlieren. Das minimale Zittern ihrer Hände, dieses vehemente Versuchen, ihr Gesicht vor ihm zu verbergen …

Jornowell erkannte, dass er auf dieser Basis nie etwas erreichen würde. Er trieb sie nur weiter gegen die Wand, zog ihr den sicheren Boden unter den Füßen weg. Diese Scharade hatte sich so sehr über ihr eigenes Wesen gelegt, dass sie ihre wahren Empfindungen nicht mehr erkannte.

Es schmerzte ihn, doch er ging.

Kaum war er aus der Tür hinaus, traf ihn erneut der herablassende Blick der Wachen. Gerade wollte er zu einem spitzen Kommentar ansetzten, als er bemerkte, wie sie plötzlich Haltung annahmen und an ihm vorbei schauten.

Verwundert lenkte er sein Augenmerk in Richtung des schwach erhellten Korridors. Kaum erkannte er, wer da mit großen, schweren Schritten den Weg zu Morwennas Gemächern einschlug, da versteifte auch er sich.

Der Fürst war aus Ishemon zurückgekehrt.

Erneut machte Jornowell den Mund auf, um etwas zu sagen. Doch Tiranu ging, den Blick geradewegs durch ihn hindurch, tonlos an ihm vorbei. Einzig der herabwürdigende Blick verriet, dass seine Anwesenheit überhaupt wahrgenommen wurde. Die Schatten in seinen Zügen zeugte von nichts Gutem. Er schien also genauestens darüber informiert, was am Hofe des Rosenturms während seiner Abwesenheit von Statten gegangen war. Und begeistert schien er auf keinen Fall.

„Mein Fürst“, grüßte Jornowell ernüchtert gegen die scheppernde Tür, welche ihm unmissverständlich das Gefühl gab, seine Arbeit habe gerade erst richtig begonnen.
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Chrisantiss
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Sa 26. Sep 2015, 22:20

Interessant, Tiranu kehrt zurück und scheint nicht begeistert. Bin gespannt, wie du das löst. Er gehört übrigens zu meinen Lieblingen in der Elfenwelt.
Weil er nicht nur edel, hilfreich und gut ist, sondern eine vielschichtige Persönlichkeit hat.
Dieses Kapitel ist sehr durchdacht, was Jornowells Ideen betrifft.

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Do 8. Okt 2015, 20:01

@Chrisantiss: Freut mich, wieder von dir zu hören! Ich kann dir sagen, dieses Kapitel wird dann genau richtig für dich sein. Ich bin gespannt auf deine Reaktion :)

Willkommen zum nächsten Kapitel! Wie der Titel verrät, wird dieses eine Mal der Fokus mehr auf eine dritte Person im Bunde gelenkt. Ich habe etwas länger gebraucht, um alles reinzupacken, was ich drin haben wollte. Zu hundert Prozent trifft es meine Erwartungen nicht, aber ich habe das Gefühl, dass jedes weitere Rum-Doktorn etwas kaputt machen könnte.
Deswegen ist es endlich online.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich, eure Meinungen zu hören.

____________________

Ein neuer Blickwinkel

Bebend ließ sie sich auf das Sofa nieder und hielt ihr Gesicht in Händen verborgen. Warum war er ihrer Bitte nachgekommen? Sie wusste, ihr Befehl hatte ihm nicht viel Entscheidungsraum gelassen, aber nun war sie fast zornig, dass er auf sie gehört hatte. Ihre Räumlichkeiten fühlten sich im Halbdunkel der Nacht ungewohnt leer an. Ihr wurde kalt.

Als die Tür unvermittelt aufschwang, fuhr sie auf und wurde im selben Moment herbe enttäuscht. Nicht ihr Hofmeister stand in der Tür, sondern Tiranu.

Einige Herzschläge lang sah sie ihren Bruder irritiert an, bis sie realisierte, dass er wohl genauso wortlos zurückgekehrt, wie er schon verschwunden war. In seinen schulterlangen Haaren schmolzen vereinzelte Schneeflocken, die über seinen zurückgeschlagenen Mantel perlten. Der dunkle Pelzkragen war zerzaust vom Wind und auch seine restliche Kleidung zeugte von einem schnellen Ritt durch die Winterwitterung. In seinen Augen glomm der Argwohn.

Er wusste Bescheid…

Morwenna wollte etwas sagen, einen Gruß, eine Rechtfertigung, einen Vorwurf über sein plötzliches Verschwinden. Doch die Worte blieben ihr in der Kehle stecken, als sie der plötzlichen Änderung in seiner Haltung gewahr wurde. Durch seinen prüfenden Blick wurden ihr ihre feuchten Wangen mit einem Male sehr bewusst. Sie fuhr sich mit den Fingern über das Gesicht, um die verräterischen Spuren loszuwerden. Doch lenkte dies nur die Aufmerksamkeit auf die falschen Stellen.

„Was hat er getan?“ Tiranu überwand die Distanz zu ihr und griff ihre Arme. „Morwenna, was hat er getan!?“

Langsam wurde ihr klar, wie die Situation für Tiranu aussehen musste, denn wahrscheinlich war Jornowell ihm auf dem Korridor begegnet …

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er von ihr ab und schritt erneut zur Tür: „Wenn du es mir nicht sagen willst, erfahre ich es von ihm.“

Morwenna schloss zu ihm auf und griff seine Hand, die beinahe den Türknauf erreicht hatte. Sie sah ihn aus noch immer feuchten Augen eindringlich an.

„Er hat nichts getan, wofür er deinen Zorn verdient …“ Sie schüttelte den Kopf und schalt sich innerlich eine Närrin. „Ich war es, die sich unangemessen verhielt … und … es … die Schuld, sie liegt allein bei mir.“ Sie keuchte unter ihrer eigenen Bürde auf und hielt sich mit zitternden Händen umschlungen. Verflucht! Sie zitterte nicht! Nicht wegen einer nervenaufreibenden Operation und schon gar nicht wegen eines Elfen. Ihre Mutter hatte sie hundertfach hiervor gewarnt. Sie war blindlinks und willentlich in ihr eigenes Unglück gelaufen…

Verwundert bemerkte die Elfe, wie sich die warmen Hände ihres Bruders um ihr Gesicht legten. Von unzählbaren Stunden, die sie ein Schwert führten, waren sie mit hornigen Schwielen gezeichnet. Ihre Berührung war nicht liebevoll, aber schutzversprechend. „Warum um alles, was die Alben schufen, hast du dich auf diesen kopflosen Narren eingelassen? Als ich in Ishemon hörte, dass … Ich kann nicht fassen, dass du diesem Dilettanten die Führung unseres Haushalts überlasst! Er ist ein Loyalist Emerelles, sein Vater war ihr größter Anhänger! Ist dir das entgangen? Bist du je auf die Idee gekommen, dass er all dies aus dem Vorsatz angezettelt hat, uns zu schaden?“

Morwenna zog die dunklen Brauen zusammen. Ihr Bruder mochte mit Worten taktieren, wie er wollte – und in jedem anderen Fall würde er ihre Akzeptanz gewinnen – aber sie ließ nicht zu, dass er ihren Instinkt und ihre Politmacht heruntersetzte. In dieser Angelegenheit waren sie einander ebenbürtig und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, wie offen er ihre Entscheidungen in Frage stellte. Ob er nun unleidliche Gerüchte vernommen hatte, oder sich durch die Situation alles zusammenreimte, wenn er ihre Unbefangenheit anzweifelte, mochte sie mehr erwarten, als seine Spielchen!

„Er hat in deiner Abwesenheit mehr für Langollion erreicht als du …“

„Nun verteidigst du ihn also vor mir, obwohl ich dich in dieser Verfassung vorfinde?“, fuhr er ihr dazwischen, auf den Lippen ein zweischneidiges Lächeln – zum einen schien er nach wie vor um sie besorgt und gespielt interessiert, zum anderen war diese Geste herabsetzend und eine Verurteilung zugleich. „Ich werde euch Frauen nie verstehen ...“

Erbost stieß sie ihm mit flachen Händen vor die Brust. Ihre Handgelenke litten von der Härte, die ihnen entgegenstand, aber der Schmerz stachelte sie nur weiter an. „Was für Frauen hast du schon kennengelernt, kleiner Bruder?! Ob nun dir hörige Elfen aus deinem Regiment oder irgendwelche machthungrige Flittchen: Es ist mir einerlei, aber wage es nie wieder, mich mit ihnen zu vergleichen!“

Tiranus Blick wurde finster wie der Himmel bei einem aufziehenden Gewitter. Innerlich wappnete sich Morwenna vor dem bevorstehenden Donner. „Hast du den Verstand verloren!?“

„Dann befänden wir uns wenigstens endlich auf demselben Niveau!“

Morwenna schritt erhobenen Hauptes an ihm vorbei, den Blick stur geradeaus. Es brachte nichts, mit ihm über solche Dinge zu diskutieren!

Ihr Weg führte sie in ihr Schlafgemach, wo sie sich vor allzu kurzer Zeit noch für eine weitere schlaflose Nacht zurecht gemacht hatte. Die Tür zum Balkon stand weit offen und ließ den Wind herein, welcher träge mit den Vorhängen spielte. Seine Kühle tat ihrem aufgeregten Geist gut und trocknete die Spuren auf ihren Wangen.

Fahrig griff sie nach der Zudecke, welche unter einem schwarzen Wolfspelz auf ihrem Bett lag, und schlug sie auf. Innerlich bebte sie, denn sie wusste, wie irrational sie sich verhielt. Ihre Hände, so fühlte sie, mussten etwas tun, und sei es nur, um sich mit Stumpfsinnigkeiten abzulenken. Sie fuhr über den struppigen Pelz und erinnerte sich daran, wie sie den Wolf selbst mit einem gut gezielten Bogenschuss während einer Jagd in den Wäldern der Königin erlegt hatte. Das Tier war zu nahe an ihre teure Stute geschlichen, welche panisch wiehernd und scharrend an einen Baum gebunden auf die Rückkehr ihrer Herrin gewartet hatte. Morwenna hatte nicht gezögert, den Wolf zu erschießen, um ihr Reittier zu beschützen. Dieser Vorfall war nur kurz nach dem Tod ihrer Mutter geschehen und ihre Hand war durch ihre Angst, das Tier zu verlieren, geführt worden. Ihr war es egal gewesen, wie die anderen Elfen auf ihren Schuss reagiert hatten. Sie warfen ihr vor, kein Beutetier erlegt, und den Mord nur um des Tötens Willen vollführt zu haben. Allen, auch ihr, war klar gewesen, der Wolf hätte auch auf andere Weise vertrieben werden können.

„Du warst immer sehr … fürsorglich, wenn es um den Schutz jener ging, die dir nahe sind.“ Morwenna wandte den Kopf und sah Tiranu im Durchgang zu ihrem Schlafgemach lehnen. Seine Arme waren verschränkt, doch der Blick nicht länger vorwurfsvoll. Den Mantel hatte er abgelegt. „Vielleicht etwas überfürsorglich.“

In seinen Worten schwang sein unterschwelliges Verständnis mit. Er wusste, dass sie niemals so reagiert hätte, wenn Jornowell nur ein beliebiger Elf in ihrer Nähe wäre. Selbst Tiranu kannte sie besser, als sie sich selbst…

„Wundert es dich?!“, sie hob die Augenbrauen und setzte sich trotzig auf ihr Bett. „Mit dir als Bruder, mit deinen ganzen leichtsinnigen Prahlereien, konnte ich doch nur so enden! Oder warum glaubst du, geht mir das Heilen so leicht von der Hand?! Die Übung macht den Meister und Übung hatte ich übermäßig durch dich an meine Seite …“

Ein schmales, fast verkniffenes Schmunzeln erschien auf Tiranus Gesicht, als er sich vom Rahmen stieß. Langsam, mit der kühlen Gelassenheit einer erhabenen Katze, kam er auf sie zu und ging vor ihr in die Hocke. Sein Ärger war für den Moment gebändigt, auch seine Missbilligung. Immerhin äußerlich war für Morwenna nichts zu erkennen. Sie wusste, dass sie ihn nur für diesen Moment ausspielen konnte. Mit den lapidaren Ausführungen ihrer Motive fühlte sich wie ein gescholtenes Kind, das von seinen wahren Belangen ablenkte und nach einem vergebenden Blick haschte. Und tatsächlich fühlte sie sich im Moment verletzlich, denn unter allen Umständen wollte sie seine Akzeptanz, seine Billigung, seinen Rückhalt. Seine Anwesenheit schenkte ihr Klarheit und strukturierte ihre Gedanken neu.

„Verzeih …“, raunte sie mit einem verbitterten Lächeln.

„Es gibt nichts zu verzeihen. Allerdings …“ Die kurze Erheiterung verflog, als er die Hände auf ihre Knie legte, um sein Kinn darauf zu betten: „Wenn du es mir nicht erklärst, kann ich es nicht verstehen.“

Morwenna ignorierte den Umstand, dass ihre Erklärung durch seinen vorschnellen Angriff erst untergegangen war, und griff seine Hände. Sie wusste, dass sein durchdringender Blick ihre Erwiderung suchte, auch wenn sie es nicht wagte, aufzusehen. Sie hatte viele waghalsige Entscheidungen ohne ihren Bruder getroffen und war sich im Klaren darüber, welche Konsequenzen diese auch für ihn haben könnten. Sie wollte ihm aufzeigen, weshalb sie Jornowell so blind vertraute – und das nicht nur, weil sie ihm nahe war. Doch wie war ihr Bruder leichter zu überzeugen, als durch Taten?

„Ich weiß, es ist schwer zu begreifen, aber wir können ihm trauen. Er macht seine Arbeit so gut, dass selbst Cirinth sprachlos ist. Warte die Zusammenkunft des Adels ab, und fälle dann dein Urteil. Du wirst sehen, dass er nicht ganz so dilettantisch ist, wie du …“

„Welche Zusammenkunft…?“ Tiranu blickte sie fragend bis anklagend an.

„Wie bitte, darüber hat man dich nicht informiert?“

„Morwenna?“

„Du solltest den Elfen, der mich für dich ausspioniert, aus deinen Diensten …“

„Morwenna!?“

****


Das Verständnis von Prunk bekam in den folgenden Tagen durch das Fürstenhaus Langollions einen anderen Klang, einen besonderen Geschmack, einen unbekannten Reiz und eine völlig neue Wertstellung. Die Ankunft des Landadels aus allen Regionen des Inselstaats wurde nicht nur in der fürstlichen Residenz zum großen Anlass, auch die Hauptstadt glühte unter den Anstrengungen der Vorbereitungen. Etliche Fürsten zogen den Weg mit der Kutsche über die Wälder und Gebirge Langollions vor, während andere mit dem Schiff den Hafen der Hauptstadt ansteuerten. Auf jeden Baron, auf jeden Graf wartete ein eigener Abgesandter aus dem Hofstaat der Fürsten, der einzig dem Empfang und der Vorbereitung der Gäste diente.

Während man so in der Hauptstadt die Familien der Adligen umsorgte und die Vorteile der andersartigen Unterkünfte anpries – vielen von ihnen musste man hundertfach versichern, dass alle anderen Grafen und Barone gleich behandelt wurden – trafen im Rosenturm die bestellten Waren und Lebensmittel für das festliche Bankett ein. In den Küchen sah man selten solch einen Betrieb, nicht zu dieser Jahresszeit, und zur Verwunderung der Mägde waren die Köche begeistert ob der ‚fleischlosen Herausforderung‘ in der Menügestaltung des Willkommensbanketts.

Im großen Saal – unter den porträtierten Blicken der fürstlichen Ahnen – nahm eine festliche Tafel gestalterische Formen an. Die Vorbereitungen für das Bankett wurden mit stoischer Ruhe und maßgeblicher Gewissenhaftigkeit durch die Dienerschaft vollführt. Jedes Weinglas war zum Funkeln poliert, jedes Messer lag exakt an Ort und Stelle. Die Stühle wurden in champagnerfarbene Hussen gehüllt, welche den dunklen Holzvertäfelungen der hohen Wände schmeichelten.

Der Abend der ersten Zusammenkunft kam näher und die zahlreichen Kutschen am Rande der Hauptstadt wurden für ihren ersten Gebrauch bereit gemacht. Die Würdenträger und ihre Familien fuhren über Pflastersteinstraßen, erhellt von spalierstehenden Laternen, eine kurzweilige Strecke zum Sitz ihrer Fürsten. Oft drehten sich die Gespräche innerhalb der Kutschen um die Gerüchte, die von einem neuen Hofmeister im Rosenturm handelten. Erst in der Hauptstadt hatte diese Kunde das Gehör des Landadels erreicht und breitete sich aus, wie ein loderndes Lauffeuer.

So wie sie den großen Hof in einer genau durchdachten Welle des Kommens und Gehens erreichten, wurden die Würdenträger erneut überrascht. Denn an den Decken der großen Korridore hingen nicht länger – oder nur für diesen Abend? – die Banner der Fürstenfamilie, sondern die Feldzeichen jeder noch so unbedeutenden Adelsfamilie Langollions. Diese Geste wurde von einigen belächelt, doch von den meisten von einem stolzen Blick erwidert.

Im Innenhof, welcher von Pulverschnee, vier steinernen Brunnen und einer Horde an rot gekleideter Dienerschaft gezeichnet wurde, schenkte man heißen Birnenpunsch aus und warmes Gebäck wurde an unruhige Elfenkinder verteilt. Hier würde der standesgemäße Empfang der Fürstengeschwister stattfinden. Spätestens jetzt war auch der letzte Würdenträger verwundert. Die Anzahl der Diener – es waren fast ausschließlich Elfen, die andere Elfen bedienten! – war beachtlich, dazu die Farbe ihrer Uniformen. In ganz Albenmark war es früher Brauch gewesen, dass vermehrt der Adel dieses Rot trug, um den Stand deutlich zu machen. Mittlerweile war es allein schon das Privileg, als Elf geboren zu sein, welches dieses Zeichen der Erhabenheit unnötig machte.

Wie die Kinder der berüchtigten Alathaia –, der Aufständigen, der Kriegsverschuldnerin, der Schwarzmagierin, – den mit Lampions erhellten Hof betraten, waren alle Gespräche mit einem Mal verstummt. Kein Anzeichen des Übermuts, keine herausstechende Besonderheit haftete den hohen Elfen an. Ihre Gewänder waren schlicht – und zu jedermanns erstaunen: Rot!

Während ihrer unverfänglichen Ansprache ließ Morwenna nicht außer Acht, die kurzfriste Einladung und den langen Weg einiger Adligen zu erwähnen. Sie erklärte detailliert, wie die Verhandlungen in den nächsten Tagen verlaufen würden. Es wären stets alle Türen im Rosenturm für Besucher und Bewunderer geöffnet und jeder sei gebeten, so viel Zeit und so viel Muße in den Hallen zu verleben, wie es ihm gefiel. Auch an die Familien sei in der Hauptstadt gedacht worden und niemand sollte an etwas mangeln. Schlussendlich plädierte sie auf ihre Hoffnung, dass die Gespräche sowohl zielführend wie auch von großer, langanhaltender Bedeutung für alle Beteiligten seien. Denn sowohl die Ernennung einiger neuer Würdenträger wie auch die Wahl neuer Führungen der bisher unbesetzten Handelskontore würden im Rahmen des Aufenthalts stattfinden.

Wie Morwenna sprach, stand ihr Bruder wortlos neben ihr. Seine Haltung zeugte weder von Anteilnahme noch von Desinteresse. Als die Fürstin ihre Rede endete, war es an ihm, einen neuen Handelspartner des Fürstentums vorzustellen. Das getroffene Abkommen würde bei den Gesprächen vorgestellt werden und jede Baronie sollte von der gemeinsamen Arbeit profitieren.

Ein Elfenkind quietschte, als eine Hand voll Zwerge in den verschneiten Hof traten. Die filigrane Architektur der Palastfassaden mochte nicht so recht zu ihren gedrungenen Gestalten passen, doch ihr Lächeln war einladend und verriet die Aufgewecktheit ihrer Wesen. Einige Momente herrschte aufgeregtes Raunen inmitten der geladenen Gäste, während die Dienerschaft ein Feixen unterdrücken musste.

Doch dieses Feixen wurde zum breiten Grinsen, als das Elfenkind, welches zuvor noch so erheiterte Laute von sich gegeben hatte, aus der Menge nach vorn trat und die Dunkelalben nach allen Regeln des Anstands grüßte. Schließlich wandte es sich aber an Tiranu, der gerade erneut zum Sprechen ansetzte. Sie winkte ihn frech zu sich herunter. Der fragende Blick des Fürsten streifte erst seine Schwester, die erst gar nicht daran dachte, ihn aus dieser Situation zu befreien, dann die Mutter, welche ihr Kind schon wieder einsammeln wollte. Schließlich rief das Kind ihren Herren an: „Wo sind denn die ganzen Kobolde? Meine Schwester hat mir versprochen, hier gäbe es unzählige Kobolde!“

Die Gattin irgendeines Barons nahm ihren kleinen Knaben auf den Arm, während das Kind mit den verkniffensten Augen, die man sich vorstellen konnte, nach einer Antwort verlangte. Tiranu hob eine Braue: „Nun, mein Hofmeister hielt es für eine gute Idee, ihnen heute frei zu geben …“

„Ist das wirklich der Herr Jornowell? Der Weltenwanderer, er ist hier!“ Die Augen des Jungen begannen zu strahlen. Er sah sich aufgeregt um, doch konnte er nirgends die Gestalt des märchenschreibenden Elfen ausmachen.

„Ich kann ihn dir vorstellen, wenn du möchtest“, erwiderte Tiranu verschwörerisch, ohne eine Miene zu verziehen. „Aber nur, wenn du versprichst, ihm alle Fragen zu stellen, die dir heute Abend einfallen könnten.“

Die Mutter des Elfenkinds schaute verwirrt drein, als sie dem Raunen des Fürsten lauschte. Doch beeilte sie sich, an ihres Kindes Stelle gehörig zu nicken und begab sich zurück in den Schutz der Menge.

Die Zwerge lachten und Morwenna biss sich auf die Lippen, als Tiranu sich räusperte. Schließlich fand er seinen Weg aus der außerplanmäßigen Situation heraus und lud die Gäste an seine Tafel.

Schon sollte die nächste Überraschung an diesem Abend folgen, als nach der Vorspeise der Hauptgang serviert wurde. Es befanden sich keine Ente, kein Hirsch und kein Fisch auf dem Porzellan, sondern Wurzelgemüse, eingelegter Käse, ein warmer Graupensalat, Kürbisragout und einige vielfältige Pilzsorten. Von allem ein wenig und für sich angerichtet und doch wollte es wunderbar miteinander harmonieren. Die Würzung der Speisen war außergewöhnlich und zugleich köstlich. Die Gespräche während des Banketts wollten nicht verstummen.

Nach der letzten Flasche Wein, die bei Tisch geöffnet wurde, luden die Fürsten in die Kaminhallen. Die vielzähligen Teppiche waren beiseite geräumt, die Polstermöbel geselliger angeordnet und jeder einzelne Kamin befeuert worden. Ihr Licht strahlte in die Seitengänge, wo etliche Bücherregale mit ihrem Wissen protzten. Die Flügeltüren zur verschneiten Terrasse waren ebenso geöffnet wie alle anderen Türen innerhalb des Turms. Von außen drängte Fackelschein herein, der Weg zu den Gärten war mit mattem Schein erhellt, wie auch die verschneiten Kronen einiger bunt ausgestrahlter Bäume.

Die Atmosphäre lud zu privateren Gesprächen zwischen den einzelnen Adelsfamilien, welche sich oftmals jahrelang nicht gesehen hatten. Schon wurden auch Diskussionen zu möglichen Kandidaten der zu besetzenden Positionen angestimmt, während weiter Weinflaschen geleert wurden und sich die Dienerschaft langsam zurückzog.

Feine, fremdartige Töne wehten durch die Hallen, leise, um kein Gespräch zu stören. Die Zwerge spielten mit Bravur ihre Instrumente und hatten sich schnell auf ihr Publikum eingestimmt.

Noch war der Abend nicht vorbei, doch das ein oder andere Mal traf der Blick Tiranus auf den seiner Schwester und in seinen Zügen lag Anerkennung. Der Auftakt der Unterredungen hatte begonnen und er würde so schnell nicht vergessen sein.

***


„Wie läuft es?“

„Junge!“ Thorwald sprang auf und ließ fast seine Flöte fallen, die er hatte reinigen wollen. „Da bist du ja endlich! Ist es denn Brauch unter den Elfen, dass man seine eigenen Feste verpasst?“

Jornowell lächelte: „Ein Brauch wohl kaum, doch habe ich mich unter großen Gesellschaften von Höflingen und Würdenträgern nie besonders wohl gefühlt.“ Die Wahrheit waren seine Worte auf jeden Fall, doch ein anderer Aspekt trug viel Wesentlicher zu seiner Abwesenheit bei. Unter keinen Umständen wollte er die Gerüchte um sich und Morwenna weiter schüren und er fürchtete, dass der eine oder andere verräterische Blick alles nur noch schlimmer machen könnte.

So hatte er sich den Abend über zurückgehalten, hinter den Kulissen angepackt, etwa beim Anrichten der Speisen und beim Entzünden der Fackeln und Kamine. Unter der Dienerschaft war die Stimmung ausgelassen, jeder konnte am heutigen Abend stolz auf seine Arbeit sein. Er war so oft gelobt worden, dass ihm das Blut noch immer in den Wangen stand.

Ausnahmsweise hatte er ein feines Wams angelegt und die Haare gekämmt. Die Mägde hatten ihn unablässig davon zu überzeugen versucht, dass er wenigstens nun bei der Gesellschaft auftauchen sollte. Widerwillig hatte er eingelenkt und strebte nicht ohne letzte Anweisungen die Hallen der Kamine an. Er war überrascht, wie viele Gäste schon gegangen waren und befürchtete, einen Fehler in der Planung gemacht zu haben. Doch dann stellte er fest, dass es schon weit nach Mitternacht sein musste und die nächste Zusammenkunft schon morgen Vormittag angedacht war.

Der Zwerg musterte ihn: „Schick! Du bist ja fast nicht wieder zu erkennen … Was nichts Schlechtes ist, wenn du nicht unbedingt als Pferdedieb durchgehen willst.“ Er lachte herzlich und auch die anderen Zwerge schenkten ihm nun ihre Aufmerksamkeit. Vor einigen Minuten hatten sie ihr Musizieren beendet und gönnten sich nun einen Kelch des besten Weins aus dem Haushalt der Familie.

Thorwald prostete ihm zu: „Schade, dass Morwenna nicht trinkt, ich hätte gern mit ihr angestoßen.“ Er grinste. „Vielleicht überlasse ich das aber besser dir?“

Jornowell öffnete seinen Mund zum Protest, wurde aber von Thorwald unterbrochen: „Mach nicht so ein Gesicht! Nach deiner Leistung heute Abend wird sie dir die Füße küssen wollen. Was soll’s, wenn euch jemand sieht? Die meisten Gäste sind schon gegangen, die Gerüchte in aller Munde und ihr Bruder hasst dich ohnehin schon. Also geh zu ihr!“

Der Weltenwanderer und momentane Hofmeister des Rosenturms schloss die Augen. Thorwald verstand es, einem Mut zu machen …

„Wenn du dann endlich still bist …“

****


Morwenna fing kurz seinen Blick ein, als er sich ihr näherte. Die Fürstin war mit ihrem Bruder und einem weiteren Edlen in ein Gespräch vertieft. Zuvor hatte der Hofmeister etliche Zeichnungen der Adelsfamilien studiert, um jede Person beim Namen nennen zu können. So erkannte er das Gesicht des Barons aus Vascar, der Baronie, welche für einige Wochen die Hilfe der Fürstin in Anspruch genommen hatte. Der Würdenträger schien vertraut mit seiner Fürstin – und eingeschüchtert von seinem Fürsten. An seinem Arm stand eine jüngere Elfe mit hübschen Gesicht und hellblondem Haar. Ihre hohe Stirn verriet auf eigentümliche Weise Raffinesse. Immer wieder zog sie diese kraus, als wollte sie einen Teil des Gesprächs missbilligen, doch war sie zurückhaltend genug, um sich nicht mit entsprechenden Anmerkungen unbeliebt zu machen. Diese nachwirkende Erscheinung sollte er im Auge behalten, dachte sich Jornowell und nickte Morwenna bei einem weiteren Blicktausch kurz zu.

Die Heilerin entschuldigte sich bei ihrem Bruder, als sie dem Gespräch den Rücken kehrte und gemessenen Schritts zu Jornowell herüber ging. „Bisher hielt ich Subtilität nicht für eine Stärke von dir, Weltenwanderer.“

„Und nun hast du deine Meinung geändert?“

Morwenna lächelte kurz und strich sich die gelockten Haare hinter die Ohren:„Wohl kaum.“

Die Haltung der Fürstin verriet ungewohnterweise einen Hauch von Unruhe. Ihre schlanken Finger fuhren über die kastanienroten Stoffwellen ihres Rocks und verschränkten sich schließlich lose vor ihrem Schoß. Jornowell konnte nicht widerstehen, sie genauer zu mustern. Sein Blick folgte einem eng anliegenden Mieder, welches ihre Taille betonte. Einige Bronzestickereien zogen sich über deren festen Stoff und funkelten im Schein des Kaminfeuers. Die Ärmel des Kleides wirkten wie überlange Handschuhe, welche ihre Handrücken mit feiner Spitze zierten und ihre blassen Schultern fast bar ließen. Das nackte Dekolleté über dem Mieder war nicht durch Schmuck und Prunk verdeckt, sondern zeigte die scheinende Blässe der Edlen. Dass die intensive Farbe von jungen Kastanien des Gewands einen solch angenehmen Kontrast zu ihrer Haut darstellte, lenkte gewiss viele Blicke auf ihre Erscheinung. Insgesamt wirkte die Robe für die kalte Jahreszeit freizügig, aber überraschend unkompliziert. Seine Idee, die Farben der Kleidung von Dienerschaft und Gastgebern ähnlich zu gestalten, hatte zunächst für wenig Gegenliebe bei den Geschwistern gesorgt, doch die einheitliche Präsentation eines starken Haushalts schien sie schließlich überzeugt zu haben.

Als Jornowell aus seiner Starre erwachte, wurde ihm bewusst, dass Morwenna ihn etwas gefragt haben musste. Ihr Blick suchte seinen, als wolle sie seine Antwort aus den Augen lesen. Doch Jornowell hätte beim besten Willen nicht sagen können, welche Antwort sie erwartete.

„Hörst du mir nicht zu?“ Sie hob eine fein geschwungene Braue und Jornowell blieb nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln, was ihm ein pikiertes Kopfschütteln einbrachte. Er glaubte fast, dass sie möglichweise doch ein, zwei Gläser Wein gehabt haben könnte, entgegen Thorwalds Behauptung. Jedenfalls schien sie den Zwischenfall ihres letzten Zusammentreffens nicht zu rühren. Dies, oder sie war eine bessere Schauspielerin, als er vermutete. „Ich habe dich gefragt, von wem du die Kleidung geliehen hast … Sie scheint mir etwas zu groß geraten an dir.“

Irritiert sah Jornowell an sich herunter und stellte fest, dass ihr Augenmaß durchaus stimmte. Sein eigenes Auftreten hatte er bei all den anderen Planungen hinten an gestellt. Und leider musste er eingestehen, das edle Wams in der Farbe alten Kupfers tatsächlich geliehen zu haben: „Cirinth“, nuschelte er, „ich wusste, er würde heute Abend das Weite suchen …“

„Du hast es ihm gestohlen?“

„So ausgedrückt …“ Er unterbrach sich, als er ihren missbilligenden Blick auffing, der eine leichte Erheiterung in sich trug. „Ich bringe es morgen zurück.“

„Ich werde dir den Schneider meines Bruders schicken“, befand die Fürstin nüchtern mit einer weiteren kritischen Musterung. „Niemand soll mich für eine geizige Herrin halten.“

Jornowell sah zu Tiranu herüber – und wurde sich bewusst, dass dessen Augenmerk mehr auf ihnen beiden als bei seinen eigentlichen Gesprächspartnern lag. Den Blick nicht abwendend, antwortete er: „Bist du dir sicher, dass dieses … stoische Thema zu mir passt?“

Auch Morwenna schaute in die Richtung des Fürsten: „Du solltest ihn nicht provozieren. Das wäre ein Fehler, den du nur einmal begehst.“

„Wie kommt es eigentlich, dass er noch kein Wort mit mir gewechselt hat? Nicht, dass ich so etwas wie ein ‚Dankeschön‘ erwarten würde, aber lediglich mit diesem todbringenden Starren … durchbohrt zu werden…Ist er missgestimmt?“

„Du hättest es gemerkt, wenn es so wäre“, Morwenna legte den Kopf schief. „Ich weiß, dass er nicht eben dankbar ist. Aber … du ahnst nicht, wie gut dein Konzept auf die Stimmung in den Adelsfamilien geschlagen ist. Viele von ihnen reden heute das erste Mal seit Jahrhunderten wieder miteinander … oder mit uns. Auch er erkennt das an. Wenn du dieses Niveau halten kannst, dann brauchst du nichts zu befürchten.“

„Das klingt wie eine Drohung.“

„Sieh es als Motivation“, raunte sie und lächelte. „Gute Nacht, Hofmeister.“

Sprachlos sah Jornowell der Fürstin hinterher, wie sie sich mit einigen Worten von ihrem Bruder und dem Baron verabschiedete. Ihm entging nicht, wie sehr sich ihr Verhalten in der Nähe ihres Bruders änderte. Er ließ sie ein wenig aufrechter stehen, ein wenig mehr Sicherheit zukommen. So waren ihre Lippen weniger verkniffen, ihre Stirn entspannter. Eine winzige Geste, die Berührung seiner Finger an ihren, verriet ihre Bindung. Er musste eingestehen, dass ihm ein solches Verhalten von seiner eigenen Schwester fremd war. Dies mochte sicherlich daran liegen, dass diese wesentlich älter, und sie mehr wie seine Gouvernante als seine Vertraute an ihm gewirkt hatte. Allerdings auch daran, wie sie zu einem Thema mindestens fünf verschiedene Meinungen haben konnten. Bei Tiranu und seiner Schwester schien das anders. Sie waren seit Kindesbeinen an gewohnt, stets zusammenzuhalten, mutmaßte der Weltenwanderer. Wer sie nicht beide überzeugte, überzeugte niemanden von ihnen.

Schließlich folgte sein Blick den schwingenden Röcken der Fürstin, welche die Hallen verließ. Auf der anderen Seite des Saals schüttelte Thorwald fragen den Kopf und legte dann die Hand über sein Gesicht. Jornowell verdrehte die Augen …

***


Tatsächlich nahm der Klang des Erfolgs in den nächsten Tagen nicht ab. Die Verhandlungsgespräche fanden jeden Vormittag zu selben Stunde statt und verliefen meist bis spät in die Nacht hinein. Während der Zusammenkünfte wurden Problematiken und Anregungen innerhalb der Landespolitik besprochen. Immer wieder versuchte Jornowell, einen unverblümten Überblick der Lage zu gewinnen. Seine Notizen sprengten den Rahmen jedes einzelnen Reiseberichts, den er je verfasst hatte. Das Ergebnis war erschütternd. Natürlich wusste kein Graf von möglichen Steuerrücklagen, die er verschwiegen haben könnte und zusätzlich fehlte das Gold an jedem Ende.

Alles in allem kam die Zusammenkunft einer Debatte gleich, welche Grafschaft wohl am übelsten dastand. Stets wurde versucht, die Fürsten zu überzeugen, dass die eigene Provinz ihre Hilfe am dringendsten benötigte. Dabei wurde schon bald keine Rücksicht auf andere mehr genommen und die Stimmung des großen Banketts war vergessen. Jornowell hegte den Verdacht, dass der ein oder andere Disput nur durch die Präsenz der Wächter aus Tiranus Einheit vor handgreiflichem Ausgang bewahrt wurde.

Die Abende des Hofmeisters wurden von persönlichen Gesprächen mit einigen potentiellen Anwärtern für die zu besetztenden Burgen Langollions gestaltet. Dazu wählte er sich zuerst die junge Elfe aus, die sich als Tochter des Barons aus Vascar herausstellte. Larielle war die Mutter dreier Söhne, von denen zwei im Tjuredkrieg umkamen. Sie schien wenig begeistert ob des unverhofften Vorschlags, doch Jornowells Instinkt sollte ihn nicht trügen. Ihre Ansichten und die gewählte Gesprächsführung hinterließen einen Eindruck von Standhaftigkeit und Ausdauer. Er war sich sicher, dass sie durch einige wohl platzierte Argumente doch für eine entsprechende Position zu überzeugen wäre.

Auch die Fürstengeschwister beteiligten sich auf der Suche nach würdigen Nachfolgern. Während Morwenna ihm einige Namen zukommen ließ, schwieg Tiranu zu seinen Favoriten, sollte er denn solche gefunden haben. Unter den Vorschlägen Morwennas war auch eine angeheiratete Verwandte aus einem unbedeutendem Hause, welche schon lange verwitwet war. Als Tochter eines bekannten Tuchhändlers, dessen Erfolg einst eine große Familie genährt hatte, war sie bekannt für ihre Schlagfertigkeit. Sie hatte nach ihrem Verlust die Geschäfte zu noch größerem Ertrag geführt und könnte nun die Führung eines kleineren Handelskontors übernehmen. Auch ein ehemaliger Schnitter, ein Krieger aus Tiranus Reihen, war unter ihren Vorschlägen. Er sollte sich durch große Ergebenheit und Effektivität auszeichnen. Jornowell beschloss, mit diesem Elfen noch ein Gespräch zu führen.

In einer abendlichen Besprechung wollten die Geschwister festlegen, ob es geschickt wäre, am Ende der Unterredungen bereits Titel und Ländereien zu vergeben, oder ob sie noch warten sollten. Jornowell riet ihnen zu einer schnellen Entscheidung, die im Rahmen der Aufmerksamkeit und Billigung allen Adels stattfand. Sie folgten seinem Rat.

In den Nächten plante Jornowell den jeweils folgenden Tag und fand meist nur in den frühen Morgenstunden einige Momente der Ruhe. Am dritten Abend nach dem Bankett verabschiedete er die Gesandtschaft der Zwerge und versprach einen baldigen Besuch ihres Reiches. Von diesem Zeitpunkt an, fühlte er sich innerhalb der Mauern des Rosenturms einsam. Ohne die Sticheleien der Zwerge, die laut ihnen selbstverständlich einzig dem Ansporn dienten, war es merkwürdig still um ihn und Morwenna geworden. Die Elfe gab sich betont nüchtern und zwanglos, als wären seine Vorwürfe nie ausgesprochen worden. Ohne die ständige Einmischung von Thorwald zweifelte Jornowell langsam daran, dass er der Fürstin jemals wirklich nahe gewesen war.

So stürzte er sich in noch mehr Arbeit und bewältigte Schritt für Schritt die Planung eines würdigen Abschlusses der Verhandlungstage. Um die angespannte Stimmung aus der fürstlichen Residenz und damit aus dem Ballungsraum aller Dispute zu tragen, wählte er ein kleines Landschloss in der Ebene vor dem berüchtigten Labyrinth der Rosen für das Fest des Abschieds. Die Erste Riege an Dienerschaft wurde bereits mit Anweisungen und Aufgaben für die Vorbereitungen ausgestattet in das Anwesen gesandt, um Jornowell zu unterstützen. Im Gegensatz zum Auftakt der Verhandlungen würde dieses Fest mit dem Glanz der berüchtigten Bälle der Edlen Albenmarks aufwarten. Es wurden weitere hochoffizielle Einladungen an Verwandte, sollten sie auch noch so entfernt oder durch offensichtliche ‚Fehler‘ in der Ahnentafel zweifelhaft sein, Großhändler, Gildenführer und Berater gesandt. Noch war die Krise nicht gebannt, und dieses Fest sollte eine letzte größere Chance auf den Fund fähiger Persönlichkeiten sein.

Der Hofmeister begann seinerseits mit der Schrift an die Königin, um die neuen Würdenträger vorzustellen und den Segen der Krone für diese Übertragung an Verantwortung einzuholen. Wenn die Hungersnot damit zwar noch nicht bekämpft und die wirtschaftliche Entwicklung weiterhin lachhaft war, so war eine Reihe an vertrauenswürdigen Namen doch ein großer Schritt für den Aufbau einer intakten Struktur innerhalb des Fürstentums.

Als er am nächsten Morgen, zwei Tage vor dem Abschiedsfest, mit dem Schrieb am der Tür des fürstlichen Studierzimmers stand, sammelte er seine Gedanken und straffte die Schultern. Es wäre das erste persönliche Gespräch mit seinem Fürst, seit er offiziell in seinen Diensten stand. Ein Fehler kam nicht infrage, ein Zögern ebenso wenig. Er klopfte an und wurde auf der Stelle hereingebeten.

Die kühle Sonne kletterte am Horizont die erste Etappe über die verschneite Ebene hinauf und läutete damit den frühen Tag ein. Tiranu saß aber bereits wie eingemeißelt an dem wuchtigen Sekretär und ließ eine lange Schreibfeder über raue Pergamentbögen tanzen. Ein Moment genügte, in dem nichts geschah, und Jornowell wusste, dass diese Besprechung zu einem zermürbenden Spiel der Geduld werden würde. Der Fürst schaute weder auf, noch ließ er sich die fremde Anwesenheit sonst irgendwie anmerken. So verzichtete Jornowell auch darauf, sich zu räuspern, oder höflich abzuwarten. Er richtete den Stuhl vor dem Pult zurecht und ließ sich stumm darauf nieder, während er den stattlichen Bericht deutlich zu vernehmend auf die Tischplatte ‚legte‘.

„Die Liste mit den Namen der Auserwählten“, stellte er fest. Tiranu schrieb weiter. „Für die Königin.“

Der Schreibfluss des Fürsten wurde weder langsamer, noch schneller. Die Ablenkung war nicht bemerkbar, aber immerhin auch keine Ablehnung. Kein Blick fiel auf das Schriftstück und so sah Jornowell sich gezwungen, abzuwarten. Es war seiner Neugier geschuldet, dass er eine Winzigkeit mehr seinen Hals reckte, um auf Tiranus Pergamentbogen zu schielen. Da sah der Fürst seinerseits auf …

„Dein Name steht nicht bei ihnen…“, bemerkte er tonlos.

Jornowell war verwundert und zog die Brauen zusammen: „Wenn mir an einem Titel oder einer Burg gelegen wäre, würde ich es geschickter anstellen, als dir ein Dekret diesbezüglich unterzujubeln.“

„Dein Geschick zweifelt niemand an“, sprach Tiranu ungerührt, während seine Feder weiter über das Pergament kratzte. „Es liegt durchaus eine gewisse Raffinesse darin, einen kleinen Anspruch auszuschlagen, um ein größeres Vertrauen zu gewinnen.“

Der Weltenwanderer biss die Lippen zusammen. Fassungslos suchte er nach einer Erklärung für die haltlose Argumentation des ehemaligen Heerführers. Dachte der Fürst daran, dass er eine Baronie ausschlug, um damit näher an die Fürstin zu gelangen?

„Das Streben nach Titel und Macht sind mir fremd“, stellte er klar und ließ den Blick erneut über den Schrieb des Fürsten gleiten. Sein Ärger hielt sich in Grenzen, wenn er ehrlich war. Mit einer solchen Reaktion hatte er durchaus rechnen können, auch wenn er über die emotionslos ausgesprochene Anschuldigung überrascht war. So herausfordernd diese auch war, so wenig angriffslustig war sie ausgedrückt.

„Dennoch bist du ohne jegliche Referenz innerhalb eines halben Tages zum Hofmeister meines Palastes geworden.“ Tiranu machte eine Pause. „Man könnte das durchaus strebsam nennen…“

‚Er traut mir nicht, und noch mehr misstraut er den Gefühlen und Urteilen seiner Schwester mir gegenüber. Allerdings weiß er, dass er momentan keine Wahl hat, als meine Arbeit zu schätzen, obwohl er alles versucht, um mich mit Unterstellungen zu diskreditieren. Er wird es hassen, sein Misstrauen unbegründet zu wissen. Und er wird es mich wissen lassen.‘

Welche Diskussionen mussten die Geschwister über ihn geführt haben? Nie hatte er etwas von solchen mitbekommen, kein Wunder bei seinem Arbeitspensum, und dennoch bekam er nun einen ungefähren Eindruck davon. Er ahnte, der Unmut, den er hier von Tiranu zu spüren bekam, war die abgeschwächte Version unzähliger Anschuldigungen und Misstrauensvorhaltungen, geschickt platziert und unmissverständlich. Morwenna hatte sie wohl unverblümt über sich ergehen lassen müssen …

Lange Zeit sagte keiner der beiden unterschiedlichen Elfen etwas. Jornowell nutzte die Zeit, um Tiranu zu mustern. Er war ein durchaus ansehnlicher Vertreter seines Volks. In seinem Gesicht erkannte der Weltenwanderer mehr Ähnlichkeit zu Morwenna, als er bei ihr je zu ihrem Bruder gesehen hatte. Vor allem die ausdrucksstarke Partie um die leicht schräg gestellten Augen unter markant geschwungenen, schwarzen Brauen, teilten sich die Geschwister auf zwei verschiedenen Gesichtern. Tiranus Züge waren allerdings schärfer geschnitten, etwas dunkler gemalt und von steter Ausgewogenheit gezeichnet. Morwenna hatte wohl die feinen Gesichtslinien ihrer berüchtigten Mutter geerbt, die ebenso wenig wie die ihres Bruders von einer klassischen Schönheit, aber großem Reiz und prägnanter Erscheinung erzählten.

Wie die Selbstsicherheit seines Blicks, zeugte die V-Form seines Oberkörpers von der aufrechten Haltung eines bewussten Auftretens und einer gewissen lässigen Standhaftigkeit. Wenn er jemanden ansah, spannte er stets die Schultern, was durchaus ein Wappnens gegen Vorwürfe, Anschuldigung oder Missbilligung sein konnte, aber auch die Reflexe eines Kriegers.

Gerade sah er aber mindestens genauso müde aus, wie Jornowell sich fühlte. Der Hofmeister wusste, dass seine Reise nach Ishemon von wenig Erfolg gekrönt gewesen war. Bei seiner Rückkehr hatte er unmittelbar die Spannungen innerhalb Adels zu spüren bekommen, denn oftmals war es allein an Tiranu, sich deren Vorwürfen zu stellen. Ungern gab er die Verantwortung ab, auch nicht an seine Schwester. Wenn er sich weiterhin so stur gab, würde Jornowells Arbeit dadurch Schaden nehmen. Niemand könnte auf Dauer dem Druck dieser Aufgaben standhalten. So waren schon die ersten Vorboten einer Schwächung seines Zustands zu erkennen. Das schulterlange Haar, welches im Vergleich zu Morwennas nicht von Wellen durchzogen wurde, war matt und ein wenig in Unordnung. Passend dazu trug er sein dunkelledernes Wams, versehen mit langen Ärmeln und schwarzen Zierstichen, offen, sodass sich sein weißes Hemd darunter zeigte. Er machte kein Aufsehen um Schmuck oder Standesbekundungen. Einzig ein dunkelgoldener Siegelring mit rundlicher Rautenform und schwarzem Emblem verriet einem Wissenden seinen Titel. Für Jornowell war es schwer, das Siegel genau zu betrachten, da es beim Führen der Feder mitgeschwungen wurde – aber endlich erkannte er, was das für ein Schreiben war, an dem Tiranu saß.

„Wenn du schon so stur bist und das Schreiben an Emerelle selbst verfassen möchtest, dann solltest du wenigstens ausgeruht genug sein, um sie nicht versehentlich als ‚Despotin‘ zu bezeichnen …“

Endlich hielt Tiranu inne, starrte auf das letzte geschriebene Wort, suchte ein Stückchen weiter und kritzelte dann mit fleckender, kratzender Federspitze über den verhängnisvollen Fehler. Sein folgender dunkler Blick verriet jede Morddrohung, zu der er fähig war, sollte diese Aufdeckung je den Raum verlassen. Jornowell musste ein Feixen unterdrücken. Jeder wusste, was die Kinder Alathaias von Emerelles Herrschaft hielten, doch eine solche Entgleisung der Gedanken auf Papier, kam allein der Übermüdung des Fürsten zu Schulden. Nun galt seine Aufmerksamkeit wenigstens ihm.

So erhob sich Jornowell siegessicher und ließ seinen Bericht auf die Pergamentbögen vor dem Fürsten sinken: „Deine Unterschrift genügt.“
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Chrisantiss
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Chrisantiss » Mo 12. Okt 2015, 22:46

Ja, das Kapitel hat mir gut gefallen.

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Sa 24. Okt 2015, 18:10

@Chrisantiss: Vielen Dank, das freut mich natürlich! Da bleibt mir nur zu sagen:

Willkommen zum nächsten Kapitel!

Es hat etwas länger gedauert dieses Mal, aber dafür ist das Kapitel auch entsprechend … auslandend. Ich hatte überlegt, es in zwei Teile zu splitten, aber es hätte sich keine Stelle gefunden, die es verschmerzen ließe.

Also hoffe ich, ihr seid vernarrt in lange Kapitel und genießt den nächsten Teil:





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Ein Fest der Irrwege

Der Dampf strich in weißen Kaskaden den Fliesenboden entlang, waberte höher und hing in dichten Wolken unter der schroffen Decke. Ein stetes Tropfen perlte vom Fels, in dessen Herz die Badehäuser gehauen waren. Es war stickig, die Essenzen unzähliger kostbarer Öle hingen schwer in der Luft und legten sich über den bearbeiteten Stein. Als gegensätzliches Element zum beinahe naturbelassenen Höhlenfels, erstreckte sich ein kunstvoll verarbeitetes Mosaik von unzähligen Blütenformen über den klammen Boden zwischen Badebecken und Liegestätten.

Morwenna genoss den aufsteigenden Duft der vielen Jasminblüten, die in ihrem Becken trieben. Das Wasser war heiß, fast schon zu heiß, aber genauso liebte sie es. Die Hitze hatte etwas Reinigendes, was sich vollkommen von der Wirkung des Wassers unterschied. Sie legte den Kopf an den Rand des Beckens und glitt bis zum Scheitel in das glühende Nass ein. Wenn es nach ihr ging, sollte jeder Tag auf diese Weise beginnen. Leider ließen ihre Pflichten ein ausgiebiges Bad nur selten zu, und spätestens seit ihren ausgedehnten Reisen in die Anderswelt während der Tjuredkriege wusste sie solche Momente wahrhaft zu schätzen.

Wieder auftauchend strich sie sich die wirren Strähnen, welche sich aus dem Knoten ihres Haars gelöst hatten, zurück und horchte in die Stille.

Die Badehallen lagen tief in der Erde unter dem Rosenturm, sodass von den kunstvoll arrangierten Marmorplatten eine eisige Kühle ausging. Einige sporadisch angebrachte, tief hängende Barinsteine kämpften fast vergebens gegen die Dunkelheit. Viele kleinere und ein großes, tieferes Becken waren über eine riesige Fläche verteilt. Sie waren durch niedrige, bespannte Stellwände getrennt und von kleinen mit Phiolen und Tiegeln bestickten Beistelltischchen aus Dunkelholz umgeben. Das Quellwasser, welches diese Becken speiste, sprudelte schon seit Jahrhunderten.

Morwenna wusste, dass diese Momente der Entspannung gestohlen waren. Ihre Anwesenheit wurde dringend in den Heilhäusern der Stadt erwartet. Sie hatte ihr Versprechen, zu erscheinen, schon lange genug herausgezögert. Am Abend des übernächsten Tages würde zu allem Überfluss das abschließende Fest der Verhandlungen stattfinden. Die Fürstin konnte sich wahrlich vorstellen, dass dies kein Fest der ausgelassenen Heiterkeit werden würde, egal wie sehr ihr neuer Hofmeister sich bemühte. Die Stimmung war gelinde ausgedrückt angespannt. Es war nicht anders zu erwarten gewesen, als dass sie keine endgültige Lösung für alle Probleme gefunden werden konnte. Dennoch fühlten sich viele der Würdeträger nicht ausreichend angemessen behandelt. Schon allein die Auswahl der zukünftigen Standesherren sorgte für Unmut. Angesichts der niederen Herkunft einiger Erwählten, entstanden Zwietracht und Missgunst unter dem Adel. Dabei geriet immer wieder die wahre Krise der anhaltenden Hungersnot in den Hintergrund. Das Handelsabkommen mit den Zwergen war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, dem noch ein wahrer Sturzbach folgen musste, um wirkliche Auswirkungen zu erzielen. In wenigen Tagen allerdings würde Cirinth bereits mit seiner Arbeit an den niederen Adelshöfen beginnen, um unter einem verführerischen Schutzmantel – der Anspruchsprüfung auf finanzielle Hilfeleistung durch das Fürstenhaus – die Korruption der Grafen aufzudecken. Der ehemalige Hofmeister hatte bereits eine kleine Riege an Verständigen zusammengestellt, um die Arbeit schneller und effizienter abzuwickeln. Seine Begeisterung ließ sich aber nach wie vor missen. Wenn er Erfolg haben würde …

Weit neben ihr erklang ein unterdrücktes Kichern, gefolgt von dem Schlagen einiger Wasserwellen innerhalb eines Badezubers. Jemand war gekommen. Innerhalb ihres Sichtfelds herrschte nur dämmriges Zwielicht, was ihr schwer machte, die Neuankömmlinge zu sehen. Einzig das Raunen von Stimmen zeugte von der Anwesenheit mindestens dreier weiblicher Elfen. Morwenna versuchte, sich wieder zu entspannen. Doch dann verstand sie wenige Bruchteile von dem Getuschel der Elfen.

„… hält ihn nun doch nur an der kurzen Leine…“

„Unverständlich, wie er das aushält!“ Ein Schnauben. „…so ein verklemmtes Biest!“

„Lange wird er ihr nicht hinterher … und wenn er Trost finden möchte …“ Wieder erklang ein einstimmiges Kichern. „Ich weiß ohnehin nicht, was er an ihr findet … kalt wie ein toter Fisch!“

„… Passen überhaupt nicht zueinander …“

Morwenna kniff die Brauen zusammen. Ihr wurde unwohlig bewusst, wie stark sie sich auf dieses Gespräch konzentrierte. Es sollte sie nicht kümmern. Wahrscheinlich war es nur unbedeutender Tratsch über eine Adlige, welche hier über die Verhandlungen hinweg weilte … Andererseits …

Hinter ihr raschelte ein leichter Stoff. Morwenna war fast erleichtert, als sie Abelle erblickte. Die Vertraute war gekommen, um ihr aus dem Becken zu helfen. Ihre Miene verriet sehr wohl, dass auch sie die Stimmen hörte. Das Geschnatter erklang plötzlich ungewöhnlich laut. Eilig erhob sich die Fürstin und ließ sich von Abelle in ein Tuch wickeln, welches ihre Haut trocknete. Ihr Haar wurde von der langen Nadel befreit, welche es hochgehalten hatte. Während die Vertraute sie in ihre Robe kleidete, schwieg sie beharrlich. Es war in letzter Zeit zu oft vorgekommen, dass Abelle mit ihren Andeutungen einen gewissen Elfen betreffend zu weit gegangen war. Und seitdem Morwenna herausgefunden hatte, dass Abelle und Jornowell gemeinsam in die Hauptstadt geritten waren und wie sehr die Magd wirklich von Jornowell angetan schien, war es ihr fast unerträglich, überhaupt in ihrer Nähe zu sein. Zuerst war Morwenna ungewohnt erpicht darauf gewesen, – sie würde sich nie eingestehen, neugierig gewesen zu sein –, zu erfahren, was während des Ausflugs geschehen war … und ob der Weltenwanderer irgendetwas über sie gesagt hatte. Abelles Antworten waren ehrlich gewesen, ehrlich ebenso wie enttäuschend.

Morwenna knöpfte ihre Robe zu – ein schwerer, dunkelblauer Mantel mit weiten Ärmeln, dessen schräger Schnitt den Blick auf ein helleres Unterkleid aus Samt bot – und versuchte, sich innerlich auf den kommenden Tag zu konzentrieren. Ihre Arbeit in den Heilhäusern würde ihr helfen, eine klare Sicht auf die unzähmbaren Empfindungen zu bekommen. Sie kannte Abelle, seit diese eine junge Elfe in ihrem Dienste gewesen war, nie hätte sie es für möglich gehalten, etwas wie Missgunst für ihr unscheinbares Wesen zu entwickeln…

Diese Gedanken begleiteten sie auf dem Weg hinaus aus dem Badehaus – der argwöhnisch-spöttische Blick der badenden Elfendamen begleitete sie – zum großen Hof vor den Toren des Turms.

Am frühen Morgen hatte es angefangen, zu schneien. Der Schnee auf den hellen Steinplatten im Freien war zerfurcht von Pferdehufen, Kutschrädern und den emsigen Schritten der Stallburschen. Das Treiben war ruhiger als sonst, als würde die Kälte ihren ganz eigenen Rhythmus von den Arbeitenden fordern.

Die Kutsche, welche sie in die Heilhäuser nahe der Hauptstadt bringen würde, wartete am Fuße der Stufen auf ihre Ankunft. Der Kutscher beeilte sich, ihr die Tür ins Innere zu öffnen, als er ihre Gestalt erblickte. Morwenna erkannte ihn kaum gegen das dichte Treiben der Schneeflocken, welche sich kalt und feucht in Haar und Wimpern sammelten. Der Tag begann unselig trüb.

Ebenso trüb, wie sich die Mimik der Fürstin verfärbte, als sie eine Gestalt nahe den Stallungen ausmachen konnte, die ihr allzu vertraut war. Abelle verspannte sich neben ihr.

‚Dieser Morgen ist verflucht …‘

Unter dem schützenden Vordach der Stallungen nahm Jornowell sein gesatteltes Pferd entgegen und steckte ihm in einer liebevollen Geste einige Blutrote Hagebutten zu. Der Schimmel schien aufgeregt, seinen Herrn wiederzusehen. Es rieb spielerisch seine Nüstern an dessen Seite, als wolle er gierig nach mehr Leckereien verlangen. Jornowell lächelte und sprach einige Worte, als er sich rücklinks unter den Hals des Tiers stellte, um den Sitz des ledernen Halfters zu korrigieren. Während er sich unter den Spielereien des Schimmels wand, fand sein Blick durch das Fallen des Schnees hindurch den ihren. Er schien nicht überrascht, sie zu sehen. Im Gegenteil fiel es ihr schwer, überhaupt etwas in seinem Gesicht zu lesen. Morwenna war, als höre sie die Worte der Hofdamen erneut in ihren Ohren klingen. Jedes von ihnen riss wie ein eisiger Dorn an ihrem Innern.

Es war ihr schwer gefallen, die Tage der Verhandlungen an seiner Seite zu gestalten. Meist hatte sie keine tragenden Aufgaben erhalten, wenn es nicht gerade darum ging, mit Anwesenheit zu glänzen. Ihr Bruder hatte gesprochen und Jornowell hatte seine Gespräche in die Wege geleitet. Ihre Gedanken waren so oft auf unleidige Wanderschaft gegangen … nicht nur einmal hatte ihr Bruder sie mit einem mehr oder weniger unsanften Knuff aus der irreführenden Gedankenwelt reißen müssen. Seine Blicke und seine Worte straften sie seit dem Moment, als er aus Ishemon zurückgekehrt war. Seine Geduld mit Jornowell war nicht eben groß, doch die gegebene Situation war für ihn unveränderlich, wenn er sein Gesicht nicht verlieren wollte – seinen Unmut darüber ließ er sie allzu gern spüren. Auch er war es, der sie aufforderte, einen normalen Umgang mit Jornowell zu pflegen. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie – und das vor den anwesenden Adelsfamilien – die schmachtende Jungfer gab, die nicht damit umzugehen wusste, sich von dem falschen Elfen angezogen zu fühlen. Er machte keinen Hehl daraus, dass er den wankelmütigen Weltenwanderer nicht als passende Partie für seine Schwester erachtete.

So ließ sich Morwenna auf distanzierte Gespräche ein, ganz öffentlich, stets unter den Augen vieler, und fühlte sich närrischerweise zurückgestoßen, wenn Jornowell ebenso kühl reagierte, wie sie sich gab.

Morwenna straffte die Gestalt, schüttelte diese Gedanken von sich und stieg die gefrorenen Treppen hinab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie aber, wie Jornowells stummer und nachdenklicher Ausdruck ihr folgte, als sie steifer als gewohnt in die Kutsche stieg. Kurz darauf ließ sich Abelle gegenüber von ihr auf die Pritsche nieder und versuchte, in alle möglichen Richtungen zu schauen, die nicht in ihrer oder Jornowells Nähe lagen.

Als die Hufe ihres Gespanns zu klappern begannen, setzte sich das Gefährt langsam in Bewegung. Es verging ein gutes Stück Weg über matschige Platten, durch das Tor, hinaus auf die gepflasterte Straße, die sie in das Herz der nahen Stadt führen würde. Der melodiöse Takt der klirrenden Hufen klang in ihren Ohren wieder, als sie durch das vereiste Fenster in die Weite blickte, welche sich leblos unter einem weißen Tuch aus Schnee und Eis bis zum Horizont, wo die Küste des großen Waldmeers lag, erstreckte.

Fast beschwörerisch versuchte sie, ihre Gedanken an das reglose Feld anzupassen – und scheiterte, als ein weiterer Ton erklang, welcher sich geschickt in den gleichmäßigen Rhythmus der Pferdehufe einfand und zugleich störend aufdringlich wirkte. Abelle schaute aus dem Fenster, hob die Brauen und schüttelte entgeistert das Haupt. Anschließend beeilte die Magd sich, den Fokus wieder auf ihre Hände zu konzentrieren.

Morwenna wusste, was sie sehen würde, als sie aus dem kleinen Fenster zu ihrer Linken sah. Sie hielt den Kopf nur ein wenig in die Richtung des Reiters gewandt und verschränkte mit verkrampften Muskeln die Finger auf ihrem Schoß. Als sie in Jornowells verschiedenfarbene Augen sah, leuchtete ihr der Schalk entgegen. Obwohl sich der Elf deutlich bemerkbar machte – tief in den Hals seines Schimmels gelehnt lächelte er und klopfte mit behandschuhter Hand gegen die eisige Scheibe – rührte sich die Elfe nicht von der Stelle. Stattdessen versuchte sie, Abelle zu mustern. Doch die Magd gab nicht eben ein reizvolles Bild ab, wie sie sich unter einem schlecht verborgenen Lächeln wand und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Ein dünnes Dolchblatt wurde nach etlichen Klopfzeichen durch den Schlitz der Fensterflügel geschoben. Die Fürstin biss die Zähne zusammen, als der Dolch nach oben und unten ruckelte, um den Haken zu lösen, der die Scheiben zusammenhielt. Als die kühle Winterluft unlieblich ihre Wange streifte, wagte sie einen eindeutigen Blick hinaus ins Freie.

Jornowell hatte den Fensterflügel an Abelles Seite der Kutsche, zum Gespann hin, geöffnet, und lugte ins Innere des Gefährts. Sein unverschämtes Lächeln galt ihr, als er den Dolch siegessicher in seinem Mantel verschwinden ließ. Seelenruhig band er das im Wind flatternde blonde Haar zusammen und fiel dabei ein wenig zurück. Als er sein Pferd erneut antrieb, um mit ihnen Schritt zu halten, bemerkte er im Plauderton: „Ein wundervoller Tag für einen Ausritt in die Stadt!“ Der Schneefall schnitt ihm in die Augen.

Er erhielt keine Antwort.

„Ich glaube, wir haben ein ganzes Stück gemeinsamen Weges vor uns …“, schwatzte er jedoch unbeirrt weiter. „Ich kenne mich nicht sehr gut aus auf den Pfaden Langollions … ist es die zweite oder dritte Kreuzung, die ich einkehren muss, um zu dem Anwesen zu gelangen, welches ich für die Festlichkeiten auserkoren habe?“

Keine Reaktion.

„Wenngleich es viel spannender sein kann, den Weg nicht zu kennen. Wer weiß, welch Wunder mich auf den Irrpfaden Langollions erwarten…?“ Er seufzte theatralisch und Morwenna empfand allmählich Mühe, ruhig zu bleiben. „Hast du schon eine Begleitung für den Ball, meine Herrin?“

Keine Regung.

„Ich auch nicht“, winkte er ab. „Ich muss gestehen, es weilen nicht besonders viele reizvolle Elfen bei Hofe. Langsam frage ich mich, ob man sie nicht vielleicht vor mir verstecken könnte …“

Nicht einmal ein Laut.

„Vielleicht ist das auch besser so“, er zuckte mit den Achseln. „Bei der Menge an Arbeit, die es benötigt, ein ganzes Reich aus dem Sumpf der Verkommenheit zu ziehen, bleibt mir ohnehin nicht viel Zeit für die Muse einer schönen Elfe.“

Morwennas Kiefermuskel zuckte. Es war allzu offensichtlich, dass er sie zu reizen versuchte. Dies in der Anwesenheit Abelles zu tun, kam einem Affront gleich. Nie würde sie ihrer Vertrauten die Genugtuung gönnen, ihre Fassung splittern zu sehen… Doch ihre Geduld war zum Zerreißen gespannt und nur mühsam heilt sie ihre verräterische Wut zurück. Mochte er sich winden, wie er wollte, ihren Stolz bekam er nicht!

„Aber ich muss fürwahr anerkennen: Es kann unglaublich spannend sein, über Silberbesteck, Weinkrüge und Protokolle zu herrschen, ja fast erfüllend … im weitesten Sinne. Wobei es natürlich auch seine Schattenseiten hat. Meine Herren sind recht … sonderbar, wie ich feststellen musste, zu meinem Leidwesen vor allem sehr schweigsam. Heute Morgen beispielsweise befand ich mich in einer Besprechung mit dem Fürsten und durfte mir seine Antworten quasi selbst aussuchen ... Und seine Schwester ist mindestens genauso verquer. Ich weiß sehr genau, wie sehr sich darunter quälen muss, nicht zu wagen, meine Begleitung für den Ball zu erbitten … aber sie traut sich wohl einfach nicht, den Mund aufzumachen. Zugegebenermaßen absolut verständlich bei einem Elfen wie mir. Wobei ich natürlich ohnehin ablehnen…“

Morwenna hob den Arm und klopfte mit flacher Hand gegen die niedrige Decke der Kutsche. Das dumpfe Geräusch war das Zeichen für den Kutscher, das Gefährt stockend zum Halten zu bringen. Abelle starrte sie aus großen Augen an und öffnete den Mund, als wolle sie zum Protest ansetzten, oder sie sogar aufhalten. Doch ihre Haltung war wie eingefroren, als Morwenna die kleine Tür auf der rechten Seite aufriss und in den klammen Matsch zwischen den Rädern sprang. Dem verdutzten Kobold auf dem Bock blieb dabei nicht einmal die Zeit, den Tritt vor der Tür herunterzuklappen – oder sonst mit einer klugen Reaktion aufzuwarten.

Auch Jornowell hatte innegehalten – der Ausdruck noch triumphierend. Sein Pferd tänzelte ein gutes Stück hinter der Kutsche umher, sein nervöser Blick galt ihrer Gestalt. Die Fürstin wusste genau, wie närrisch es war, sich einem Pferd, mochte es auch noch so gut trainiert sein, derart aufbrausend zu nähern. Und tatsächlich hatte Jornowell Schwierigkeiten, es ihm Zaum zu halten, während sie mit zornig glimmenden Augen den Saum ihres Gewands durch den Schneematsch schleifte und sich schließlich bedrohlich vor ihnen aufbaute.

„Was ist für dich nicht daran zu verstehen, dass du Abstand zu mir halten sollst?“

Jornowell konnte sie kaum ansehen, war er doch noch immer damit beschäftigt, sein unruhiges Pferd zu besänftigen. Doch halb erstickt rief er spielerisch entsetzt aus: „Das ist, als würdest du von einer Blume verlangen, nicht der Sonne entgegen zu wachsen …“

„Wohl eher eine lästige Fliege, die nicht genug bekommt vom …“ Sie schüttelte das dunkle Haupt. „Hör auf mit diesem poetischen Nonsens!“ Sie umrundete den Schimmel und fand sich an Jornowells Seite wieder. Es störte sie, so sehr zu ihm aufschauen zu müssen. Überhaupt ließ er den ihr gebührenden Respekt missen – er würde nie ein Höfling werden! – aber dieser Umstand hinderte sie nicht, ihn wütend anzufunkeln und sein dreistes Lächeln zu verfluchen.

„Das ist nun mal mein Wesen …“

„Oh, vielen Dank, nun erinnere ich wieder daran, weshalb ich dich nicht ausstehen kann!“

***


Der Versuch der Fürstin, ihn weiterhin finster anzustarren, wurde dadurch vereitelt, dass er sein eigenes strahlendes Lächeln ihn ihren dunklen Tiefen schimmern sah. Der Anblick irritierte ihn für einen Moment.

Er hatte gewusst, dass es eine ausgemachte Dummheit war, ihr zu folgen. Wie so oft gab er einem willkürlichen Impuls nach und wies jene schwache Stimme der Vernunft, welche ihn auf längere Sicht hin ohnehin nur verstimmte, von sich. Sie mochte ihn verunglimpfen, wie sie mochte, aber ihre Augen verrieten eine Wahrheit, die ihr ganz und gar nicht schmecken würde.

Dabei waren ihre Züge, als sie die Treppen hinab in den Hof gestiegen war, noch so von Strenge und Missmut verzogen gewesen, dass selbst das Wimmeln der Schneeflocken sie nicht verbergen konnte. Er fühlte sich an ihr erstes Treffen vor so vielen Jahren zurückerinnert, als er ihr in der Kabine des Kriegsschiffs, kurz nach der Attacke auf Valloncour, wenig einfühlsam gesagt hatte, dass er den Kummer in ihren Augen fast nicht ertragen konnte.

So oft hatte er sich immer wieder vorgenommen, ihr diesen Kummer zu nehmen. Sein Wunsch, ihr zu helfen, war aufrichtig und bisher hatte er geglaubt, einigermaßen erfolgreich damit zu sein.

Doch im Moment sah er, wie falsch er lag. Ihr unkontrollierbares Spiel aus Distanz und Maskierung wurde für ihn immer fadenscheiniger. Weshalb quälte sie sich? Und noch wichtiger, warum ließ er das zu?

„Bei all der Zwielichtigkeit, die deiner Familie unterstellt wird, bist du fürwahr eine schlechte Lügnerin!“

Es war eine ungemeine Verlockung für ihn, sie bis zum Äußersten zu reizen.

„Wie hast du mich gerade genannt?“

Jornowell konnte dankbar sein – und das auch an ihrer Stelle –, dass man sie hier weder sehen noch hören konnte. Abelle war verschwiegen, meistens jedenfalls, und den Kutschfahrer könnte er mit einigen Worten gewiss zum Schweigen bringen.

„Warum gehst du mir aus dem Weg?“ Jornowell ließ die Zügel ein wenig lockerer in seinen Fingern hängen und bedachte sie kritisch.

„Das tue ich nicht“, empörte sich die zierliche Elfe, die im stärker werdenden Schneefall mehr wie eine Erscheinung als eine reale Person wirkte. Ihr Gewand besaß keine Kapuze und so sammelte sich der weiße Niederschlag in ihrem geknoteten Haar. Sie schlang die Arme um ihren Körper als wäre ihr kalt, was sie aber bestimmt durch einen Zauber zu verhindern wusste…

Er seufzte: „Dass du mir nicht aus dem Weg gehst, hat nichts damit zu tun, dass du dich vor mir verstellst und mich behandelst, als sei ich einfach ein beliebiger Elf in deinem Leben …“ Er bemühte sich, nicht wütend zu klingen, sondern verständnisvoll oder einfühlsam. Doch wie stets, wenn er versuchte, sich zusammenzureißen, scheiterte er kläglich. Vielleicht bildete er sich ihre Reaktion ein, doch ihre Haltung schrumpfte unter seinen Worten, als würde sie vor einem Schlag zusammenzucken. Ihre Wut schien verraucht. Ihre Stimmungen konnten schwanken wie eine junge Birke im böigen Wind.

Der blonde Elf griff nach der Spange seines Mantels und löste den schweren Stoff von seinen Schultern. Er warf ihr das dunkelgrüne Kleidungsstück herüber und wurde mit einem zweifelnden Blick dafür entlohnt. Der Mantel war zugegebenermaßen etwas löchrig und arg verschlissen – er glaubte fast, dass seine ursprüngliche Farbe einmal Blau gewesen war – und wurde ihr nicht im Mindesten gerecht. Doch wie sie ihn über das dunkle Haar streifte, erkannte er, dass sie schöner nicht sein könnte. Während sie die Falten des Stoffs zurechtlegte, murmelte sie kaum verständlich gegen den Hauch des Winterwinds: „Du zeigst dich auch nicht eben … zugewandt.“

Der Sohn des Alvias musste sich wahrlich anstrengen, nicht aufzuschreien. Machte sie ihm wirklich einen Vorwurf, nach allem, was sie ihm angetan hatte? Zeigte sie sich wirklich so blind gegenüber seinen Handlungen? Er war wegen ihr auf einen fremden Elfen – einen Würdenträger – losgegangen, war für sie – zweimal! – durch halb Albenmark gereist, hatte in ihrem Namen Verhandlungen mit Aelburin geführt, die ihm bei einem Misslingen bestimmt nicht zugutegekommen wären, hatte seine Unabhängigkeit für sie aufgegeben und arbeitete wie ein Irrer daran, ihre Politik auf feste Beine zu setzen, während er sich selbst zurücknahm, um ihren Ruf nicht weiter durch den Dreck zu ziehen.

„Außerdem …“, führte sie fort und der Trotz legte sich wie ein Schatten über ihre Stirn. „Warum glaubst du, sollte ich dich anders behandeln? Weil wir unsere Körper teilten? Das war kaum mehr als eine Laune, ein Moment der Schwäche.“

Ihm blieb nur, entrückt nach einer Antwort zu suchen, während sein Mund offen stand. Die Elfe spielte sich selbst aus … Sprach diese Worte, um sie sich selbst Glauben zu machen.

Hatte sie denn keine Vertrauten, mit denen sie über so etwas reden konnte? Die ihr halfen, mit solchen Situationen umzugehen? War sie denn das erste Mal verliebt? Er dachte daran, wie Anarion ihm die Augen geöffnet hatte. Man würde wohl von jemandem wie Tiranu kaum etwas Ähnliches erwarten können. Soweit er wusste, war er ihr der engste Bezug. Er würde sich auf Dauer nicht damit abfinden können, zugleich ihr Freund und Verehrer zu sein. Doch ein einziges Mal in seinem Leben wollte er nicht egoistisch sein und das kleine bisschen Stolz, dass sie ihm gelassen hatte, wurde von ihm zurückgestellt.

„Du kannst dich winden und wehren, wie du willst. Ungerecht zu dir und zu mir sein, wie es dir gefällt. Aber sei nicht so ausgesprochen dämlich, mich zu verachten, weil du verliebt in mich bist und dabei nicht deinen Vorstellungen entspreche. Nicht nach allem, was ich für dich tat.“

Es kam ihm nicht richtig vor, so offensichtlich in seinem Interesse zu sprechen. Doch wenn sie nicht bereit war, selbst ihre Augen zu öffnen, sich ihrer Halsstarrigkeit zu entsagen, dann war er auch nicht bereit, weiter geduldvoll zu sein, wo dies noch nie seine Art war.

Ihre Reaktion zeigte nur, wie wenig sie mit diesen Worten gerechnet hatte. Ihre Lippen bebten in einer Mischung aus Empörung, Entsetzen und Wut – oder Unsicherheit?

„Du …“ Ihre Stimme zitterte, unverkennbar vom Zorn gezeichnet. Doch der abgetragene Mantel, der Matsch auf dem Saum ihres kostbaren Gewands und die gelösten schwarzen Strähnen, die ihr feucht ins Gesicht fielen, machten es ihm schwer, ihren Zorn als echte Reaktion aufzunehmen.

„Ja…?“ Er hob eine blonde Braue und staunte ein wenig, sie tatsächlich sprachlos zu sehen. Das Gespräch war lange nicht beendet, doch weder der Ort noch die Zeit wollten so recht zu seinem Anspruch, es weiterzuführen, passen.

Morwenna biss sich auf die Lippen und wandte den Blick ab, was der Weltenwanderer nur mit einem verzweifelten Feixen quittieren konnte. Es war nichts, als ihr eigenes Spiegelbild, welches sie so aus der Contenance brachte.

Er trieb seinen Hengst zu einem – argwöhnischen – Schritt in ihre Richtung und beugte sich weit aus dem Sattel, zu ihr herab, wo ihr finsterer Blick ihn bereits erwartete. Ehe sie zurückweichen konnte, platzierte er einen sanften Kuss auf ihrer Stirn, wo sich die Furchen ihres Unmuts schlagartig glätteten. Ihre Augen wurden groß, bis sich ihre zitternden Lider schlossen.

„Meine schöne, halsstarrige Fürstin …“, murmelte er und zweifelte fast, dass sie ihn gegen das Pfeifen des Windes hörte.

Zu gerne würde er sie bitten, bereits nun mit ihm auf das Anwesen zu kommen – und damit all die möglichen Gerüchte um sie in den Wind zu schlagen. Allerdings würde er ohnehin keine Zeit aufbringen können, in den nächsten Tagen bei ihr zu sein. So blieb ihm, wenigstens den Abstand zueinander positiv zu sehen. Er wusste aber auch, wie sehr es die Heilerin beherrschte, sich durch Abstand nur weiter in sich selbst zurückzuziehen. Sie hatte ihm nicht nur ein Mal demonstriert, wie viele Winkelungen ihr Schneckenhaus besaß.

„Wir sehen uns in zwei Tagen …“, wollte er sich verabschieden, doch konnte nur feststellen, dass sie sie wohl nicht sonderlich auf einen langen Abschied erpicht war.

„Mach, dass du wegkommst“, grollte sie, mit glänzenden Augen und zuckenden Mundwinkeln. Dann wandte sie sich zurück zur Kutsche. Ihre Hand hielt sich bereits an deren Wand fest, um den Tücken des Schneematsches zu entgehen, als sie sich noch einmal umwandte. Auf ihrem blassen Gesicht lag ein fast scheues Lächeln, ein spöttisches Tanzen auf den geschwungenen Linien ihrer Lippen.

Sein Hengst hatte sich bereits erheblich entspannt, als die Fürstin Abstand zu ihnen gewonnen hatte, doch zuckte er kaum merklich zusammen, als Jornowell in den Winterwind rief: „Morwenna!“ Verwundert wandte die Elfe sich ein letztes Mal zu ihm. „Im Interesse deiner Patienten: versuche bitte, nicht allzu oft an mich zu denken. Ich möchte nicht verantwortlich sein für versehentlich abgetrennte Gliedmaßen oder dergleichen …“

***


Wäre nicht der leise Klang des andächtig wirkenden Musikspiels, so wäre es im Tanzsaal totenstill gewesen. So viele Elfen waren anwesend, so viele Gerüche lagen in der Luft – der nahe Wald, die Blüten der Ziehhäuser, der Zimt- und Waldbeerduft des gereichten Punschs, zahllose edle Duftwässer über dem Wirbel der kühlen Winterbrise, welche durch die geöffneten Hochfenster Einlass hielt – und zahllose Nuancen an den prächtigsten Farben – das Dunkel der Nacht und das Strahlen der festlichen Kleidung. Doch alle Gespräche und alle Eindrücke traten in den Hintergrund oder verblassten völlig, als der Wächter des Saaltors mit einem wuchtigen Stab auf den Boden donnerte, um seine Herren anzukündigen. Sein Klopfen fuhr bis ins Mark und so verhielt es sich auch mit der Erscheinung der beiden Elfen, welche wie gewöhnlich mit ungezähmten dunklem Haar, und dunklerem Ausdruck auf den blassen Gesichtern über eine hölzerne Treppe, aufgeprunkt durch einen kunstvoll geschnitzten Handlauf und einem roten Teppich feinster Webung, zur Festgemeinde traten.

In keinem Ansatz wirkte dieses Auftreten so wie vor wenigen Tagen, als sie das Bankett im Rosenturm ausgerichtet hatten. Die Nähe, welche sie zu Hofstaat und Landadel demonstriert hatten, war geschwunden und kehrte sich nun in hochherrschaftlicher Distanz um.

Tiranu führte seine Schwester am Arm, doch schienen sie sich nicht wirklich zugewandt. Es war auch an dem Fürsten, die Worte der Begrüßung dieses abschließenden Ereignisses der Verhandlungstage zu sprechen. Sie hatten sich beide reichlich Zeit gelassen mit ihrem Erscheinen. Das Buffet wurde bereits zu großen Teilen abgebaut und die Musik für allerlei höfische Tänze stimmte schon seit einigen Minuten eine angenehme Stimmung an.

Jornowell stand im Schutz der Menge, zwischen Gräfinnen und Baronen, Handelsgrößen und Innungsmeistern, entfernten Verwandten der Fürsten und offensichtlichen Spöttern der Politführung. Alle lauschten den Worten des Fürsten, still und einvernehmlich, und doch konnte der Weltenwanderer und frisch ernannte Hofmeister des Rosenturms die unterschiedlichsten Schwingungen in den Auren der umstehenden Albenkinder ausmachen.

Die Verhandlungstage hatten nicht eben reiche Früchte getragen. Jornowell nahm dies nicht so schwer, wie einige der anwesenden Grafen. Für ihn vordergründig war die Ernennung von Persönlichkeiten, welche der wesentlichen Unterstützung der Landesführung dienen sollten – welches andere Fürstentum würde sich auf einen Partner wie Langollion einlassen, ohne die Sicherung der Geschäfte durch fähige Korrespondenzen? So konnte der Sohn des Alvias nicht behaupten, dass die Mühe und Kraft, welches er in dieses Unterfangen gesteckt hatte, verschwendete Liebesmüh gewesen sei, doch gab es unter den Anwesenden einige, welche wohl lieber in ihren Burgen geblieben wären. So war von der entspannten Stimmung des Auftakts dieses großen Zusammenkommens nicht wirklich viel geblieben.

Jornowell wies mit einer unauffälligen Handbewegung die Geiger zum Spiel an, als Tiranu geendet hatte, und schickte zwei Diener zu den Geschwistern, um ihnen Wein zu reichen. Der Fürst wählte Wasser. Die Stimmung versprach nicht besser zu werden.

In den Ecken und Winkeln des Saals war kaum Platz zum Stehen, so viele Edle versuchten, dem Tanzparkett aus dem Wege zu gehen. Unter riesigen Kerzenständern und hinter wuchtigen Buffettafeln, im Schatten der Eisskulpturen wurden steife Gespräche und zwielichtiges Getuschel zelebriert, statt sich in den Wogen der Musik zu bewegen.

Jornowell blieb es, den Blick einiger Bediensteten aufzufangen, darunter Abelle, die ihm ihr Unverständnis über die maue Stimmung auszudrücken versuchten. Auch er wusste keinen Rat, dieses Fest zu retten und wünschte sich – wie so oft in den letzten Wochen und Monaten – dem Rat seines Vaters gelauscht und nicht belächelt zu haben.

Es konnte nicht an Musik, Speis und Trank liegen. Alles stimmte überein, wirkte in einer Harmonie jenseits steifen Hofzeremoniells zusammen und wob eine fast andächtige Stimmung, ganz im Sinne der kalten Jahreszeit. Vor den Fenstern tobte ein leichter Wind, mit Schnee und Regen klatschte er an die Scheiben des Tanzsaals, als wollte selbst er zum Tanze auffordern.

Auch die Wahl des Anwesens wollte er nicht für die gedämpfte Stimmung verantwortlich machen. Jornowell lächelte. Der Palast lag über einem dichten Tannwald gelegen, auf der höchsten Ebene im Tal, welches so nahe an den Rosenlabyrinthen lag. Steile Treppen führten von bewucherten Straßen das zerklüftete Felsplateau hinauf, vorbei an unbewohnten Gesindehäusern, gehauenen Reliefs namenloser Kreaturen, zu einer riesigen Terrasse über den Wipfeln der Bäume. Die Steinmetzarbeiten des Anwesens allein waren einen Besuch wert – Wasserspeier in den Formen von Drachen und Dryaden lehnten sich wagemutig über die Hänge unter der Terrassenwand, Fassadenschmuck von Blumen, Wappen und wechselhaften Maserungen waren sowohl an das Haupthaus, dem zierlichen Palast, wie auch an das schlichtere Nebengebäude angebracht. Auffallend dunkle Giebel, schmale Türmchen und wild tanzende Bannerfahnen, zeichneten eine recht ansehnliche aristokratische Note zwischen Wald, Stein und Moos, welches sich durch die Furchen der Felsplatten kämpfte. Jornowells Herz allerdings hatte sofort für das anliegende Gewächshaus geschlagen. Auf einer tieferen Ebene, dem Schatten des Palasts entflohen, lag ein kleinerer Palast, welcher von massivem Stein und überlaufendem Prunk nichts hielt. Hunderte Glasscheiben bildeten ein filigranes Gebilde, in dessen Inneren angelegte Pfade zwischen exotischen Blüten, riesigen Farnen, duftenden Kräutern, Heilpflanzen aus allen Regionen Albenmarks und Kakteensorten, gezüchtet in Terrakottavasen, verliefen. Über den Gewächsen flatterten Schmetterlinge, gleichwohl wie emsige Feen, welche sich hingabevoll um ihren Pflanzenschatz kümmerten.

Das Anwesen war ein Kuriosum in den dunklen Wäldern Langollions. Einst hatte es eine ältere Schwester der heutigen Fürsten geführt, heute stand es die längste Zeit leer.

Über all dem blieb Jornowell nur, die Schuld der kenternden Stimmung bei sich selbst zu suchen. Ob nun ein Fehler in der Planung, eine missliche Kommunikation oder schlichtweg das Fehlen von Talent verantwortlich war, konnte er dabei nicht erkennen. Ihm war nur klar, dass er schleunigst etwas tun musste, um dieses Fest zu retten.

Wein half bei solch spontan benötigten Einfällen nicht selten …

Sein Blick suchte die Fürstengeschwister, als er einen ordentlich gefüllten Kelch vom Tablett eines Bediensteten griff. Beide Elfen waren in festliche Gewänder gehüllt, welche sie selbst in der Menge erhaben wirken ließen.

Tiranu, der größere der beiden, trug seinen schmal geschnittenen Gehrock in der Farbe dunklen Schiefers offen, dazu passende graue Hosen, die von einer stilisiert gewundenen Gürtelschnalle geziert wurden. Seine festen Stiefel aus schwarzem Leder eigneten sich kaum zum Tanzen, doch ihre Machart schien fein genug, um als festlich durchzugehen. Zum Anlass hatte er einen schmalen Silberreif um sein Haupt gelegt, dessen Rankenmuster dunkel eingefasst und mit einem Onyxsplitter an der Stirn versehen war. Der Kontrast des Metalls zu seiner dunklen Mähne wirkte kaum, da dessen Bearbeitung es bereits angelaufen erscheinen ließ.

Seine Schwester wirkte nicht minder in ihrer silbergrauen Robe, die weitaus mehr für einen Ball geeignet schien, als der Gehrock ihres Bruders. Das Kleid lag eng an der Taille an und funkelte dort, wo in aufwendigen Ornamenten unzählbare Strasssteine zusammenfanden. Erst weit unter den sanften Rundungen der Hüften fiel der Rock bis kurz über den Boden. Der helle Stoff war so fein gearbeitet, dass er jeder ihrer Bewegungen schmeichelte. Über dem herzförmigen Dekolleté zierte ein aufwendiger Halsschmuck die blasse Haut; poliertes Silber empfand die spitzen Formen einiger Eiszapfen nach, an deren eingearbeiteten Beschlägen der Steinstaub von Onyxen für kunstvolle Schatten sorgte. Die Locken der Fürstin waren halb hochgesteckt und zum feinsten Glanz gekämmt, wo es über die nackten Schultern fiel. Im Haar thronte ein Diadem, dessen dunkler Silberton durch mattschwarze Edelsteine betont wurde. Wie die Zier frischgefallenen Schnees legten sich einige Fragmente von weißen Perlen in ihre kunstvoll gearbeiteten Betten aus Silber in den zierlichen Zacken des Kopfschmucks.

Jornowell bahnte sich den Weg durch die überschaubare Zahl an Höflingen, welche sich um die Fürsten gereiht hatten. Seine Musterung dauerte nur einige Herzschläge, welche sich unwillkürlich beschleunigten, als er näher kam. Morwenna würde ihm noch immer zürnen für sein unverschämtes Verhalten auf der Straße zur Hauptstadt. Es war das erste Mal, dass er sie seither sah, denn ungeziemlicherweise hatte er sie und ihren Bruder nicht bei ihrer Anreise empfangen.

Nach einer knappen Verbeugung, die von keinen der beiden bemerkt wurde, ließ er recht eindringlich vernehmen: „Vielleicht sollten die Gastgeber den Abend mit einem Tanz eröffnen.“

Es war allzu offensichtlich, dass die Gespräche der Geschwister mit den umstehenden Höflingen allein der Ignoranz wegen weiter geführt wurden. Jornowell räusperte sich – und erreichte nichts.

Wer ihn gut kannte, wusste, dass auch seine Geduld Grenzen kannte. Nicht nur der Ruf der Fürsten wurde hier auf die Waagschale gelegt, sondern auch der seine. Viel zu ehrgeizig verfolgte er die Ziele, welche die beiden auch ihre nannten, als dass er nun klein beigab und alles dem Zufall überlies. So wagte er einen Schritt nach vorn und drängte sich nicht eben dezent zwischen Tiranu und seinen Gesprächspartner.

„Entschuldigt mich“, richtete er an irgendeinen unbedeutenden Elfen und dessen Begleitung, als er sich Tiranus wenig beeindrucktem Blick stellte.

„Was?“, wollte er tonlos wissen und schaute fast abfällig auf den Weinbecher in seiner Hand – Jornowell hatte unlängst am Geruch erkannt, dass es sich eigentlich um Punsch handelte, dem er recht wenig abgewann. So drückte er den Kelch in die Hand einer anderen Elfe in ihrer Nähe und widmete seine Aufmerksamkeit ganz und gar seinem ‚Herrn‘.

„Dir ist nicht eben aufgefallen, dass der ein oder andere anwesende Gast“, er ließ seinen Blick durch die Menge schweifen, „etwas von dir erwarten könnte?“

„Zum Beispiel?“

Ein Augenrollen gerade noch verhindernd, nannte Jornowell das Offensichtliche: „Einen Tanz.“

Der Fürst hob eine seiner markanten dunklen Brauen und musterte ihn innerhalb eines Atemzugs. Er verzog die Lippen. „Nein und ich spare mir einen Dank.“

Als er sich zum Gehen wandte, wurde er nicht nur von einigen Elfen durch ihre bloße Präsenz, sondern auch durch Jornowells Hand aufgehalten: „Mit deiner Schwester!“

„Ich tanze nicht.“

„Das höre ich zum ersten Mal“, lachte eine dunkle Stimme neben ihnen. Morwenna hakte sich bei ihrem Bruder unter. „Wer soll nun die unzähligen Maiden trösten, welche sich heute Abend Hoffnungen machten, wenn sie davon Wind bekommen?“

Tiranus Blick sprach Bände. Ebenso das provozierende Lächeln auf den Lippen Morwennas.

Nur wenige Momente später bekam Jornowell einen grauen Gehrock in die Arme gedrückt, den er mit unterdrücktem Feixen nur sehr gern entgegennahm und dabei den Einsatz der Musikanten dirigierte. Noch waren die beiden Fürsten auf der Tanzfläche allein, doch dem Hofmeister blieb zu hoffen, dass sich dies bald ändern dürfte.

Zu seiner Erleichterung wurde sehr wohl wahrgenommen, dass etwas geschah und es dauerte nicht lange, bis die Aufmerksamkeit der Anwesenden wieder bei den verbliebenen Kindern der Alathaia weilte.

Mit dem stimmungsvolleren Spiel der Geigen änderte sich auch die Atmosphäre im Saal. Der Tanz begann.

Im Takt des Musikspiels bewegten sich die beiden dunkelhaarigen Elfen mit einer Eleganz, welche Jornowell an die Geschmeidigkeit wilder Raubkatzen erinnerte, die sich im Spiel mit einer sicheren Beute verloren. Ihre Bewegungen waren sicher – Tiranu war der Gang des Kriegers, Morwenna der einer herangezogenen Adligen anzusehen – und dennoch so leicht, als müssten sie den Boden nicht berühren, um sich einander perfekt zu ergänzen. Getrieben wie Blätter im Wind ließ die Fürstin sich führen, während ihr Bruder aufrecht und mit gestrecktem Rücken nobel wirkte, als führe er eine unsichtbare Klinge im Kampf für Eleganz und Gefühl.

Auch Jornowell hatte in seiner Jugend Tanzstunden ‚genossen‘ und sie bis aufs Blut verachtet. Nie hatte er sich so bewegen können, wie die Meister es forderten, und selten gefiel es ihm, eine genaue Schrittfolge auswendig zu lernen. So wunderte es ihn auch keineswegs, dass er diesen höfischen Tanz nicht kannte. Jeder Schritt, jede Drehung, die Führung ihrer Hände – in der Luft, aneinander – es war, als seien diese Bewegungen allein für sie geschaffen.

Die Takte verstrichen, die Melodie klang sanft, dann wieder rasant, so hingabevoll und zugleich einnehmend. Jornowell hörte sie bald nicht mehr, auch wenn sie das wilde Pochen seines Herzens dirigierte. Sein Wesen war gebannt, gebannt von ihr. Jede ihrer Bewegungen wurde von seinem zweifarbigen Blick verfolgt und er wusste genau, was andere in ihm erkennen mochten. Er schluckte, doch seine Kehle war trocken wie die Wüste des Verbrannten Landes.

Wortlos drückte er den Gehrock des Fürsten in die Hand eines umstehenden Dieners und verließ schnellen Fußes die Szenerie. Noch lange klang die Musik in seinen Ohren nach, selbst als er das Haupthaus längst hinter sich gelassen hatte.

Auf der Terrasse empfing ihn die kalte Winterluft, deren schneidende Argumente ihn eines klar sehen ließ: Trotz all seinen Bemühungen, ihr mit aufrechten Absichten helfen zu wollen, war dies hier längst kein Uneigennutz mehr. Trotz all seinen lockeren Sprüchen und den heiteren Versuchen, ihr entgegen ihres aufgesetzten Unwillens nahe zu sein, war dies längst kein Spiel, keine Laune mehr. Er war nicht nur verliebt, wie er es schon etliche Male gewesen war … Er wollte diese Elfe, mit allem, was sie war. Selbst mit dieser verfluchten Krone auf dem Haupt.



***








Die Nacht war so weit fortgeschritten, dass der Morgen nicht mehr fern schien. Ein stetig heller werdendes schwarz-graues Gebilde aus dicken Wolken zog über den Himmel. Schließlich, als die letzten Noten des Streichquartetts im Saal verklangen, setzte der Schnee aus und ein stetiger Fall von Regen tröpfelte auf den steinernen Boden.

Morwenna schritt im Licht der Laternen über den großen Hof, der zwischen dem Anwesen und einem Nebengebäude lag. Ihr Gang wurde kaum merklich schneller, als sie einige Kerzen in den Küchen des kleineren Hauses brennen sah. Der Regen perlte kühl über die Haut ihrer Arme und sie genoss das kitzelnde Gefühl beinahe zu sehr, als dass sie ihm allzu schnell wieder entfliehen wollte. Sie erreichte die knarrende Holztür und wurde hinter ihr von einer einladenden Wärme empfangen. Auf den Korridoren war es finster, doch bereits hier waren fröhliche Stimmen zu vernehmen, die eindeutig aus den Küchen stammten, und keinem Edlen Albenmarks gehörten.

Die Fürstin hörte auch Jornowells Lachen.

Während der Feierlichkeiten hatte der Hofmeister die meiste Zeit mit Abwesenheit geglänzt. Seit dem Eröffnungstanz hatte sie ihn nicht mehr gesehen und währenddessen war ihr nur durch kurze Blicke sein immer dunkler werdendes Mienenspiel aufgefallen.

Wie auch Tiranu hatte sie noch etliche Tänze und zahllose Gespräche geführt, bis sie sich endlich von der Gesellschaft verabschiedete. Die Stimmung war zuletzt doch aufgeblüht, auch wenn man von rosigen Frühlingsgefühlen noch lange nicht sprechen konnte. Einige Abschiede wurden bereits an diesem Abend ausgesprochen und lange war Morwenna von ihren Pflichten in Anspruch genommen worden.

Räuspernd betrat sie schließlich die große, tief im Fundament des Haus liegende Küche, in der sich die halbe Dienerschaft versammelt haben musste. In einem engen Kreis – einige Elfen lehnten an dem einnehmenden Ofen, andere saßen an der Feuerstelle im Zentrum des Raums, auch an der großen Speisetafel hatten sich einige niedergelassen – war bis vor wenigen Momenten über die gut organisierte Arbeit und dem fragwürdigen Auftreten des ein oder anderen Edlen getratscht worden, natürlich bei einem guten Glas Wein. Auf dem Holztisch neben der Feuerstelle, an dessen Haken ein Topf brodelte, standen einige Flaschen der edelsten Rebe von jenseits des Meeres.

Wie von einem Zauber gepackt erhoben sich die Elfen in ihrem Dienst von ihren Plätzen, oder beeilte sich, in aufrechte Position zu kommen, nur um sich beinahe huldvoll – der Blick zu den Weinflaschen war nicht verborgen geblieben – zu verneigen. Einer nach dem anderen eilte an ihr vorbei aus dem Raum. Alle, nur nicht Jornowell, der unverwandt rittlings auf einem Stuhl saß, die Lehne unter verschränkten Armen und ein zur Neige gegangenes Weinglas in einer Hand balancierend.

Seine verschiedenfarbigen Augen, im Schein der Holzkohle auf dem Herd fast einheitlich dunkel, sahen sie an, als sei sie eine größere Spielverderberin als sein Vater, der gestrenge Hofmeister der Königin, selbst.

„Zieh den Wein von meinem Lohn ab…“, murmelte er und kippte sich noch reichlich nach.

Morwenna lächelte zweifelbehaftet und schritt die zwei steinernen Stufen auf den Lehmboden hinab: „Wir bezahlen dich?“

Ihr Weg führte sie herüber zur Feuerstelle. Ein verlockender Duft stieg aus dem Kessel empor, der dort auf der Restwärme hing. Dass sie vom Buffet des heutigen Festtags nicht viel mitbekommen hatte, reute sie nun, als ihr Magen sich zusammenzog. Sie griff nach einem umliegenden Löffel, wahrscheinlich benutzt, und füllte seine Spitze mit der Suppe, welche fast verhalten köchelte.

„Was läuft nur schief, dass meine Dienerschaft speist besser als ich“, fragte sie in die Stille des Raums hinein und legte den Löffel beiseite. Sie musterte Jornowell, der verlegen grinste. Der Schneider ihres Bruders hatte offensichtlich ein kleines Wunderwerk am Hofmeister vollbracht. Würde er das dunkle Wams, welches er trug, nun noch zuknöpfen, würde er vielleicht sogar als Höfling durchgehen. Als ihr Blick auf das wilde Durcheinander seines Haars fiel, das mit einem Lederband im Nacken zusammengezwirbelt war, verwarf sie diese Idee jedoch und sah sich stattdessen im dämmrigen Licht des Raums um, dessen winterliche Essensdüfte betörend waren. Die Reste des Buffets waren auf Teller und Schüsselchen verteilt worden und zu großen Teilen bereits verspeist. Niemand hatte sich bisher um den Abwasch oder sonstige Ordnung gekümmert, sodass ein unüberblickbares Chaos herrschte.

„Du scheinst meinen Hofstaat gut im Griff zu haben“, bemerkte sie zynisch, als sie das siebenundzwanzigste halbvolle Weinglas zählte.

„Irgendjemand sollte es“, grinste er, fast süffisant. Doch unter seinem Lächeln lag ein warmer Zug, die seine Worte als Neckerei entlarvte. Er erhob sich von seinem Platz. „Ich nehme an, du bist nicht gekommen, um über die Hausordnung zu philosophieren.“

Morwenna bedachte ihn erneut und spürte seine unterschwellige Unsicherheit. Das trieb sie nicht unbedingt, ihre Überwindung zu finden. Die Fürstin räusperte sich: „Wir sollten reden. Aber nicht hier …“

Jornowell grinste, die Unsicherheit hinter einem Deckmantel der lasziven Anzüglichkeit verborgen. „Wenn das eine Einladung in deine Gemächer sein soll …“

Sie hob eine Braue: „Ich dachte eher an einen Spaziergang…“

„Ich erinnere mich ungern an unseren letzten…“, hielt er plötzlich grollend dagegen und zeigte sich wenig begeistert.

„Ich verspreche …“

„Zudem regnet es wie aus Kübeln … mein lächerlich teures Wams wird ruiniert werden!“

„Wenn du es mir schwer machen möchtest, bitte.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Solltest du doch noch einen Weg aus dem Irrgarten deiner infantilen Gedankenwelt finden …“

„Wirklich, ausgerechnet du wirfst mir das vor?“

„…dann hoffe ich, dass du weißt, wo du mich suchen musst.“

________________

Ich hoffe, ihr habt es geschafft, ohne schmerzende Augen durchzukommen… Ich wollte mich kurz fassen, wirklich, aber die beiden haben einfach keine Ruhe gegeben, bis ich diese letzte Szene niedergeschrieben habe :D

Wenn es euch gefallen hat, freue ich mich über einen Kommentar von euch. Schließlich möchte ich gern mehr meiner Leser auch kennenlernen :)

Liebe Grüße
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Xijoria » Mi 28. Okt 2015, 12:37

Entzückend - einfach wunderbar dein letzter Post und auch die davor. ;) :D
Mir war das aktuelle Kapitel nicht zu lang - im Gegenteil, ich hätte gern mehr erfahren, insbesondere wie es weiter geht aber auch über Abelle und welche Rolle sie noch spielen wird. Vermutlich hast Du genau an der richtigen Stelle aufgehört :mrgreen:
Ganz besonders hat mir der erste Abschnitt gefallen... Jornowell sprach und von Morwenna stetig keine Reaktion einer Antwort. Die Hartnäckigkeit beider - einfach klasse gemacht. Mich hätte es schon noch gereizt zu wissen, wie die Kutschfahrt im Anschluss weiter verlief, einfach weil mich auch Abelle neugierig macht. Vielleicht erfährt man demnächst mehr über sie.

Aber auch das Fest an sich und die Situationen sind bildhaft und lebhaft von Dir beschrieben. Einfach toll und weiter so ;-)
Die Spannung bleibt - ich freue mich schon auf die nächste(n) Fortsetzung(en)! :mrgreen:

Cheers, Xijoria
"Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzten kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft."

Xijoria - Darkelfe Bogenschützin und Basltelelfe :)

Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Do 5. Nov 2015, 16:03

Liebe Xijoria, vielen lieben Dank für dein tolles Feedback, es freut mich sehr, dass du so fleißig mitliest! Abelle ist für den weiteren Verlauf leider nicht sehr wichtig, aber ich freue mich, dass du ein Interesse für ihren Charakter entwickelt hast. Vielleicht läuft dir im folgenden Kapitel noch eine weitere Nebenperson über den Weg, welche dir gefällt.

Allen anderen Lesern vielen Dank für eure Treue, welche sich für mich in den stetig steigenden Klickzahlen zeigt! Ich freue mich, euch das nächste Kapitel zu präsentieren, welches das letzte vor einem eventuellen Epilog darstellen wird. Ich kann mir aber gut eine Fortsetzung Vorstellen, wo dann Tiranu mehr in den Fokus rückt. Wenn ihr Interesse habt, lasst es mich wissen! :)


______________

Ein gläserner Palast



Der Regenfluss füllte die steinernen Bäuche der Wasserspeier am Fuße des gefliesten Plateaus, bis er sich rauschend in dutzenden filigranen Sturzbächen hinunter ins Tal ergoss. Unter den Bögen dieser Wasserfälle, an der steinernen Außenmauer des hochherrschaftlichen Anwesens, verlief eine breite Treppe, die zu tiefer liegenden Plateaus über den Wäldern führte.

Es war so dunkel, dass er die niedrigen, aber umso glitschigeren Stufen unter seinen Füßen kaum ausmachen konnte. Der nahende Tag ließ sich Zeit, über die Welt zu kommen. Langsam zweifelte Jornowell daran, den richtigen Ort für seine Suche auserkoren zu haben. Es wäre doch besser gewesen, sich weiterhin in der Küche zu betrinken. Armutszeugnis hin oder her …

Er sprach einen Zauber, der eine grünliche Lichtkugel in seiner Hand erscheinen ließ. Behutsam schickte er sie hoch über seine Schulter, wo sie vom Regen immer wieder in die Tiefe gedrängt wurde, aber tapfer an seiner Seite die restlichen Stufen hinabschwebte.

Zwischen Kies, Erde und Moos war ein abgetretener Pfad zu erkennen, dessen Spuren an ein großes, bewachsenes Tor führten. Filigrane Arkaden, halb dem Zerfall unterworfen, bildeten einen Gang hinter diesem Tor. An seinem finsteren Ende lag der ‚gläserne Palast‘. Jornowell wusste, dass dieser Name der Bauart des Gebäudes geschuldet war. Mehrere Kuppeln aus filigranstem Kristallglas überdachten ein durscheinendes Refugium, dessen Wände ebenso zerbrechlich wie erhaben einen Schatz hüteten, an den Gold und Edelsteine nicht heranreichen.

Der Weltenwanderer war ein einziges Mal bereits hier gewesen und war beeindruckt von der exotischen Pflanzenvielfalt, welche dieses Ziehhaus im Innern bot. Hunderte Blüten aus allen Regionen Albenmarks, Farne, Obstbäume, Kakteengewächse und Moose bewucherten mehrere Ebenen im Rücken des eigentlichen Palastes über der Talsohle. Die Fürsorge von etlichen talentierten Feen ließ dieses Reich geheimnisvoll und verspielt zugleich erscheinen. Zwischen Farnblättern und Buschröschen hatten sie aus Tonscherben Muster gelegt, züchteten die farbenprächtigsten Schmetterlinge und erschufen künstliche Bachläufe, die selbst der aufmerksamste Beobachter nur als sanftes Tröpfeln mitbekommen dürfte.

Jornowell fand die gläserne Eingangstür einen Spalt weit geöffnet vor und seine Zuversicht, Morwenna hier zu finden, wuchs. Er hatte lange gezögert, ihr zu folgen. Hätte des Weltenwanderers Schwester ihn nach Morwennas Verschwinden in den Küchen vorgefunden, hätte sie sein Verhalten im Bestfall als ‚Schmollen‘ abgetan. Er schnaubte, als er an das Gesicht seiner Schwester und an Morwennas Worte dachten musste. ‚Infantiles Verhalten‘! Warum warf ihm das jeder immerzu vor?

Vorsichtig betrat er das Innere des Gewächshauses und war froh über die angenehme Wärme, welche ihm entgegenwaberte. Eine gewisse feuchte Note, gemischt mit unzähligen schweren Gerüchen hing in der Luft. Der Geschmack von Erde legte sich auf seine Lippen, als er in der Dunkelheit nach Orientierung suchte.

Zwischen den finsteren Gebilden, die von Blättern, Ästen, Büschen und Blüten gebildet wurden, hingen winzige Kokons aus magischem Licht über dem Boden. Ihr Leuchten zeichnete knochige Schatten in die Szenerie.

„Morwenna?“, rief er in die zwielichtige Welt aus Düften und Schattenspielen. Sein Instinkt hatte ihn selten getäuscht. Sie musste hier sein!

Man hatte ihm erzählt – als es längst zu spät und das Abschiedsfest bereits zu weiten Teilen ausgerichtet war –, dass dieses Anwesen einst von der ältesten Schwester der Fürsten geführt wurde. Dieses Gewächshaus war ihr Werk und ihr Vermächtnis. Auch wenn man nicht viel über diese Elfe wusste, so glaubte Jornowell doch, ein Stück ihrer Seele auf den geplättelten Pfaden, unter dem Baldachin einer großblättrigen Palme, in deren Schutz blaue Veilchen aus dem Boden ragten, zu finden.

Jornowell schritt durch verschiedenste Vegetationsarten, stieg über Bäche und Rinnsale und unzähmbare Wurzeln. Immer wieder führten kleine Treppen in tiefer liegende Ebenen, die sich dem abschüssigen Hang anpassten, auf denen sie errichtet waren. Das Klima wechselte, ebenso wie die Farben der Leuchtkokons. Immer tiefer Drang er in dieses Reich, welches keine Jahreszeiten zu kennen schien, ein. Dabei begleitete ihn der grünlich strahlende Lichtkegel seiner Magie, welche seine Umgebung um etwa eine Armlänge weit für ihn deutlich sichtbar werden ließ.

Während von außen der stärker werdende Regen an die Scheiben klatschte, war es im Innern so ruhig, dass ihm schauderte. Bei seinem ersten Besuch klangen die Pfiffe einiger Vögel, das Flattern der Feen und das Quaken von Fröschen durch das Dickicht. In dieser Nacht schien die kleine, abgeschottete Welt zu schlafen.

Dennoch erwartete er, hinter jeder Ecke die Fürstin zu finden. Welches Spiel übte sie an ihm?

Als er drei weitere Stufen in den nächsten Raum hinabschritt, empfing ihn eine tiefere Dunkelheit als noch in den Räumen davor. Einzig einige spärlich verteilte, golden leuchtende Lichtfragmente erhellten in winzigen Kegeln das Blätterdach über seinem Haupt, doch der Boden blieb finster.

So hielt er kurz inne und musterte den Weg vor seinen Füßen, der keiner mehr war. Er erkannte, dass er in der größeren Halle, die das Ende des Ziehhauses markierte, angekommen war. Sie war von einem lichten Obsthain gezeichnet, der sich hin und wieder in scheinbar wildwachsenden Wiesen unterbrach. Aus einem hinteren Winkel war das Murmeln eines Brunnens zu hören. In seinen Wogen schwirrten zierliche Goldfische im Schatten von Seerosen, erinnerte er sich. Er ging dem Raunen des Wasserspiels entgegen.

Im Schein des raren Lichts konnte er eine Gestalt am Rande des Brunnens ausmachen. Ihr Kleid lag in einer silbernen Kaskade um ihre schlanke Figur und umhüllte ihre Beine, welche lang und angewinkelt über den Rand des mit Sandstein eingefassten Brunnens reichten. Ihr rabenschwarzes Haar, noch immer festlich zusammengesteckt, fiel halb offen über ihre Schultern. Sie hielt sich weit gebeugt über die Wasseroberfläche und ließ ihre Fingerspitzen träge über sie gleiten.

Jornowell überwand die Distanz zu ihr, über weiches Moos und scharrendes Laub, zwischen gefallenen Kirschen und wuchernden Heidelbeeren, und blickte neugierig über ihre Schultern. Der goldgelbe Umriss eines kleinen Fischs tanzte in den Wellen, welche die Finger der Fürstin erschufen. Für einige Zeit war ihr Spiel, verwischt im Klang des Regens, das einzige Geräusch, welcher die Ruhe durchbrach.

„Meine älteste Schwester erschuf dieses Reich. Sie … Luana war eine wunderschöne Elfe und so begnadet, wenn sie von etwas sprach, was ihr teuer war. Ihr Wille war unerschütterlich, doch nie auf sich selbst ausgerichtet …“, murmelte Morwenna in die Dunkelheit, als würde sie überhaupt nicht bemerken, dass er hinter ihr stand. „Ihr Lehrmeister förderte ihre besonderen Talente, die weitab derer von uns anderen lagen … oder im Interesse von Mutter. Er lehrte sie Dinge über eine nicht existente Gleichheit aller Lebewesen, einem gewaltlosen Miteinander. Und obwohl Luana die Erbin der Fürstenkrone war, noch vor Arien und Selin, wandte sie sich innerlich von Mutter und ihren Idealen ab. Stattdessen strebte seinem Bild der absoluten Gerechtigkeit entgegen und sollte daran zerbrechen, es nie gefunden zu haben. Als Mutter herausfand, welche Theorien sie vertrat und wie sehr sie diese bereits in ihr verankert waren, schickte sie Luana fort – dieses Anwesen sollte ihr Exil sein.“

Morwenna ließ sich Zeit, weiter fortzufahren und so setzte sich der Blonde schweigend neben sie. Das Gesagte ließ ihn nachdenklich werden. Bevor er vor zwei Tagen auf diesem Anwesen angekommen war, hatte er den Namen Luana nicht einmal gehört. Sicher, Alathaia hatte viele Kinder geboren, aber eigentlich hatte er geglaubt, sie alle vom Hörensagen zu kennen.

Was musste in einer Elfe vorgehen, ihr eigenes Kind zu verstoßen? Von ihren Geschwistern zu trennen, als würde sie eine Schwachstelle im Glied der Kette einfach herauszuschneiden?

„Ich weiß, was du denkst und ich dachte es lange Zeit auch, aber …“ Erneut stockte die Elfe. „Mutter verbannte sie nicht, nicht wirklich. Sie schützte sie. Mutters Streben sollte Luanas Herz nicht schwärzen oder sie gar vor eine Entscheidung stellen, die sie nie hätte treffen können. Sie sah, dass ihre Meinung bereits geformt und ihr Wesen zu bestimmt war, um ihr in den Krieg nachzufolgen, also nahm sie ihrer Erstgeborenen die Entscheidung ab und wählte lieber den eigenen Schmerz, als die Seele ihres Kindes zu zerreißen.“

Redete sie sich das wirklich ein?

„Wie viele ihrer anderen Kinder fielen für ihren Wahnsinn?“, wagte Jornowell zu sagen.

Morwenna sah ihn an, ihre Augen feucht von Tränen, doch ungetrübt in ihrer Sicht: „Wir … Sie gingen freiwillig mit ihr.“

‚Umso schlimmer, dass sie es zuließ …‘

Es schien ihm besser, nicht weiter darauf einzugehen. „Was wurde aus Luana?“

Morwenna fuhr so hart durch das Wasser, dass der Fisch erschrocken das Weite suchte. „Sie ist tot, das ist alles, was zählt.“ Mit versteinerter Miene wandte sie sich vom Brunnen ab, ihr Blick suchte die Leere: „Diese Hallen sind alles, was von ihr blieb.“

Jornowell beschloss, nicht nachzuhaken, auch wenn das Gesagte ihn keineswegs zufrieden zurückließ. Er ahnte, dass dies nur der aufkommende Wind vor den brodelnden Gewitterwolken war, welche auf ihn zuhielten. Ihre Vergangenheit war ein Mysterium, das er sowohl fürchtete, wie auch erschließen wollte…

Der Weltenwanderer fühlte ihre feuchten Fingerspitzen über seinen Handrücken tanzen und sah wieder zu ihr auf: „Wenn ich eher gewusst hätte, dass sie hier lebte …“

„Bitte“, murrte sie und legte die Stirn in Falten. „Ich habe mich mit Tiranu heute schon lange genug darum gestritten.“

Langsam ging ihm auf, weshalb die Geschwister verspätet im Ballsaal erschienen und weshalb sie so missmutig gestimmt waren … Nun hatte der Fürst also einen Grund mehr, ihn zu verachten. Wie oft mochte die Heilerin ihn wohl schon aus dessen Schusslinie gezogen haben, ohne dass er etwas davon ahnte?

„Ihr macht mir meine Arbeit nicht eben leichter …“, bemerkte er, nicht ohne einen Hauch von Verzweiflung.

Ihre kühlen Finger strichen weiter über seine Hand, welche auf dem rauen Brunnenrand ruhte. „Das kann ich mir vorstellen“, verriet sie mit einem einnehmenden Tonfall. Die Trauer aus ihrem Blick war gewichen, für eine besondere Art von Aufmerksamkeit, die allein ihm galt. Er wusste, dass er nicht dem Ebenbild eines Edlen unter den Elfen entsprach. Seine verschiedenfarbigen Augen, blau und braun, verschreckten viele auf den ersten Blick. Dazu die dunklere Färbung seiner Haut, die im Kontrast zu dem selten glatt gekämmten, aschblonden Haar stand … nein, edel war er nicht, und dem entsprach auch sein sprunghafter, impulsiver Charakter.

Ihre Musterung aber sprach von einer aufgeregten Faszination, als sie ihm in die Augen sah. Er mahnte sich zur Vorsicht. Eigentlich war er gekommen, um mit ihr zu sprechen … Alles, was er im Moment hörte, war das Plätschern des windgerissenen Regens. Ihre Finger wanderten höher …

„Morwenna“, hielt er sie an und entzog ihr seine Hand. „Hör auf, diese verdammten Spiele fortzuführen! Wenn du mit mir noch immer nicht aufrichtig sein kannst, dann ….“

In ihren dunklen Augen zeigte sich eine Mischung aus Unverständnis und Unbehagen. Ja, auch ihm fiel es schwer, die passenden Worte zu finden und er wünschte sich so sehr, dass sie endlich den Mund aufmachen würde. Da saß sie, die Fürstin Langollions, in ihrer perfekten Maskierung: gewandet in eine prächtige Robe, das Licht fing sich in den dunklen Steinen ihres Diadems, im dunklen Haar – und sie wirkte verletzlich wie niemals zuvor.

„Möchtest du, dass ich gehe?“ Er erinnerte sich an die Nacht in Vahan Calyd, nach den Angriffen der Ordensritter, als er sie auf dem Balkon über den Orchideengärten aufgrund ihres beharrlich abweisenden Verhaltens zurücklassen wollte. Damals hatte es sie beinahe in Panik versetzt, allein zu sein. Ob diese Wendung noch einmal griff?

Er stand auf, als sie ihn weiterhin nur anstarrte und einen inneren Kampf ausfocht, von dem er nichts erahnen mochte.

Fast hatte er für sich tatsächlich die Entscheidung getroffen, einfach zu gehen. Er kam keinen Schritt weit, als sie hörbar hinter ihm auf den Stein schlug: „Was willst du von mir hören, was du nicht ohnehin schon zu wissen scheinst? Warum quälst du mich?“

Jornowell schloss die Augen und wandte sich zu ihr: „Ich möchte dich nicht zwingen, etwas …“

Der Zorn in ihren Augen glomm dunkel, als auch sie vom Stein aufsprang: „Aber das tust du! Jeden Tag, seit du hier bist, mit jedem Blick, jeder Geste und jedem Lächeln!“

„Ich werde gleich morgen mein Amt niederlegen, wenn du es verlangst.“

„Wage es nicht, diese Entscheidung auf mich abzuwälzen.“ Ihre Stimme erhob sich, hallte unter dem Prassen des Regens bis tief in sein Mark. „Wenn du gehen willst, dann geh! So wie jedes Mal, wenn du etwas überdrüssig geworden bist!“

Ihm blieb nur, sie entsetzt anzustarren: „Was…?“

„Ist es nicht so?“ Ihre Hände zitterten, als sie eine weit umfassende Geste machte. „Wo verweilst du schon länger, als es angenehm für dich ist!?“ Tränen bildeten sich in ihren Augen. „Nie hast du einer Elfe lange die Treue gehalten und besser du gehst nun, als dass ich die ‚zweifelhafte Ehre‘ erhalte, als eine von ihnen zu enden, während mein Gesicht eine weitere Seite deiner Zeichenkladde ziert und du schon der nächsten hinterhersteigst …“

Die Lippen Jornowells bildeten einen schmalen Strich, als er zu verhindern versuchte, etwas Falsches zu sagen, doch der Unmut brannte in seinem Herzen: „Ist deine Meinung denn wirklich so gering von mir?“

„Das ist das, was ich mit eigenen Augen sah, als ich in deinen Gemächern in Elfenlicht war und das, was jeder über dich erzählt!“

Er schnaubte fast abfällig. Diese Vorwürfe waren lachhaft! „Ausgerechnet du solltest es besser wissen, als dem Geschwätz bei Hofe Glauben zu schenken, und dir stattdessen ein Herz fassen, deine eigene Meinung zu bilden.“ Er warf die Hände in die Luft, während sein Blick unstet umherfuhr, als suchte er eine Antwort in den Gewächsen, welche um sie herum wucherten. Fast verzweifelt schaute er schließlich in ihr Gesicht, welches sie ihm kaum offen zuwenden konnte. „Habe ich dir je das Gefühl gegeben, es sei mir nicht ernst? Bei den Alben, Morwenna! Ich opfere gerade mein gesamtes Leben für dich auf … Glaubst du, dass tue ich nur des Ansehens wegen? Das hält sich bisher noch in Grenzen. Erinnerst du dich etwa noch an die Delegation der Zwerge? Wenn heraus gekommen wäre, dass ich keinesfalls mit Sondervollmachten von dir ausgestattet worden bin, hätte ich mich in Aelburin nie wieder blicken lassen können. Und wie Arkadien nach dem Vorfall auf diesem verfluchten Fest zu mir steht, kannst du dir vorstellen … Um wessen Willen verhalte ich mich wohl plötzlich so, wie ich es mir nie wünschen wollte? In die Fußstapfen meines Vaters zu treten war wahrlich nicht dass, was ich mir für mein Leben gewünscht habe. Dennoch bin ich hier. Um deinetwillen, ohne Hintergedanken… auch wenn ich gestehen muss, dass … Meine Zurückhaltung war wohl nicht so zurückhaltend, wie ich dachte.“

Die dunkelgelockte Fürstin öffnete tief Luft holend den Mund, um etwas zu erwidern. Doch alles, was ihr entwich, war ein weiteres schweres Atmen. Die noch immer zitternden Hände legten sich um ihre Arme: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll … Du bist unfassbar, Jornowell …“ Er schauderte. Dies war das erste Mal, dass sie seinen Namen vor ihm aussprach – und es verriet sie, noch bevor sie die nächsten Worte flüsterte: „Aber … Ich will dich nicht verlieren. Du berührst mich, mit allem, was du bist. Und ich habe Angst … Angst, dass ich dich irgendwann nicht mehr verlieren kann … Wer sagt, dass du es dir nicht doch anders überlegst? Du kennst mich nicht, du glaubst es, aber die Wahrheit würde dich erschüttern … Du würdest mich verschmähen – zu Recht.“

Wie sehr sie sich darin verstrickte, ihn davon überzeugen zu wollen, seine Wahl zu überdenken. Mit allen denkbaren Argumenten, welche ihr in den Sinn kamen … Als seien seine Gefühle eine Entscheidung, über die er verfügen konnte! „Ich habe eine andere Seite an dir kennengelernt, welche …“

„Du willst es nicht verstehen“, wehrte mit zusammengezogenen Brauen ab. „Ich bin niemand, den man leicht liebt, der nachgiebig ist oder verständnisvoll. Wenn du glaubst, ich könne mich ändern, so täuscht du dich. Sie mich an. Das ist, was du bekommst: Lügen, Geheimnisse und … Ich will dir nicht wehtun, ich kann es nicht.“

Jornowell schluckte und wurde sich bewusst, dass dieses Geständnis wohl die aufrichtigste Wahrheit war, zu der sie fähig war. Wenn er sie nicht anders überzeugen konnte, dann … „Dann tu es nicht!“

Begierig griff er in die Locken der – seiner! –Fürstin und küsste sie. Wie lange hatte er sich hiernach gesehnt? Der zarte Druck ihrer Lippen, das Streicheln ihres Haars auf seinen Wangen, das Krallen ihrer Finger in die Muskeln seines Rückens. Er hörte ihr Seufzen und ein weiterer Schauder wanderte über seine Haut. Welche Zauber wob sie, ihn derart zu bannen? Jede Berührung ihrer Fingerspitzen fühlte er nach, an seinem Rücken, seinen Armen, entlang des Halses, hin zum Nacken, wo sie in seine Haare griff, um ihn weiter zu sich zu ziehen. Er lächelte in den Kuss hinein, als sie nach Nähe suchend ihre Beine an ihn schmiegte und damit fast aus dem Gleichgewicht brachte. Bei den Alben, ja, ihm fehlte der Schlaf, so sehr, dass seine Augen brannten und die Glieder schmerzen, aber bei diesem betörenden Geruch, der von ihr ausging, und dem Wissen, wie weich ihre nackte Haut unter der seinen war, verging jeder Wunsch nach Ruhe. Auch sie lächelte – und biss ihm spielerisch in die Lippe.

„Vielleicht sollten wir …“, löste er sich von ihren Fängen und lehnte seine Stirn an ihre, bis sie ihren Kopf zurücknahm und ihn irritiert anschaute.

Ihr Flüstern schnitt mit einem unterschwelligen Ton der Warnung durch die Stille: „Ich schwöre dir, wenn du mich nun wieder abweist …“

Oh nein, die Nacht in Vahan Calyd – und seine halsstarrige Weigerung, in ihrer damaligen Verfassung das Lager mit ihr zu teilen – waren nicht vergessen. So strich er einem Hauchen gleich mit den Lippen über ihr Ohr und korrigierte sie: „Eigentlich wollte ich vorschlagen, uns nun doch in deine Gemächer zurückzuziehen!“

„Du hast mir nicht zugehört, oder?“, raunte sie, die Brauen verzweifelt verzogen. Fast gelang es ihr, etwas Abstand zwischen sie zu bringen, doch Jornowells Griff hielt sie an Ort und Stelle. Wie konnte ein Stoff nur so verführerisch weich und zugleich kühl wie die Oberfläche von Wasser sein? Er zuckte mit einer Schulter und konterte nonchalant: „Mittlerweile solltest du es wissen – Ich bin mehr ein Elf der Taten. Gerade in unserem Volke wird die Bedeutung eines Worts leider allzu leichtfertig zurechtgebogen, bis es daran zerbricht.“

Mit geschlossenen Augen schüttelte sie ihr Haupt: „Du hast mir also nicht zugehört!“

Ihre immer noch kühlen Finger griffen nach seinen Händen und erneut bog sie denn Hals durch, um ihn zu mustern. „Ein Elf der Taten also?“ Ihre vollen, geröteten Lippen zeichnete ein Lächeln, ihre Augen leuchteten im Zwielicht auf, als sie ihn unvermittelt mit sich zwischen schmale Stämme unter ein dichtes Blätterdach zog. Der Untergrund war weich, von buntem Laub und farbenprächtigen Blumen gezeichnet, welche wie Juwelen im Schein seiner magischen Lichtkugel funkelten. Er war überrascht, wie sicher sie ihn unter Ästen, entlang wilder Beete und Wasserläufe auf einem unsichtbaren Pfad entlangführte, welcher stetig tiefer in den Hain reichte. Ein würzig-frischer Duft – gemischt mit der dezenten Note ihres Parfums – stieg in seine Nase und berauschte seine Sinne.

Unwillkürlich hielt sie inmitten des Hains inne, wo auf einer wilden Wiese Stiefmütterchen und Veilchen zwischen Moos und Kräutern blühten. Sie lehnte sich mit dem Rücken an einen Stamm, der von hellem Efeu bewuchert war. Sein Blattwerk wurde mit den kleinen grüngoldenen Lichtkokons geziert, deren Strahlen sanft auf sie herabfielen. Wirklich alles in diesen Hallen schien dazu geschaffen, den Sinnen zu schmeicheln und zu gefallen.

Morwenna sah ihn unverwandt an, als sein Blick die dunkle Umgebung musterte. Schließlich, als ihr aufzugehen schien, dass er sich absichtlich etwas mehr Zeit ließ, zog sie ihn bestimmend an sich heran. Ihre Lippen fuhren warm und so fordern über seine, dass er unweigerlich seinen Mund für sie öffnete. Sie zu schmecken trieb seine Lust weiter an, ließ ihn willentlich für sie brennen. Die Hände tief vergraben in ihrem geknoteten Haar klemmte er sie in voller Länge gegen den Stamm und ließ somit keinen Zweifel an seinem Willen, als er seinen Unterleib gegen ihren presste, während er wohlig, nach Erfüllung sehnend in den Kuss hinein keuchte.

Bevor er sich fragen konnte, wohin ihre Hände gewandert waren, bemerkte er, wie sie langsam ihr engliegendes silbernes Kleid herabzog und dabei durch seine Gestalt behindert wurde. Ihm schwirrte wild der Kopf und sein Blut pochte in all seinen Adern, als er das letzte Bisschen an Vernunft zusammenklaubte: „Bist du … dir sicher?“

Der Kontakt ihrer Lippen war nur einen spaltweit gebrochen, doch konnte er genau den herausfordernden Ausdruck auf ihren Zügen ausmachen, als sie ihm sanft, aber nachdrücklich vor die Brust stieß, um etwas Raum zwischen sie zu bringen. Langsam zog sie den letzten Stoff von ihrem Körper und lehnte sich aufreizend lächelnd gegen den Baum – dieses Mal berührten nur ihre Schulterblätter die bewucherte Rinde, während ihr Becken provokativ eine Handbreit davor lehnte und ihr durchgestreckter Rücken keine Rundung ihres Körpers verborgen hielt. Jornowells Mund wurde trocken wie Asche, als er sie ganz ohne Scham und mit unverhohlener Begierde bedachte. Bereits in Vahan Calyd, als sie sich vor seinem mehr schlecht als recht abgewendeten Blick entkleidet hatte, und schließlich während ihrer gemeinsamen Momente am Berghang inmitten der Snaiwamark hatte er eine Ahnung ihres nackten Körpers bekommen. Doch diese Ahnung reichte nicht an das Bild heran, dass er nun zu sehen bekam. Unter ihrer aufwendig gefertigten Silberkette, welche die langen Finger einiger Eiszapfen nachempfanden, hoben und senkten sich ihre kleinen, runden Brüste im Rhythmus ihres Atems. Zwischen ihnen führte, zunächst den Verlauf ihrer Rippen folgend, eine tief gezeichnete Linie über einen straffen Bauch bis hin zum Bauchnabel. Sie verriet, wie überaus schlank ihre Taille war, dass selbst die Umrisse der untersten Rippen deutlich zu erkennen waren. Ihr Körper war nie weich gewesen, wie er es von anderen Elfen kannte, und einzig der Schwung ihrer Hüften mochte mit viel Milde nicht als knabenhaft angesehen werden. Und dieser sehnige Verlauf ihrer langen Beine ließ ihn nicht länger daran zweifeln, dass ihr Körper sowohl in Ausdauer als auch Geschick im Kampfe trainiert worden war …

„Willst du die Frage noch einmal stellen?“, raunte sie.

‚Welche Frage?‘, schoss es Jornowell durch den Kopf, als er den Blick wieder in ihre Augenhöhe zwang. Als ihr Lachen erklang, wurde ihm allerdings klar, dass es laut ausgesprochen haben musste.

Statt ihn antworten zu lassen, flüsterte sie, beinahe verlegen auf den Boden schauend: „Dieser Ort ist voll von schönen Erinnerungen … Ich habe nichts dagegen, eine weitere hinzuzufügen.“

Oh, diese Frage! Jornowell wurde klar, dass sie ihn falsch verstanden hatte. Nicht den Ort – obwohl die Anteilnahme ihn erst zweifeln ließ – stellte er infrage, sondern ihren Willen. „Ich fragte dich, ob du es wirklich willst, ob du dir sicher bist mit mir. Ich möchte nicht wieder mein Herz vor deine Füße legen und dich davon laufen sehen.“

Geschmeidig wie eine Raubkatze auf der Pirsch kam sie auf ihn zu und hielt nur eine Fingerlänge vor ihm Inne. Ihre schwarzen Augen schimmerten in einer Note von Trotz: „Ich sagte es dir bereits: Ich bin niemand, den man leicht liebt.“ Sie schüttelte das dunkle Haupt. „Mein Herz … ich schloss es vor so vielen Jahrhunderten und begreife selbst nicht mehr, wie ich es …“ Sie biss sich auf die Lippen, als wollte sie sich selbst vom Reden abbringen. Dann jedoch begann sie von neuem: „Ja, ich zweifle, und das vielleicht für immer. Aber nach allem, was ich tat, der Liebe und des Glaubens wegen, nach allem, was ich verlor … Es wird nie wieder leicht für mich sein, zu vertrauen – zu lieben!“ Ihre Stimme war so zart, als würde sie jeden Moment brechen und sogleich so dunkel wie das Rauschen des Ozeans. Jornowell wollte ihr nahe sein, sie an sich ziehen, aber er ahnte, dass es ein Fehler wäre, sie zu unterbrechen. Zugleich war er gebannt von ihren Worten, wie sie ihn auch abschreckten. Ihr Ton änderte sich bei den folgenden Worten, ihre Augen suchten die Dunkelheit zu ihren Füßen: „Ich schwöre dir, ich trage dich und dein verfluchtes Lächeln tief in meinem Herzen ... und ... solange du bei mir bist, vergeht es nicht. Du bist meine Sicherheit, solange du hier bist.“

Kein Zweifel, keine Etikette, nicht einmal die Alben selbst würden ihn nun davon abhalten, sie an sich zu ziehen, um sie in einen langen Kuss gefangen zu halten. Das Gesagte klang in seinen Ohren wieder und breitete sich langsam in seinem Bewusstsein aus. Nie hätte er geglaubt, dass sein Weckruf vor zwei Tagen derart in ihr gewirkt hatte. Seine sture Fürstin! Die Kladde, welche sie aus seinem Zimmer gestohlen und wochenlang mit sich herumgetragen hatte, das eigenwillige Vertrauen, welches sie ihm seit Vahan Calyd schenkte … Anarion sollte in seiner jugendlichen Weisheit Recht behalten. Diese Elfe hatte allein mit sich selbst und ihren Gefühlen gehadert und so lange ihre eigenen Gefühle bekämpft – und er war so dumm und ließ sich darauf ein, entgegnete ihr mit derselben Kälte, welche von ihr ausging... Lange hatte er das jedenfalls nicht ertragen. Erst die Gerüchte, welche ihrem Ansehen schadeten, schließlich ihre offengelegte verletzte Seele, ihre Einsamkeit. Ihr Wesen hatte seine Selbstkontrolle zum Schmelzen gebracht. Zum ersten Mal hatte er nun eine Ahnung, was es bedeutete, ihr wirklich nahe zu sein, seine Gefühle erwidert zu wissen und schauderte bei der Tiefe ihrer Gedanken und Emotionen. All die Zeit war sie damit allein gewesen. Er würde dies nie wieder geschehen lassen.

Wo gerade noch die Leidenschaft den Puls seines Lebens gezeichnet hatte, stand nun die Vertrautheit mit dieser Elfe, der dunklen Fürstin Langollions, deren Hände wohl von mehr Blut als dem ihrer Patienten benetzt worden war, in deren Herz das Zwielicht herrschte und welche als Würdenträgerin niemals ganz die Seine werden würde.

Ein neues Gefühl von Wärme – Hitze – fuhr unter seine Haut, als er seine Hände um ihre Taille legte und sie langsam nach hinten drängte. Während er das tat, streifte er ungeschickt das dunkle Wams von seinen Schultern. Sein Hemd, welches er nicht weniger ungelenk und schließlich nur mit ihrer Hilfe über den Kopf strich, flog wenige Momente später ebenfalls auf den erdigen Boden.

Morwenna lehnte sich erneut an den moosigen Stamm des Baumes, an den er sie fester drückte, als er unter ihre Schenkel griff, um sie um seine Hüften zu legen. Ihre Haut an seiner zu fühlen, welche sich an ihn schmiegte wie eine kühle Brise des Winters, ließ seinen Verstand sirren. Ein weiterer tiefer Kuss, ihre Hände an den Verschlüssen seiner Hosen und die Welt um ihn herum, die Zweifel, sie waren vergessen.

Eine seiner bebenden Hände strich an ihrem flachen Bauch entlang, tiefer, bis – „So angetan?“

Morwenna knurrte: „Kannst du nicht einmal jetzt schweigen?“

Er wollte etwas erwidern, doch stockte, als ihre Hände endlich seine Beinkleider über seine Hüften strich und er kaum merklich später die Wärme zwischen ihren Beinen an seinen Lenden fühlte. Gegen die Trockenheit in seiner Kehle schluckend ließ er sich weiter gegen sie sinken, der besitzergreifenden Hitze entgegen. Seufzend zog sie ihre Beine enger um seine Hüften, ihre Augen, welche seinen Blick unnachgiebig erwiderten, wurden Nuance um Nuance dunkler bis er sich einem einnehmenden Obsidianschwarz verloren glaubte. Unter ihrem Starren dauerte es einige Herzschläge, ehe er ihre zitternden Fingerspitzen an seiner Wange fühlte. Er lehnte seinen Kopf in die Berührung, während er sich gegen ihr Becken bewegte. Bereitwillig kam sie seinem Fordern nach und erwiderte es mit fahrig-wilden Bewegungen. Ihre raue Leidenschaft traf ihn mit unverhohlener Heftigkeit. Längst konnte – wollte – Jornowell seine Erregung nicht mehr zähmen. Einen Unterarm stemmte er an den rauen Stamm neben ihrem Kopf, während die Hand seiner Linken unter ihr festes Gesäß griff, um sie noch näher an sich zu drücken. Sie lächelte und stöhnte und keuchte zugleich, als sie ihren Kopf in den Nacken warf, was ihre Locken unbändig tanzen ließ. Jornowell raunte den Namen seiner dunklen Fürstin, halb aus Angst, sich völlig in ihr zu verlieren, halb um sich endlich glauben zu machen, sie endlich wieder in seinen Armen zu halten.





***






Jornowell wandelte in einer anderen Sphäre, schwebte über dem Wind der Vergangenheit. Er war wieder ein Kind, welches es so sehr liebte, an der Hand seiner Mutter durch die Gärten Elfenlichts zu wandeln, während seine ältere Schwester gut ein paar Schritt vor ihnen ging und vergnügt sang. Diese Wandelgänge zwischen blühenden Bäumen und filigranen Bauwerken fanden meist dann statt, wenn sein Vater einmal mehr keine Zeit aufraffen konnte, um ihre Familie auf ausgedehnteren Ausflügen zu komplettieren. Jornowell würde es nicht so viel ausmachen – auch wenn er es liebte, die nahe gelegenen Siedlungen im Herzland zu besuchen, um auf den rasanten Wochenmärkten den Albenkindern beim Umherwuseln und Feilschen zu beobachten –, wenn er nicht wüsste, wie sehr seine Mutter darunter litt, ihre Kinder quasi allein großziehen zu müssen.

Der Geruch der königlichen Gärten lag moosig und schwer in seiner Nase, während ihre bunte Blütenpracht seinen Augen keine Ruhe ließ … Die Stimme seiner Schwester war verstummt, wie er plötzlich bemerkte. Eine andere, viel tiefere und sachlichere Stimme wurde laut:

„...Irgendwann wirst du es verstehen ... Luana musste gehen, bevor sie uns allen noch mehr geschmerzt hätte, als ihr Abschied es tut."

Jornowell sah verwundert zu seiner Mutter, deren Stimme und der eigenwillige, fast gereizte Tonfall gar nicht zu ihr passen wollten. Entsetzt sah er, dass seine Hand in der einer anderen Elfe lag, die ihm nicht völlig fremd war, aber so plötzlich mit Furcht erfüllte, dass er sich ihrer entriss. Irritiert bemerkte er, dass er nicht länger den kleinen Knirps mimte, welcher an der Hand einer viel älteren Elfe ging, sondern diese sogar überragte. Ihm war eigenwillig bewusst, dass er träumte, wie er es oft tat, aber auf völlig fremden Pfaden seines Unterbewusstseins wandelte. Die schwarzhaarige Elfe neben ihm schien nicht überrascht von seiner abweisenden Reaktion...

„Du wirst doch mich nicht fortschicken, oder? Ich verspreche, ich bin brav...", klang eine bedrückte, fast entsetzte Stimme vor ihnen.

„Ich weiß, meine Kleine..." Die Elfe lächelte, ihr Ton änderte sich völlig, als sie weitersprach: „Ganz anders meine jüngsten Söhne …Wohin sind sie nun schon wieder gelaufen?“

Verwirrt blickte er nach vorn, wo gerade noch seine Schwester gegangen war. Nun aber ging dort ein viel zierlicheres Mädchen, deren Schultern betrübt gesenkt waren. Sie stand am Rand der Obsthaine, welche an den Gärten Elfenlichts grenzten. Ihr entschlossen-strenger Blick suchte den der Elfe neben ihm, ehe sie heftig nickte: „Sie machen sich wieder schmutzig, während sie sich mit erfundenen Trollen balgen!“ Ihr Fuß stapfte auf den erdigen Boden, während ihr Kinn übertrieben hoch in die Luft stieg. „Gestern haben sie mein Katerchen grau angemalt und ihn durch die Hallen gejagt. Sie haben ihn einen hässlichen Troll-Kopf geschimpft!“

Die Elfe lächelte, doch die Tirade der Kleinen war noch nicht vorüber. Sie legte die Hände wie einen Trichter vor ihren Mund und rief in kleinkindlich-bockiger Manier zwischen die nahen Baumreihen: „Tiranu, Avenir! Kommt endlich zurück, ihr verlauft euch nur...Ich suche euch jedenfalls nicht!" Jornowell hörte die Beklemmung einer echten Furcht in ihrer Stimme heraus, welche allerdings irrational schien – sich in diesen lichten Wäldern zu verlaufen, war eigentlich unmöglich. Die dunkel gewandete Elfe neben ihm lachte nur bei diesen Worten.

„Lass nur", rief sie und nahm das zierliche Elfenmädchen bei der Hand. „Jungs sind nun mal Jungs!"

„Sie werden sich bestimmt nicht ändern!“, hielt das Elfenmädchen dagegen.

„Niemals“, stimmte die Ältere feixend zu. „Ein Umstand, welcher dem männliche Geschlecht eigen ist.“

Wieder nickte das Mädchen. „Luana hat sowas auch gesagt.“

Die dunkelhaarige Elfe erstarrte, hob die Brauen und beugte sich langsam zu ihrer zierlichen Begleitung herab, nein, korrigierte sich Jornowell – sie beugte sich in bedrohlicher Geste über sie! In ihren Augen blitzte es, ihr Ton schnitt wie ein Eismesser durch seine Adern: „Ich sage es dir zum allerletzten Mal: Rede nie wieder von ihr! Hast du mich verstanden!? Kein Wort mehr!“

Nicht nur Jornowell zuckte unter diesen Worten zusammen. Die junge Elfe fing, wahrscheinlich unbemerkt, an zu zittern und umfing sich mit ihren Ärmchen selbst. Keine weiteren Worte entrangen sich ihrer Kehle, während sie mit feuchten Augen gehorchend nickte. Die Elfe erhob sich, betont langsam: „Ich nehme es als Versprechen. Sollte ich je erfahren, dass du es brichst, sorge ich persönlich dafür, dass nichts mehr von … ihr … übrig bleibt, über das es sich zu sprechen lohnt. Hast du mich verstanden?!“

„Ja, Mutter.“



***






Der moosig-würzige Geruch blieb, als Jornowell erwachte. Er blinzelte den Schlaf aus seinen Augen und wurde dabei von hellgoldenen Lichtstrahlen geblendet, welche zwischen den Gewächsen ihren Weg ins Dickicht suchten.

Es war ungewöhnlich warm, dazu stickig wie in einem ...

Jornowell riss die Augen auf und richtete sich schlagartig auf. Die Orientierung kam hart wie ein Hammerschlag. Der Tag war längst angebrochen ... das konnte er selbst unter den dicht gewachsenen Baumkronen erkennen. Verdammt! Die Festgesellschaft …

Er griff neben sich, um seine Kleidung zu suchen. Stattdessen ertastete er etwas viel Weicheres und ...

Morwenna!

Die Elfe lag zusammengerollt neben ihm, ihr langes Kleid war ausgebreitet über ihrer hellen Haut und bedeckte sie doch kaum. Mit ihrem Anblick kamen die Erinnerungen an die letzte Nacht zurück. Jornowell schauderte und lächelte zugleich wie ein Jüngling, welcher das erste Mal wirklich und über beide Ohren verliebt war. Sie hatten sich mit einem Feuer geliebt, welches ihn nur selten ergriffen hatte. Ihre Leidenschaft war verzehrend gewesen, ihre Worte wahrhaftig, ihre Gesten nicht verstellt und unbeirrt...

Der Sohn des Alvias lehnte sich über die schlafende Gestalt und pustete ihr unter einem Feixen das Haar aus dem Gesicht. Ihre ruhigen Züge sprachen von einer Unschuld, welche er nie wieder bei ihr vermuten könnte. Gegen seinen Unwillen, sie zu wecken, strich er mit den Fingerspitzen über ihren Arm. „Morwenna ... ungern reiße ich dich aus deinen Träumen von mir, aber ich fürchte, die Pflicht ruft!"

Ein Grummeln löste sich von der Gestalt vor ihm: „Sag ihr, sie soll morgen wieder kommen!“ Ihre Züge verzogen sich in eine unwillige Miene. „Bei den Alben, sie ist nur schwanger und liegt nicht im Sterben!" Jornowell beherrschte etliche Sprachen, doch bei ihrem Nuscheln brauchte selbst er seine Zeit, um das Gesagte zu verstehen – und lachte in sich hinein.

„Die Gesellschaft verabschiedet sich heute Vormittag ...", korrigierte Jornowell. „Nach einem vermutlich längst an uns vorbeigegangenen Frühstück. Dein Bruder wird uns beide ..."

Augenblick fuhr auch Morwenna in die Senkrechte und blickte ihn empört an. Für einen Moment dachte Jornowell an seinen eigenwilligen Traum zurück und wunderte sich – das Mädchen, welches ihn dort mit diesem trotzigen Blick angesehen hatte, glich der Elfe vor ihm in so vielem. Er drückte ihr einen Kuss auf die gerunzelte Stirn – worauf sie sich noch mehr verzog – und erhob sich.

„Wir sind eingeschlafen", stellte die Fürstin fest und starrte auf die Sonne, die verräterisch hoch über den Scheiben des Gewächshauses stand.

„Wundert es dich?" Der Weltenwanderer blinzelte ihr zu, was ihm nur einen unbeeindruckten Blick einbrachte. Währenddessen hatte er bereits sein Hemd übergestreift und seine Hose über die Hüften gezogen. Wo waren seine Stiefel?

Auch in Morwenna war Leben gekommen. Die Elfe löste fluchend die Spangen aus ihrer teilweise gelösten Frisur, bis die wirren Locken offen über ihre Schultern fielen. Trotz des unangenehmen Erwachens gelang es ihr doch, würdevoll auszusehen, während sie mit gespreizten Fingern durch das Haar kämmte. Jornowell beobachtete sie schweigend und glaubte sich noch immer in seiner Traumwelt gefangen. Das Gesagte in der letzten Nacht schien ihn mehr zu verfolgen, als er zunächst geglaubt hatte. Was hatten seine wirren Gedanken für eine merkwürdige Konstruktion aus Halbwissen und Emotion gebildet?

„Du wirst mir helfen müssen, das Kleid anzuziehen", raunte sie ihm zu und riss Jornowell damit aus seinen Überlegungen. Er schloss entgeistert die Augen, als er die filigrane silbernschimmernde Knopfreihe beäugte, welche sie gerade mit flinken Fingern öffnete, ehe sie in den schweren Stoff stieg. Das mussten hunderte schwer zu greifende Knöpfchen sein!

Während sie mit einer Hand das Oberteil an ihrer Brust hielt, wandte sie sich ihm zu. Seufzend strich er ihr Haar über die blanke Schulter und zurrte den Stoff zu Recht. Ihm entging nicht, wie tief sich die Rinde des Baums während der letzten Nacht an ihrem Rücken verewigt hatte und musste unwillkürlich lächeln. „Ich fürchte, ich habe mehr Übung darin, Damen zu entkleiden, als ….“

Morwenna stöhnte auf: „Kannst du nicht einmal den Mund halten?“

„Gestern Nacht hast du dich nicht beschwert.“ Jornowell feixte – und fluchte im nächsten Moment, als sich ein besonders störrischer Knopf seinem Griff entzog.

„Glaubst du …“, sie stockte, als ihre Stimme brach. „War es ein Fehler?“

Die Erheiterung wich dem Ernst und sein Herz zog sich schmerzlich zusammen, als würde es unter dem Gesagten erschrocken zucken. Dann griff er den Stoff und zog sie an sich. „Nur, wenn du es zu einem machst“, raunte er beschwörerisch in ihr Ohr. Er würde ihr keine Vorwürfe machen. Wahrscheinlich hatte sie mit ihren Bedenken sogar Recht. Aber sie würden noch genug Zeit haben, über alles, was sie bewegte, zu sprechen. Vorausgesetzt, sie zog sich nicht wieder hinter ihrem Wall zurück.

„Wie kann man an einem solchen Morgen nur so verkopft sein“, murrte er schließlich doch und schloss den letzten, mit Seide bezogenen Knopf.

„Wie kann man morgens nur so viel reden“, hielt sie dagegen uns sammelte ihren Schmuck zusammen. Ihr Lächeln, welches sich schlecht verborgen hinter ihren Locken zeigte, enttarnte ihre Neckerei.

Eine gefühlte Ewigkeit später traten die beiden ins Freie vor dem Glashaus, wo Jornowell gewissenhaft die durchscheinende Tür verschloss, um die feuchte Kälte nicht hinein zu lassen. Ihm war, als würde er hinter dieser Tür auch die Magie der letzten Nacht einsperren.

Der Weg zur steinernen Treppe war klamm und matschig, doch wenigstens die Regenwolken waren weiter gezogen. Stattdessen zog ein feiner Nebel über die Wälder am Fuße der Klippen. Je weiter sie die Stufen hinaufstiegen, desto klarer wurde die Sicht. Jornowell seufzte, als er als erstes die weitläufige Terrasse erblickte und die letzte Stufe erklomm. Ihm wäre lieber, der Nebel stünde hier so dicht, dass er nicht sehen könnte, was sich dort vor dem Landpalast abspielte.

Denn was er sah, munterte diesen trüben Morgen nicht unbedingt auf: In gut sechzig Schritt Entfernung saß die ihm flüchtig bekannte Adelsfamilie um den Grafen von Wasu auf ihre Pferde auf. Die dunkle Gestalt Tiranus stand ein Stück entfernt und nickte den Elfen zum Abschied zu. Kaum war diese Geste der Wertschätzung getan, erklang das Klappern der Pferdehufe auf dem steinernen Untergrund und die Reisegesellschaft machte sich langsam über die breitstufigen Treppen auf. Vermutlich führte ihr Weg zum naheliegenden Albenstern, welcher sie entweder zurück in die Hauptstadt, oder je nach dem Verlauf ihrer Planung, direkt in ihre Grafschaft bringen würde.

Es waren wohl die letzten Würdenträger gewesen, welche sich vom Fürsten verabschiedet hatten, denn außer ihm und zwei Dienern befand sich niemand mehr auf dem großen Außenhof vor dem alten Gemäuer des Anwesens.

Das Ende der Verhandlungstage war gekommen – und er, Jornowell, hatte es verpasst!

Mit schwerem Herzen ließ er Morwenna an sich vorbeigehen, welche stumm Tiranus Blick auffing. Der Fürst schickte die Diener ins Innere und kam mit festen Schritten auf sie zu. Auf seinen Zügen lag ein böses Lächeln: „Ich hoffe, es hat sich gelohnt." Seine Musterung sprach Bände.

Morwenna wollte etwas sagen, doch ihr Bruder hob eine Hand. „Ich will es nicht hören.“ Er schnaubte und schüttelte dann sein Haupt. „Heute Morgen kam ein Bote aus Arkadien.“

Jornowell zog verwundert die Stirn kraus. Was mochte so wichtig sein, dass der Bote nicht im Rosenturm auf ihre Rückkehr gewartet hatte?

Tiranu hob die Hände in gespielter Verwunderung. „Wahrscheinlich wissen nicht einmal die Alben den Grund, warum, aber Fürstin Valaria erklärt ihre Bereitschaft, ein Handelsabkommen mit Langollion zu schließen…"

Vor ihm keuchte Morwenna auf und er konnte nicht sagen, ob vor Überraschung oder Erleichterung. In Jornowell begann es derweil unkontrolliert zu arbeiten, denn mit einer solchen Entwicklung hätte selbst er nicht gerechnet. Er kannte Valaria, ein wenig zumindest, und wusste, wie eitel diese Elfe war. Ein Abkommen zwischen ihr und den zweifelhaften Fürsten Langollions? Undenkbar! Eigentlich ... Besonders nach seiner 'Rangelei' mit ihrem Vetter auf dem Fest an ihrem Hof vor so vielen Wochen. Ihr musste zu Ohren gekommen sein, dass er, der Störenfried dieser Feierlichkeit, nun im Dienste Langollions stand. Weshalb also hatte sie plötzlich ihre Meinung geändert?

„Anarion!", rief Morwenna dann aus und wandte sich zu ihm, als wüsste er um diese Verschwörung genauestens Bescheid. Sie musste glauben, er hätte diese Wendung herbeigerufen …dabei … dann fiel es auch ihm wie Schuppen von den Augen ... Sein kleiner, wahnwitziger Neffe!

Der Weltenwanderer lachte auf und griff Morwennas Hand. Sie musste Recht haben: Anarion hatte seine selten ruhigen Finger im Spiel und das Unmögliche geschafft! Mit diesem Abkommen wäre Langollion nicht länger ohnmächtig in seiner Lage gefangen, sondern endlich finanzkräftig genug, um wirkliche Umstrukturierungen in seiner maroden Gesellschaft vornehmen zu können. Als ginge es um sein eigenes Land, freute er sich für die Geschwister und eine ganze Lawine von Geröll fiel von seinem Herzen.

Als er seine Augen von Morwenna löste, bemerkte er, dass Tiranus unleserlicher Blick auf ihm lag. Seine markanten Züge sahen ungewohnt müde aus, doch waren sie nicht mehr ganz so hart wie in den tagelangen Diskussionen, welche sie zum Wohle oder Wehe Langollions – und ihres Stolzes – geführt hatten. „Ich weiß zwar nicht, wie du das geschafft hast ... oder wer dieser Anarion sein soll, aber..." Er atmete tief durch und sah zum Himmel, als er ein fast unverständliches „Anscheinend hast du zur Abwechslung etwas richtig gemacht" hervorstieß.

Als Jornowell unglaubend den Blick der Elfe neben ihm suchte, wirkte diese nicht minder überrascht, ja geradezu geschockt: „Was hast du gerade gesagt?"

Mit zusammengekniffenen Augen sah der Fürst abwechselnd zu Morwenna und Jornowell: „Noch mal sagen werde ich das bestimmt nicht ... und ... sagt euch das Wort 'Diskretion' denn gar nichts?" Er hob eine Augenbraue, als er erneut vielsagend den Blick über sie schweifen ließ: „Ihr seht schlimmer aus als ungewaschene Fjordländer ..."

Mit diesen Worten wandte er sich um und schritt langsam Richtung Haupthaus.

Morwenna feixte: „Ich glaube, das war seine Art, Danke zu sagen!"

„Ich bin … beeindruckt, schätze ich“, raunte Jornowell, wohl wissend, dass dieser ‚Dank‘ nicht wirklich verdient war. „Allerdings ist das Abkommen noch nicht getroffen … Wir sollten nicht euphorisch werden, ehe Valarias Gold in der Staatskasse klingelt.“

„Mich nennst du verkopft, ja?“ Sie sah ihn durchdringend an. „Du sprichst von ‚Wir‘. Bedeutet das etwa, dass du weiterhin in unseren Diensten stehen willst?“

„Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass ihr alles, was ich bisher mühsam aufgebaut habe, wieder verkommen lasst!“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich bleibe dein pflichtbewusster Hofmeister, keine Sorge. Für eine Zeit. Die wirkliche Arbeit beginnt erst jetzt. Und ich möchte verdammt sein, wenn ich sie nicht zu Ende bringe…“

Die Fürstin hob mit einem zuckendem Mundwinkel die Braue: „Ich bin … beeindruckt, schätze ich.“
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Steff
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Re: Keine Rose ohne Dorn

Beitrag von Steff » Do 12. Nov 2015, 19:19

Epilog – Nur ein Traum

Der Abend war schnell über das Land gekommen. Fast nicht schnell genug, dachte Morwenna, die junge Fürstin, als sie mit gerafften Röcken die Treppen zu ihren Gemächern hinaufschritt. Seit dem frühen Morgen war sie in den Heilhäusern gewesen, wo die Lage langsam aber sicher außer Kontrolle geriet. Die Armut ließ einen Großteil der Bedürftigen zu Patienten werden, entweder weil ihre Körper und Seelen so ausgelaugt waren, dass sie auf offener Straße zusammenbrachen, oder weil die sicheren Essensrationen, welche von Helfern in den Heilhäusern verteilt wurden, allzu verlockend auf sie wirkten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Situation für die Heiler der Stadt nicht mehr zu bewältigen sein würde.

Erschöpft trat sie vorbei an den Wachen durch die Tür in ihrer Gemächer, wo sie der warme Schimmer von Barinsteinen empfing, ebenso wie die vertraute Note von Rosenöl und dem Eigengeruch des Holzinterieurs. Und das strahlende Lächeln eines aschlonden Elfen, dessen verschiedenfarbige Augen in den Brauntönen erdigen Bachkiesels und dem Blau des klaren Februarhimmels verschlagen blitzten.

In gönnerhafter Manier bedeutete er ihr, neben ihm Platz zu nehmen. Sein Lächeln konnte allerdings nicht verbergen, wie müde seine Züge erschienen. Dazu seine zerzausten Haare, die unordentlich wie nie in einen Knoten gefasst waren, und seine zerknitterte Tunika … Morwenna schüttelte das Haupt als sie ihn musterte, was ihr nur ein Augenrollen einbrachte. Seit die Verhandlungen mit Valarias Bevollmächtigten im Rosenturm seit nunmehr vier Tagen andauerten, mahnte sie ihn immer wieder, sich nicht zu übernehmen. Jornowell aber empfand diese Anhaltungen eher für … lästig.

Als sie sich gehörig Zeit lassend zu ihm begab und mit anerkennendem Blick das Teeservice musterte, welches auf dem gläsernen Beistelltisch arrangiert war, sprang er unvermittelt doch auf die langen Beine und zog sie an sich: „Du hast mich lange warten lassen.“

Morwenna lächelte entschuldigend, als sie sich auf die Sitzbank sinken ließ. Wenn sie ehrlich war, hatte sie vergessen, ihn heute zum Abendessen treffen zu wollen. Dafür schien es wohl zu spät. „Man könnte meinen, es sei eine Epidemie ausgebrochen, wenn man die Häuser der Heilung betritt.“ Die Elfe schnaubte. „Der Tag wollte nicht enden …“

Dankend griff sie nach der dampfenden Porzellantasse, welche Jornowell ihr soeben reichte. Anschließend ließ er sich theatralisch seufzend neben sie auf grüngepolsterte Sitzbank fallen, seine nackten Füße platzierte er lässig auf der Tischplatte. Der neuernannte Hofmeister strich sich durch das Haar und lehnte den Kopf zurück. Im Schein der Barinsteine leuchteten seine Gesichtszüge in warmen Tönen. Trotzdem entging ihr nicht, wie tief die Ringe unter seinen verkrampft geschlossenen Augen waren, oder wie blass die Haut unter dem magischen Schein wirklich anmutete. „Mir geht es genauso“, murrte er. „Die Arbeit will nicht aufhören, immer weiter auszuufern. Diese Unterhändler Valarias … Sie müssen glauben, sie wurden von den Alben persönlich gesandt! Und es wird nicht besser … Amana verlangt nach meiner Hilfe in Larion.“

Morwenna runzelte die Stirn. Amana war die Gattin eines ihr entfernten Vetters, welcher bereits lange verstorben war. Zu den vergangenen Debatten mit dem Adel war sie nicht zuletzt aber auch wegen ihrer langjährigen Erfahrung in Handelsführungen geladen und schließlich interessant geworden. Als Spross einer der einflussreichsten Händler Langollions schien es ihr in die Wiege gelegt, einmal – trotz der unverhofften Heirat in ein Adelshaus – ihre eigenen Geschäfte zu großem Erfolg zu führen. Was sie auch bewiesen hatte. Ihr Name war, soweit es den Güterverkehr mit Tuch und Garn betraf, weit über die Grenzen der langollischen Küste bekannt geworden. Morwenna hatte sie als Nachfolge für die Führung eines unbesetzten Handelskontors vorgeschlagen – und schließlich war die Elfe nach Larion, eine Provinz im Süden, gezogen, wo sie, die Alben mochten ihr helfen, den Ausbau der Werkstätten und die Lager der Edelholzvorkommen unterstützen würde.

„Du wirst nach Larion reisen?“ Die Heilerin war nicht eben glücklich, dies zu hören. Sicher, sie war ihm dankbar. Sein Einsatz war die reinste Selbstaufopferung für ihr Reich aber eben dort lag das Problem. Seit dem Ende der Zusammenkunft des Landadels und der Handelsgilden waren gerade einmal sechs Tage vergangen, aber Jornowell sah aus, als hätte er jahrelang allein und schutzlos im Sturm ausgeharrt. Wenn er nicht bald sein Arbeitspensum einschränkte, würde er zusammenbrechen.

Er sah sie an und lächelte aufmunternd: „Ich werde dich auch vermissen.“

Morwenna atmete tief durch und stellte die noch immer heiße Tasse auf den niedrigen Beistelltisch aus olivgrünem Glas. Es war typisch für ihn, ihre Warnungen einmal mehr in den Wind zu schlagen. Doch dies war längst nicht alles, was ihr Sorge bereitete. Es gab noch ein weiteres Problem: „Jeder scheint es zu wissen …“

„Dass du mich vermissen wirst?“ Jornowells Ton klang provokant spöttisch, aber liebevoll zugleich. Er wusste doch genau, wovon sie sprach! „Von uns“, flüsterte sie, als galt es selbst hier, im Vorzimmer ihrer privaten Gemächer, im Schutz der nahen Nacht, das Gesagte und dessen Bedeutung geheim zu halten.

Jornowell griff ihre Hand und lehnte sich so weit vor, dass er unter ihren Locken hindurch auf ihr Gesicht schielen konnte: „Das hätte uns klar sein müssen, nachdem wir im Palast deiner Schwester wie – wie hat es dein Bruder so passend ausgedrückt?– ‚ungewaschene Fjordländer‘, in den Roben der Vornacht durch die Gänge geschlichen sind … in deine Gemächer, zu zweit, vorbei an der gesamten Dienerschaft. Und auch hier im Rosenturm … eigentlich bin ich mehr oder weniger bereits in deine Gemächer eingezogen.“

„Du hast dich an mir vorbei in meine Gemächer gedrückt im Palast meiner Schwester. Und hier … Innerlich die Haare raufend dachte sie an das erschreckend kleine Bündel an Kleidung und privaten Gegenständen von dem berühmten Weltenwanderer, welches zerknautscht auf dem Boden neben ihrem Bett seinen ‚Ehrenplatz‘ gefunden hatte. „Es ist nicht so, dass du nicht dein eigenes Gemach hättest.“

„Ach das … der Balkon ist viel zu klein und die Teppiche haben eine schreckliche Farbe“, führte er in pikierter Manier aus. „Außerdem die Lage … man sollte nicht meinen, in einem Turm einen derart langen Weg zur Arbeitsstätte bewältigen zu können.“

Die Fürstin schloss die Augen und schalt sich einmal mehr eine Närrin, Jornowells Versuch, sich in ihren Räumen auszubreiten, nicht umgehend unterbunden zu haben. Seine Begründung hatte allerdings einen Damm gebrochen, von dem sie bis dahin nicht einmal gewusst hatte. ‚Damit du keine Zeit hast, dir allein das hübsche Köpfchen darüber zu zerbrechen, ob ich nicht doch ein Fehler sein könnte‘, hatte er damals – vor nicht einmal ganzen fünf Tagen – gesagt, kaum dass er seine Tasche auf den Boden in ihrem Schlafzimmer hatte fallen lassen. ‚Hier der Beweis, ich meine es ernst.‘

„Jornowell …“, mahnte sie ihn. Die Art, in der er diese ganz spezielle Sorge aufzunehmen pflegte, missfiel ihr gehörig.

„Ich habe es dir schon einmal gesagt: Wenn sie spotten, ist mir das gleich. Wenn sie es missbilligen, ebenso … und um meinen Ruf brauchst du dir im Übrigen keine Sorgen zu machen“, entgegnete er fast gereizt. Der Schlafmangel machte sich längst bei ihm bemerkbar.

„Das sagst du nun.“ Die Elfe wandte sich ihm zu, sah in seine ausdrucksstarken, verschiedenfarbigen Augen, welche ihr so viel zu sagen versuchten. „Es wird nicht lange dauern, bis die Ablehnung, welche mir entgegenschlägt, auch dich trifft. Wie könntest du damit umgehen, plötzlich verachtet zu werden?“

Der Sohn des Alvias schüttelte das aschblonde Haupt: „Lass das meine Sorge sein.“

„Du und Sorgen? Das höre ich zum ersten Mal.“

„Ich meine es, wie ich es sage, Morwenna“, hielt er sie erstaunlich hart an und legte den Kopf schief, um sie mit einem unterschwelligen Ausdruck des Misstrauens zu mustern. Ihr wurde unwohl, als er weitersprach: „Seit unserem Gespräch im ‚gläsernen Palast‘ mehr noch als davor. ‚Ich würde dich verschmähen, wenn ich dich wirklich kenne‘, hast du mir damals offenbart. Während du dich um mich sorgst, beginne ich mich zu fragen, weshalb dir noch immer jedes Mittel recht ist, mich davon zu überzeugen, einen Fehler zu begehen. Jedes Mittel, bis auf die Wahrheit …“

Die schwarzgelockte Elfe bekam große Augen. Mit dieser Reaktion hätte sie nicht gerechnet. In ihr begann es derweil zu arbeiten, tausende mögliche Szenarien prägten sich in ihre Gedanken. Vordergründig, die Angst, ihn wirklich zu verlieren. „Jornowell“, raunte sie und fand keine Worte, um weiterzusprechen.

Doch der Elf neben ihr hob nur eine Hand: „Verzeih, ich wollte nicht… Es … Ich werde dich nicht unter Druck setzen, was das angeht.“ Er stockte, lenkte den Blick ins Leere. „ Es ist nur … in dieser Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Er verfolgt mich, bis heute, so real erschien er mir.“

„Was für ein Traum war das?“

„Von deiner Mutter, wie sie dich behandelte … Nachdem sie offenbar Luana fortschickte und du nicht aufhören konntest, von ihr zu reden. Du riefst nach deinen Brüdern, als hättest du Furcht, auch sie zu verlieren.“ Er zog die Brauen zusammen und schüttelte den Kopf. „Es ist nichts … Wahrscheinlich hat die Umgebung, die Erzählungen von dir … wahrscheinlich hat das alles mein Unterbewusstsein durcheinander gebracht …“

Morwennas Hals war eng, als würden sich riesige Hände immer enger um ihn legen. Wie sehr mochte ihn dieses Thema wirklich beschäftigen, wenn es sogar seine Träume heimsuchte? „Ich sagte dir bereits, Luanas Fortgang war nicht so schlimm, wie …“

Jornowell hob die Brauen, dann nuschelte er im nonchalanten Ton: „Es schien dich aber zu treffen… Nicht nur in meinem Traum.“ Räuspernd erhob er sich von der Sitzbank, um mit langen Schritten zum Schlafgemach herüber zu gehen.

Es dauerte eine gute Weile für die junge Elfe, das Gesagte zu erfassen. Morwenna wusste, wie überarbeitet Jornowell war, wie gereizt er sein musste. Aber seine Worte … woher wusste er das, was er angeblich nur im Traum gesehen hatte? Seine Art, diese Sache anzugehen, wollte nicht zu ihm passen. Das sprach allerdings nur dafür, wie sehr es ihn wirklich bewegte.

Die Heilerin war sich nicht sicher, was sie ihm entgegnen konnte, um ihn nicht weiter zu verstimmen. Auch sie stand auf und folgte Jornowell in das Schlafgemach. Im Schein der Feuerschalen war der blonde, hochgewachsene Elf dabei, das mickrige Bündel, welches seinen einzigen Besitz in seiner neuen Heimat darstellte, auseinanderzuklauben. Die Tasche lag nunmehr auf ihrem Bett, wo sie geflissentlich in ihre Einzelteile zerlegt wurde. Jornowell hielt den Rücken zu ihr gewandt, nichts war mehr von seinem warmen Empfang nach ihrem langen Arbeitstag in den Heilhäusern der Hauptstadt geblieben.

Die Fürstin trat hinter ihn und schlang ihre Arme um seinen Oberkörper. „Ich werde dich also nicht los?“

„Vergiss es“, raunte er und entspannte sich in ihrer Umarmung. „Ich kann genauso stur sein, wie du auch. Ganz egal, wie sehr du dich in Andeutungen, Geheimniskrämerei und Ausflüchten verstrickst. Ich werde dich und meine Gefühle für dich nicht aufgeben …“

„Das will ich auch nicht“, wisperte sie in sein spitzes Ohr. „Wirklich nicht.“

„Warum machst du es mir dann so schwer?“ Fast verzweifelt schmiss er das dunkle Wams, welches Tiranus Schneider für ihn gefertigt hatte, auf das Laken.

„Ich werde versuchen …“ Irritiert schaute die Elfe auf. Dort! Auf dem elfenbeinfarbenen Laken bewegte sich etwas … Sie löste die Arme von Jornowell und trat angewidert einen Schritt zurück. „Ist das eine Motte?!“

Auch sein Augenmerk fand die winzig-quirlige Gestalt, mit verhältnismäßig großen Flügeln und langen Fühlern, die tastend über das helle Laken fuhren. „Oh.“

„Wie kommt sie in deine Tasche?“ Sie hob entsetzt die Brauen. „Bei den Alben, Jornowell, was hast du da alles drin? Und wie lange hast du sie nicht mehr ausgeräumt?“

Statt zu antworten, griff er nach dem Insekt und ließ es auf seine Hand krabbeln. Ihr fiel auf, dass am langen Hinterteil des Tierchens eine fingernagelgroße Verdickung war. Sie schimmerte heller, je länger sie auf seiner Hand umherfleuchte. „Das ist ein Falter, keine Motte…“

„Das ist beides … widerlich. Wie kam sie in deine Tasche?“

„Sie hielt sich an dem dunklen Wams fest … Siehst du das Leuchten? Die Kokons in den Gewächshäusern deiner Schwester … Sie muss von dort stammen!“

Morwenna runzelte die Stirn, das klang für sie eher nach einer Ausrede … andererseits: Dieses goldgrüne Schimmern… So eine Kreatur hatte sie noch nie gesehen. Eine Kreuzung aus einem Falter und einem Glühwürmchen? Sie erinnerte sich an die Lichtkokons in den Ziehhäusern. Das Schimmern wirkte tatsächlich ähnlich.

„Sie gefällt mir“, sinnierte er, als er die Hand ganz nah vor sein Gesicht hielt. „Sie hatte Durchhaltevermögen, so lange ohne Nahrung und Wasser zu überleben. Hier, sieh mal!“ Unvermittelt hielt er das Tier direkt vor ihre Nase. Mit verzogenen Lippen wich sie vor seiner Hand weg, doch der Falter hatte sich längst flatternd von ihr erhoben und flog genau in die Richtung, in die sie sich geflüchtet hatte.

Jornowell begann schallend zu lachen, als der Falter in seinem Torkelflug ihr Gesicht streifte und ihr bitterböser Blick ihn traf. Er umfing sie und küsste feixend ihre Nasenspitze, welche stolz unter zusammengezogenen Augenbrauen erhoben war. „Ich bin froh, dass du dich wenigstens ab und an wie eine normale Elfe verhältst …“

Ihr Blick wurde eine Spur dunkler: „Gewöhn dich besser nicht daran!“ Ihr Blick suchte nach dem kleinen Falter, der inzwischen längst sein Heil in der Flucht gesucht hatte. „Wo ist das Mistvieh?“

„Wirklich? Du bist mit mir, dem Elfen deiner Träume, allein in deinem Schlafzimmer … zum ersten Mal seit Tagen … und du kümmerst dich um dieses arme Geschöpf, das – “

Morwenna seufzte und ließ die Schultern sinken: „Hör einfach auf zu reden ...“ Sie schlang die Arme um seine schlanke Taille und küsste ihn. Heute Nacht wollte sie nicht länger an Sorgen, Befürchtungen … und schon gar nicht an die Vergangenheit denken.

Dennoch, Stunden später, erschöpft in den Armen ihres Geliebten eingeschlafen, träumte sie von einem langen Spaziergang mit ihrer Mutter und ihren jüngeren Brüdern, ihren Fragen nach Luana und der Drohung Alathaias, welche sie ihr Leben lang nicht vergessen sollte …

Als sie erwachte, griff sie instinktiv nach der warmen Gestalt neben sich und drückte ihr Gesicht an seine Halsbeuge. Ihr Atem ging schnell, das Herz raste.

„Was hast du?“, grummelte der Weltenwanderer neben ihr, seine Arme wieder fest um sie legend.

„Nur ein Traum.“

„Du musst nicht mehr träumen, meine Schöne“, flüsterte er noch immer schlaftrunken. „Ich bin hier, ich passe auf, dass du endlich lebst und nicht mehr träumst.“

„Du bist doch selbst der größte Traumtänzer, den ich kenne …“

„Vermutlich der einzige, den du kennst.“

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Damit findet diese Story ihr Ende. Vielen Dank für eure Leserschaft! Ich hoffe doch sehr, dass ihr in Zukunft auch wieder dabei seid, um noch mehr von den beiden in der Fortsetzung zu lesen. Ich habe schon ein paar Kapitel geschrieben und ja, es wird um Tiranu gehen, aber auch Emerelle wird dabei sein, Xern, Obilee, auch einige Nebencharaktere von hier.
Ich hoffe, euch dann wieder begrüßen zu dürfen und von euch zu hören.

Schreibt mir, was ihr von der Story gehalten habt.
Liebe Grüße
Riniell
Profil meines Fanfiktion-Accounts: http://www.fanfiktion.de/u/Riniell

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